Für das Leben lernen

Schulen auf dem Weg zum zeitgemäßen Computereinsatz

Wissen | Reportage

Bildungspolitiker sprechen hartnäckig von „neuen Medien“ – für Schüler sind Tablets und Notebooks längst selbstverständliche Alltagsgegenstände. Auch wenn es den Schulen häufig noch an Infrastruktur fehlt, erproben engagierte Lehrer vielerorts bereits neue Unterrichtsformen.

Der Rechnerraum am Ende des Schulflurs ist ein Auslaufmodell. Erste Notebook-Klassen haben bereits vor zehn Jahren gezeigt, dass sich ständig verfügbare, mobile Rechner in der Schule besser nutzen lassen. Bei der Finanzierung der Geräte sind in der Regel die Eltern gefragt. Und damit die Kommunikation im Schulnetz und die Recherche im Internet verlässlich funktionieren, benötigen Schulen eine stabile Infrastruktur mit Breitbandzugang.

Sind alle diese Hürden genommen, bedarf es neuer Konzepte für den Unterricht, und das wiederum geht nur mit praxisorientierter Aus- und Fortbildung für Lehrer. Auch die Schulbuchverlage sind von dem Wandel betroffen und haben begonnen, parallel zu gedruckten Lehrwerken auch digitales Material anzubieten.

Die Überzeugung, dass der Rechner als Werkzeug zum Lernen genutzt werden sollte, setzt sich langsam durch. Kontrovers diskutiert wird dagegen die Frage nach einem Fach Informatik, in dem der Computer selbst der Unterrichtsgegenstand ist. Ein Befürworter eines Pflichtfachs Informatik in der Sekundarstufe I ist beispielsweise der Informatik-Didaktiker Professor Peter Hubwieser, Leiter des Fachgebietes Didaktik der Informatik an der School of Education der TU München. Er sagt: „Kenntnisse der Informatik sind ein notwendiger Teil der Allgemeinbildung, weil sie Konzepte und Techniken bereitstellt, mit denen sich komplexe Systeme oder Abläufe besser beschreiben und damit auch besser verstehen lassen.“

In anderen Ländern ist man schon deutlich weiter. So steht bei einigen Nachbarn bereits in der Grundschule Programmieren auf dem Lehrplan. Der Artikel auf Seite 106 und das Interview auf Seite 110 geben einen Einblick in innovative Projekte dieser Art. Bei der Hardwareausstattung geht der Trend zum „1 : 1“-Modell – gemeint ist, dass jedem Schüler ein einheitliches Mobilgerät zur persönlichen Verfügung steht. Eine vielversprechende Alternative dazu ist „Bring Your Own Device“ (BYOD), also die Verwendung privater Hardware im Unterricht. Wie das in der Praxis aussehen kann, beschreibt der Artikel auf Seite 112.

Viele offene Fragen

Für die Metastudie „Digitale Lernwerkzeuge“ der BSP Business School Berlin Potsdam haben Professor Jo Groebel und Julia Wiedermann 21 Studien betrachtet, in denen Schulversuche mit Notebooks, Netbooks und Tablets ausgewertet wurden. Die Verfasser fanden deutliche Hinweise auf positive Effekte des Medien-Einsatzes im Unterricht. Ihre Empfehlung an die Politik: „Die digitale Zukunft Deutschlands muss endlich eine Priorität politischer Entscheidungen werden. Das Land hat hier wirtschaftlich schon den Anschluss verloren. Nicht zuletzt ein Umdenken und konsequentes Verfolgen digitaler Möglichkeiten in der Bildungspolitik sind absolut geboten.“

Ein ähnliches Urteil fällt die Enquete-Kommission „Internet und digitale Gesellschaft“ des deutschen Bundestags. „Im Vergleich der OECD-Staaten hinkt Deutschland bei der Ausstattung seiner Schulen sowie hinsichtlich der zeitlichen oder räumlichen Nutzung von Computern im Unterricht trotz erheblicher Erfolge in den zurückliegenden Jahren noch immer deutlich hinterher“ heißt es im Anfang 2013 verfassten 6. Zwischenbericht der Kommission zum Thema „Bildung und Forschung“. Digitale Versionen dieser sowie aller weiteren in diesem Artikel zitierten Berichte und Studien finden Sie – soweit öffentlich zugänglich – über den c’t-Link am Ende dieses Artikels.

Wenn Wissenschaftler den IT-Schulversuchen gute Erfolge bescheinigen und der Bundestag den Nachholbedarf erkannt hat – wieso fehlt dann immer noch an vielen Schulen die Infrastuktur, warum existieren nicht mehr erprobte Konzepte für eine zeitgemäße IT-Nutzung in der Schule, weshalb werden nicht mehr Fachlehrer für Informatik ausgebildet?

Auf der Suche nach Antworten stößt man auf immer neue Fragen. Bisher wurde Medienbildung als Querschnittsaufgabe sämtlicher Unterrichtsfächer gesehen, doch das geht vielen Bildungsforschern und engagierten Lehrern nicht weit genug. Die Vergangenheit habe gezeigt, dass es mit ein bisschen Computerei in Kunst, Deutsch oder Physik eben nicht getan sei, lautet das Argument für verbindliche Lehrpläne und neue Konzepte. Kritiker eines Pflichtfachs Informatik begründen ihre Skepsis mitunter so: Geräte und Anwendungen funktionieren doch längst fast von allein, Informatik-Unterricht für alle ist also gar nicht nötig. Eben weil sich Hard- und Software wie eine Black Box verhalten, ist es so wichtig, sich mit deren Aufbau und Funktionsweise auseinanderzusetzen, sagen die Befürworter.

Hardware-Ausstattung, Konzepte, Pflichtfach Informatik – bei näherer Betrachtung ist die Baustelle Schul-IT ein Großprojekt mit zahllosen Teil-Baustellen. Auf den folgenden Seiten unternehmen wir den Versuch einer Bestandsaufnahme.

Hardwareausstattung

Das Kranich-Gymnasium in Salzgitter war eine der ersten Schulen in Niedersachsen, an denen Notebook-Klassen erprobt wurden. Als wir 2006 über das Thema Schule und Computer berichteten [1], waren dort seit drei Jahren mobile Rechner im Einsatz, das gesamte Gymnasium war für den Schulversuch funkvernetzt worden. Herbert Jancke, Projektleiter „mobiles lernen-21“ beim Verein „n-21: Schulen in Niedersachsen online“ betreute damals das Projekt und insbesondere die Beschaffung der Hardware. Aufgabe des Vereins ist es, den Einsatz von Multimedia und Internet an niedersächsischen Schulen zu fördern. Wie sich die Erfahrungen mit den ersten Notebook-Klassen auf die Arbeitsweise des Vereins ausgewirkt hat, steht im Interview auf der vorigen Seite. ...

Erfahrungen mit der Ausstattung von Schulen am Beispiel von Niedersachsen

Herbert Jancke ist Projektleiter „mobiles lernen-21“ beim „Verein n-21: Schulen in Niedersachsen online e. V.“, dem neben dem Land Niedersachsen auch kommunale Spitzenverbände und Unternehmen angehören. Der Verein hat bisher zusätzlich zu den Investitionen des Landes mit über 28 Millionen Euro an Sponsorenmitteln den Einsatz von Multimedia und Internet an Schulen gefördert.

c’t: Was hat sich seit 2006 getan?

HerbertJancke: Seit 2006 hat sich einiges getan: Wir haben den Bereich Hardwarebeschaffung komplett outgesourct. Schwerpunkt unserer Arbeit ist nun die Unterrichts- und Schulentwicklung. Gemeinsam mit der Niedersächsischen Landesmedienanstalt und dem Niedersächsischen Landesinstitut für schulische Qualitätsentwicklung bilden wir den Kern der Medienberatung. Public-Private-Partnership-Maßnahmen werden auch weiterhin von uns ausdrücklich eingefordert.

Die im Landeskonzept definierten Meilensteine weisen ganz deutlich den Weg weg von den Rechnerräumen in Richtung 1:1-Ausstattung. In den allermeisten Fällen dürfte die Beschaffung eines persönlichen digitalen Lernwerkzeuges nur über Elternfinanzierung möglich sein.

c’t: Hat sich das damals gewählte Vorgehen mit elternfinanzierten Notebooks also aus Ihrer Sicht bewährt?

Jancke: Ja, auf jeden Fall! Vielleicht waren wir der Zeit etwas voraus. Ich staune noch immer, dass sich Beschaffungen mit einem vierstelligen Gesamtvolumen pro Schüler damals durchsetzen ließen, im Moment beginnen die Straßenpreise geeigneter Geräte bereits bei 250 Euro. Die aktuellen Finanzierungsmodelle unserer Partner berücksichtigen durch die Beteiligung an einem Sozialfonds auch die finanziell nicht so gut gestellten Elternhäuser, im Schnitt sind das etwa 5 Prozent.

c’t: Haben Sie die Vorgehensweise im Laufe der Jahre modifiziert?

Jancke: Ja: erst die Lehrkräfte qualifizieren, dann die Hardware beschaffen! Wir haben erkannt, dass die höchste Hürde die Integration der digitalen Lernwerkzeuge in den Unterricht ist, deshalb besteht unsere Unterstützung heute vor allem in der Organisation von praxisorientierten Qualifizierungsmaßnahmen von Lehrkräften für Lehrkräfte und neuerdings auch für Schulträger, die wir gemeinsam mit unseren Referenzschulen landesweit, regional und lokal ausrichten.

c’t: Würden Sie beziehungsweise die von Ihnen betreuten Schulen und Lehrer aus heutiger Sicht Tablets statt Notebooks generell bevorzugen?

Jancke: So generell nicht! Hier gehen die Schulen eigene Wege. Ich persönlich denke, ein Tablet mit andockbarer Peripherie ist am universellsten einsetzbar: von der Nutzung eines digitalen Schulbuchs über Computeralgebra-Systeme und -Apps bis zum Videoschnitt.

c’t: Wie denken Sie über „Bring your own Device“ (BYOD)?

Jancke: BYOD ist die Zukunft! Die von den Schulen angebotene zentrale Beschaffung wird immer weniger angenommen, da die meisten Jugendlichen schon über ein eigenes Gerät verfügen. Die Einbindung in das Schulnetz und das WLAN sowie die Regelung der Internetnutzung sind durch ein intelligentes Schulportal steuerbar. Mittelfristig wird das Lernen hoffentlich von Herstellern und Betriebssystemen unabhängig sein. Viele Anwendungen laufen schon heute im Browser und auch in der Offlineversion plattformunabhängig.

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c't 14/2014, Seite 100 (ca. 6 redaktionelle Seiten)
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Artikel-Vorschau
  1. Viele offene Fragen
  2. Hardwareausstattung
  3. Theorie und Praxis
  4. Digitale Schulbücher
  5. Praxistest
  6. Gesucht: Unterrichtskonzepte
  7. Der lange Weg zum Pflichtfach Informatik
  8. Einfluss auf die Berufswahl
  9. Erfahrungen mit der Ausstattung von Schulen am Beispiel von Niedersachsen

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Infos zum Artikel

Kapitel
  1. Viele offene Fragen
  2. Hardwareausstattung
  3. Theorie und Praxis
  4. Digitale Schulbücher
  5. Praxistest
  6. Gesucht: Unterrichtskonzepte
  7. Der lange Weg zum Pflichtfach Informatik
  8. Einfluss auf die Berufswahl
  9. Erfahrungen mit der Ausstattung von Schulen am Beispiel von Niedersachsen
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