Prozessorgeflüster

Von Riesen und Steinschleudern

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Die International Solid-State Circuits Conference (ISSCC) in San Francisco glänzte aus Prozessorsicht diesmal weitgehend mit Aufgüssen der Hotchips-Konferenz vom August 2012, aber hier und da auch mit ein paar Neuigkeiten.

Den Reigen in der Prozessor-Session eröffnete IBM mit ein paar wenigen neuen Informationen zum zNext-Mainframe-Prozessor, zEC12. Auch Oracle wiederholte weitgehend die Infos zum 16-Kerner UltraSparc T5 und Fujitsu gab zusätzliche Details zum 16-Kerner SPARC64 X „Athena“ bekannt. Allein die Chinesen in Gestalt von Professor Weiwu Hu konnten mit etwas Neuem aufwarten, nämlich mit dem Godson-3B1500. Der in 32 nm gefertigte 8-Kern-Chip soll bei 1,35 GHz immerhin 173 GFlops leisten und sich dabei auf nur 40 Watt beschränken. Aber irgendwie wartet man immer noch auf den vor Urzeiten mal angekündigten Supercomputer Dawning 6000 mit dem vor zwei Jahren ebenfalls von Weiwu Hu vorgestellten Vorgänger Godson 3B.

Intel glänzte auch, und zwar durch Abwesenheit, war nur in zwei anderen ISSCC-Sessions präsent, wo es um Power-Management-Techniken und schnelles I/O (mit 1 TBit/s pro Port) ging. Dabei hätte Intel doch zumindest was über die nächste Itanium-Generation Kittson zu berichten gehabt – nämlich dass man bei diesem letzten Mohikaner nun ganz kräftig zurückrudern will. Nix mehr mit modernem 22-nm-Prozess mit Trigate-Transistoren, sondern nur noch preiswerte Nachnutzung des altbewährten 32-nm-Prozesses. Keine Plattform-Kompatibilität zu kommenden MP-Xeons mit PCIExpress 3.0 und DDR4, sondern schlichter Sockelfolger zu den bisherigen Itanium-Systemen mit PCIExpress 2.0 und DDR3. Also nur noch ein bisschen Modellpflege im Itanium-Hospiz – das wars dann.

Aber da gibt es ja noch AMD. Business-Chefin Lisa Su durfte die Eröffnungsrede der ISSCC halten, die sie für Werbung für die Heterogeneous System Architecture HSA nutzte. Hier steht der nächste Schritt bevor: Mit Kaveri wird ein gemeinsamer Adressraum von CPU und GPU eingeführt, was eine feinkörnige Verzahnung von gemeinsamen Berechnungen ermöglicht. Bisher befinden sich die beiden zwar in einem Chip, laufen aber getrennt jeder für sich, verbunden über einen schnellen internen HyperTransport-ähnlichen Bus.

Und AMDs Inseln?

AMDs Prozessorentwickler präsentierten kurze Zeit später „Jaguar, A Next-Generation Low-Power x86-64 Core“. Die Überschrift kommt einem irgendwie bekannt vor – just unter dem gleichen Titel wurde der designierte Spielkonsolen-Antreiber auch schon vor einem halben Jahr auf der genannten Hotchips-Konferenz vorgestellt. Da hatte noch Jaguar-Chefarchitekt Jeff Rupley den Vortrag gehalten – doch der ist, wie zahlreiche AMD-Kollegen in Austin auch, derweil zu Samsungs dortigem Forschungs- und Entwicklungszentrum gewechselt. Da fragt man sich, was denn Samsung nun mit diesem geballten eingekauften x86-Know-how anfangen will … Vielleicht hätte Samsung zusätzlich noch ein paar gute Programmierer anheuern sollen, etwa solche, die sich mit UEFI auskennen. Dann könnte man wohl nicht mit Ubuntu-Crash-Dumps oder einfachen Windows-API-Aufrufen die moderne Samsung-Notebook-Generation zur dauerhaften Selbstaufgabe bewegen (siehe Seite 46).

Okay, der ein oder andere AMD-Mitarbeiter ist noch nicht bei Samsung gelandet, etwa AMD-Fellow Teja Singh, der einst mit Alchemy zu AMD kam. Er berichtete nun auf der ISSCC, dass die Jaguar-Chips gemäß der Simulationen mehr als 1,85 GHz erreichen, dass sie sich zwischen 5 und 25 Watt TDP bewegen, dass sie auch einen kleinen energieoptimierten Loop-Cache (4 × 32 Byte) besitzen und dass die Kerne zum Teil deutlich schneller aus den Schlafzuständen C6 und CC6 aufwachen sollen als beim Vorgänger Bobcat.

Zwei Prototypen mit Jaguar-Kernen konnte AMD wie zuvor schon auf der CES vorführen, nämlich Temash im 5-Watt-Bereich und Kabini irgendwo zwischen 15 und 25 Watt. Temash soll mit vier Kernen bei 1 GHz Takt als A6-1450 herauskommen, für Kabini hat die Website Fudzilla die neuen Bezeichnungen ausgegraben: E1 2210, E1 3319 und X2 4410 für zwei Kerne und 15 Watt, X4 4410 mit vier Kernen und 15 Watt und schließlich im High-End der X4 5110 mit den in der Präsentation erwähnten 25 Watt.

AMDs Aderlass scheint sich aber auch im Grafikbereich auszuwirken. Kurz vor der ISSCC und dem gleichzeitigen Start des GeForce GTX Titan, Nvidias erster Spielerkarte mit GK110-GPU, berief AMD eilig eine Telefonkonferenz ein. Die überraschende Nachricht: Einen direkten Konkurrenten zum Titan gibt es nicht und wird es auch bis Ende des Jahres nicht geben. Denn erst dann soll die Radeon-HD-7970-GHz-Edition durch eine neue Generation abgelöst werden. Stattdessen stellt AMD die Radeon HD 7990, eine fette Dual-GPU-Grafikkarte mit zwei Tahiti-Chips, gegen Nvidias Transistormonster. Ein reichlich unfaires Duell, schließlich hat Nvidia auch noch die GTX 690 im Angebot, deren zwei GK104-Chips Titan ebenfalls noch überholen.

Und was war noch mal mit Sea Islands, der ominösen neuen GPU-Generation? Tja, die richtet sich eher an den Mobil- und OEM-Markt und wird im Vergleich zu den Southern Islands keine großen Architekturänderungen mitbringen. Immerhin will AMD 2013 doch noch ein paar neue Grafikkarten vorstellen, wohl aber vorrangig in der Mittelklasse. Da gibts schließlich auch die meisten Käufer.

Von denen braucht AMD ohnehin ein paar mehr; eine AMD-Aktie kostet mittlerweile weniger als ein Döner in Berlin. Deshalb winken Käufern von AMD-Karten der Serien HD 7800 und HD 7900 attraktive Codes für Spiele-Vollversionen, die es tatsächlich in sich haben. AMD konzentriert sich also zumindest im Grafikbereich genau auf seine Zielgruppe: Spieler, während Nvidia großartige Zugaben offenbar nicht nötig hat. Die Reaktion auf AMDs Never-Settle-Reloaded-Bundle: ein paar olle Boni für Free-to-Play-Spiele.

AMDs großer Trumpf könnten aber die neuen Playstation- und Xbox-Konsolen mit AMD-GPUs und GCN-Technik sein. Die Entwickler werden dann ihre Spiele vermutlich besonders gut auf AMD-Hardware optimieren, was letztlich auch den PC-Spielern mit Radeon-Grafikkarten zugute kommen dürfte. Vielleicht färbt sich das grüne „The way it’s meant to be played“-Logo ja bald rot. (as/mfi)

AMDs Steinschleuder

Nein, nicht mit „AMD inside“ hat der wegen Insider-Geschäften ins Gerede gekommene Ex-AMD-Chef Hector Ruiz sein Buch überschrieben, sondern Steinschleuder, AMDs Kampf, die Industrie vom rücksichtslosen Griff Intels zu befreien. Slingshot, so lautete nämlich der Codename für das Projekt, Intel vor Gericht wegen unfairen Wettbewerbs in die Knie zu zwingen. Letztlich hat Intel tatsächlich 1,25 Milliarden US-Dollar berappt – viel zu wenig, wie Ruiz in seinem Buch befindet, das im April erscheinen soll. Heutzutage könnte man mit dem Betrag aber AMD fast aufkaufen.

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