Der Update-Frust bleibt

Android-Smartphones im Update-Check

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Android-Nutzer müssen lange auf Updates warten und gehen oft genug ganz leer aus. Doch einige Smartphone-Hersteller bemühen sich mehr als andere.

Stellen Sie sich vor, Sie bekommen für Ihren zwei Jahre alten Windows-Rechner seit Monaten keine Updates mehr. Würden Sie sich noch trauen, damit im Internet zu surfen? Würden Sie beim nächsten PC-Kauf noch mal zu Windows greifen? Was bei Desktop-Rechnern unvorstellbar ist, ist bei Smartphones mit Android traurige Realität. Aktuell ist seit Monaten Android 4.2 – gerade mal zwei Smartphone-Modelle laufen damit. Die Hälfte aller von Google jüngst erfassten Android-Geräte hat sogar noch Android 2.3 oder älter installiert, sie sind damit Software-technisch spätestens seit Herbst 2011 veraltet.

Kein Wunder, dass die Android-Gemeinde Frust schiebt. Wer sich ein Android-Smartphone kauft, kann sich noch nicht einmal darauf verlassen, überhaupt jemals eines der größeren Updates zu bekommen. Von 73 zwischen 2009 und 2011 in Deutschland erschienenen Smartphones machten 23 Stück keinen einzigen dieser großen Versionssprünge mit – also beispielsweise von 2.2 auf 2.3 oder auf 4.0. Sie bekamen nur Bugfixes und kleine Optimierungen, zum Beispiel von 2.3.3 auf 2.3.7.

Nicht nur liefern Hersteller von Android-Smartphones selten Updates, auch währt die Update-Versorgung unheimlich kurz. Während auf einem iPhone in der Regel für mindestens drei Jahre das aktuelle Betriebssystem läuft, ist bei Android spätestens nach zwei Jahren Schluss. Und selbst das ist die Ausnahme: Nur die Nexus-Serie von Google sowie Spitzenmodelle wie das Galaxy Note, das Galaxy S II oder das Motorola Razr werden so lange mit Updates versorgt, bei den günstigeren Modellen muss man sich schon über 12 Monate freuen. Auf einigen Geräten läuft sogar schon bei Auslieferung ein veraltetes Android: Das LG Optimus Speed und das Motorola Razr beispielsweise haben seit ihrem Erscheinungstermin bis zum heutigen Tag noch nie ein aktuelles Android gesehen.

Wie schon im Vorjahr [1] haben wir überprüft, wie oft und wie verspätet Smartphones von HTC, LG, Motorola, Samsung und Sony Android-Updates erhalten haben. Dabei berücksichtigten wir alle Geräte, die zwischen 2009 und 2011 in Deutschland auf den Markt kamen – im Vorjahr waren es alle Geräte von 2009 bis 2010. Die Nexus-Serie rechneten wir dabei nicht den Herstellern zu: Wir haben sie in dem Übersichtsdiagramm auf der nächsten Doppelseite unter „Google“ aufgelistet, da sie als Referenzmodelle von Google vom Android-Entwickler selbst mit Updates beliefert werden.

Wer braucht am längsten?

Das Ergebnis: Wie schon im Jahr zuvor bot allein Google für seine eigene Smartphone-Serie Nexus zügig Updates an. Im Schnitt blieb die Verzögerung bei der Auslieferung hier unter einem Monat. Kein Wunder, schließlich bilden die Nexus-Modelle ja die Referenz für Android: Auf diesen Smartphones testet Google seine neuen Android-Versionen, bevor sie veröffentlicht werden.

Von den fünf großen Smartphone-Herstellern schafft dieses Update-Tempo keiner auch nur ansatzweise. Noch am wenigstem langsam war HTC bei der Update-Versorgung – so war es schon im Vorjahr. Neue Android-Versionen brauchten im Schnitt „nur“ knapp 6 Monate, bis sie für Desire, Sensation und Co. zur Verfügung standen. Und immerhin auf einem Drittel aller Geräte bis 2011 läuft inzwischen Android 4.0. Den größten Sprung machte Sony beziehungsweise Sony Ericsson in den vergangenen 12 Monaten: War das Unternehmen 2012 noch Vorletzter in unserem Update-Check, so kämpfte es sich in diesem Jahr auf Platz zwei vor.

Besonders bei den in 2011 veröffentlichten Smartphones hat Sony vorbildlich gearbeitet: Fast alle der Xperias erhielten noch ein Update auf Android 4.0, und das nach ähnlich kurzer Zeit wie bei HTC.

LG markiert mit durchschnittlich knapp einem Jahr Wartezeit weiterhin das Schlusslicht, und über die Hälfte der Geräte erhielt nicht ein einziges der großen Updates. Auch Motorola gehört mit 10 Monaten Wartezeit zu den lahmeren Update-Versorgern. Und wie bei LG blieben 55 Prozent der Geräte für immer im Ausgangszustand. Wer ein Smartphone von LG oder Motorola kauft, darf nicht mit Updates rechnen. Samsung liegt in der Mitte: Insgesamt liefert der Hersteller wenig Updates und braucht dafür ziemlich lange. Und nur 2 aus den 15 Geräten vor 2012 haben Android 4.0 oder höher bekommen.

Warum hakts?

Fragt man bei den Herstellern nach den Gründen für die schlechte Update-Versorgung, geben sie seit Jahren dieselben Antworten. Erst wenn Google ihnen den Quellcode von Android ausliefert, können sie ihn für ihre Hardware anpassen und ihre eigenen Android-Oberflächen aufsetzen. Diese Anpassung, so erklärte uns HTC beispielsweise, dauere in der Regel nur wenige Wochen. Den großen Teil der Wartezeit machten die anschließenden Optimierungen und Tests aus, die sich über Monate hinziehen würden. Danach ginge der Code an die Netzbetreiber, die ebenfalls anpassen und optimieren würden. Und schließlich wolle auch Google noch einmal einen Blick auf die Veränderungen werfen. Das erklärt, warum ein Update mehrere Monate braucht, aber nicht, warum LG im Schnitt doppelt so lange dafür benötigt wie HTC.

Es erklärt auch nicht, warum ältere und günstigere Geräte so selten Updates sehen. Meist seien neuere Software-Versionen leistungshungriger als ihre Vorgänger, argumentiert LG. Doch ist das nur die halbe Wahrheit: Oft sind es insbesondere die Software-Anpassungen und zusätzlichen Oberflächen der Hersteller, die so viel Leistung einfordern und Probleme machen. Entwickler von Android-Mods wie Cyanogenmod beweisen immer wieder, dass man auch auf schwachbrüstigeren Geräten neue Android-Versionen flüssig zum Laufen bringt.

Und wenn der Optimierungsprozess so lang und aufwendig ist, warum sind Android-Updates dann trotzdem oft so schlecht? Viel zu häufig prasseln nach einem Release Beschwerden zahlloser Nutzer ein, dass ihr Smartphone nach einem Update nicht mehr ordnungsgemäß funktioniert, abstürzt oder den Akku schneller leersaugt. Viele Android-Nutzer warten inzwischen vorsichtshalber erst einmal eine Woche auf die Reaktionen der Netzgemeinde, bevor sie ihr Gerät aktualisieren.

Seit Jahren gelobt Google Besserung. Mai 2011: Google kündigt eine Update-Initiative an, laut der neue Geräte für mindestens 18 Monate mit Updates versorgt werden. Der Verpflichtung kam bisher kein einziger Hersteller nach. Juni 2012: Über ein Platform Development Kit (PDK) will Google Herstellern früher Zugriff auf Teile des Android-Quellcodes geben, um die Updates zu beschleunigen. Tatsächlich hat sich die Update-Geschwindigkeit seit unserem Check vor einem Jahr von 7,7 Monaten auf 8,2 Monate im Schnitt sogar verschlechtert.

Und auch der Umstand, dass inzwischen fast jeder Hersteller gemeinsam mit Google Android-optimierte Nexus-Geräte entwickelt hat, hat nichts geändert: Das aktuelle Nexus-Smartphone stammt von LG, trotzdem ist der Hersteller der schlechteste Update-Versorger.

Wie lösen?

Richtig schnelle Updates wie bei Apple wird es auf absehbare Zeit wohl weiterhin nur für Nexus-Geräte geben – wer ein „echtes“ Android will, muss Nexus kaufen. Das liegt aber nicht nur in der großen Hardware-Vielfalt der Android-Smartphones begründet: Weil die Hersteller ihre Smartphone-Modelle mit tiefgreifenden Veränderungen in puncto Optik und Funktionsumfang von der Konkurrenz absetzen wollen, müssen auch die Updates entsprechend lang optimiert werden.

Das bekommen einige Hersteller besser und schneller hin. Es lohnt sich deshalb, beim Smartphone-Kauf ganz genau auf die Marke zu schauen: 6 Monate Wartezeit ist lang, 12 Monate ist eine Frechheit.

An einem Punkt haben aber alle Hersteller Nachholbedarf: bei Transparenz und Konsistenz ihrer Update-Politik. Zwar bieten immerhin HTC und Motorola Übersichten an, die ausführlich über die Update-Zukunft der Geräte informieren (siehe c’t-Link). Weil Updates aber ständig verschoben oder abgekündigt werden, kann man sich darauf nicht verlassen. (acb)

Literatur
  1. [1] Achim Barczok, Christian Wölbert, Frust in Android-Land, Warum nur Google das Update-Problem lösen kann, c’t 9/12, S. 80

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