Alles fließt ins Haus

Streaming-Dienste im Internet und im lokalen Netz

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Kaum ein Bereich boomt aktuell derart wie Videostreaming: Laufend gehen neue Dienste an den Start; im Gegenzug bauen etablierte Unternehmen ihre Angebote immer weiter aus. Selbst die Verteilung von TV-Signalen im ganzen Haus via (W)LAN ist möglich. Doch mit der Netzlast steigt auch das Risiko, dass die Wiedergabe stockt.

Das massenhafte Streaming von Videos durchs Internet, einst der prognostizierte Sargnagel für das Netz der Netze, ist mittlerweile eine Selbstverständlichkeit: Unzählige kommerzielle, werbefinanzierte und freie Dienste buhlen um die Gunst des Users, wie die Übersicht auf Seite 71 zeigt: Selbst wenn man Online-Videorecorder, Videotelefonie-Angebote sowie halbseidene und offensichtlich illegale Angebote außen vor lässt, decken die verfügbaren Video-Streaming-Dienste ein breites Spektrum ab.

Die weitaus größte Gruppe bilden dabei die Dienste aus dem Bereich „Video on Demand“ (VoD), sprich „Video auf Abruf“. Hierzu zählen neben den Online-Videotheken die Mediatheken der TV-Sender. Nicht zu vergessen sind schließlich Videoportale, die schon lange nicht mehr nur kurze Schnipsel in mäßiger Qualität bereitstellen; geboten werden hier mittlerweile auch komplette Filme in High Definition. Auf YouTube sind sogar bereits die ersten Kurzfilme in ultrahoher „4K“-Auflösung mit 3840 × 2160 Bildpunkten zu bewundern.

HD-Auflösung ist auch bei den anderen Streamingdiensten mittlerweile Standard. Möglich machen dies neben effizienten Kompressionsverfahren (Codecs) auch performante Internet-Zugänge: Je nach Dienst benötigt man für ein hochauflösendes Video in bester Qualität zwischen 1,5 und 8,5 MBit/s. Doch ebenso wichtig ist für den enormen Schub beim Videostreaming der Wegfall des sogenannten „Medienbruchs“ zwischen Empfangsgerät und Fernseher: Anfangs stand der PC mit Internet-Anschluss im Arbeitszimmer, der Großbildfernseher hingegen isoliert im Wohnzimmer. Da blieb den Videodiensten nur die Empfehlung, lange Strippen von der Grafikkarte des Rechners zum TV zu ziehen. Heute lassen sich die Videos hingegen direkt auf Smart-TVs, Set-Top-Boxen, Spielkonsolen und Tablets wiedergeben, sobald die passende Player-Software installiert ist.

Auf Wunsch kommt heute gleich das ganze Fernsehprogramm über „IPTV“ (Internet Protocol Television) aus der DSL-Dose, wird durchs lokale Netz gestreamt und über spezielle Set-Top-Boxen (IPTV-Receiver) auf dem Fernseher wiedergegeben. Während diese Angebote an Provider gebunden sind, sodass beispielsweise Arcor-Kunden nicht das „Entertain“-Angebot der Telekom nutzen können, liefern Fernsehdienste wie Magine TV oder Zattoo zahllose Fernsehsender aus dem In- und Ausland (legal) durch das Internet zu jedem Nutzer, unabhängig von dessen Internetzugang.

Erst der Anfang

Ein Ende des Videostreaming-Booms ist nicht abzusehen – ganz im Gegenteil: In vielen deutschen Haushalten dürfte die Nutzung noch weiter steigen, da die Angebote immer vielseitiger werden. Wachsender Beliebtheit erfreuen sich etwa VoD-Dienste, die Filme und Serien zu einem monatlichen Pauschalbetrag ohne Begrenzung zu ihren Kunden streamen. Das endlose Videovergnügen gab es Ende vergangenen Jahres bereits für unter 10 Euro im Monat [1], im Februar drehte Amazon dann aber noch einmal kräftig an der Preisschraube und bietet mit der Übernahme der VoD-Geschäfte seiner Tochter Lovefilm das Paket „Prime Instant Video“ mit nach eigenen Angaben 15 000 Filmen und Episoden für nur 49 Euro im Jahr an. Pay-TV-Sender Sky öffnete seinen Flatrate-Dienst „Sky Go“ inzwischen auch für Kunden, die „nur“ das „Sky Welt“- oder das „Sky Starter“-Paket abonniert haben.

Bis zum Jahresende will hierzulande der von vielen Serien-Fans sehnsüchtig erwartete VoD-Pionier Netflix an den Start gehen, der in Nordamerika und Großbritannien bereits Filme in 4K-Auflösung als Streams ausliefert. In diesem Zusammenhang ist eine interessante Randnotiz, dass Heimcineasten mit 4K-Ambitionen am Videostreaming in naher Zukunft kaum vorbeikommen. Erstmals überholt damit Streaming die TV-Ausstrahlung und physische Medien als Vertriebsweg. Denn Ultra-HDTV über Satellit oder Kabel wird es in Deutschland wohl nicht vor 2016 geben – und eine Blu-ray für 4K-Filme ist bislang nicht einmal offiziell angedacht. Auch der VoD-Dienst Maxdome sieht hier seine Chance und will im kommenden Jahr mit 4K-Streaming starten.

Selbst wer nichts bezahlen möchte, kann sich mittlerweile legal Filme über werbefinanzierte Dienste wie Netzkino ins Haus streamen lassen. Der Fernsehdienst Zattoo bietet bereits seit einiger Zeit werbefinanziert die öffentlich-rechtlichen Sender in SD-Auflösung an, seit Ende April bekommt man beim Konkurrenten Magine TV kostenfrei auch Kanäle der großen deutschen Privatsendergruppen ProSiebenSat.1 und RTL in Standardauflösung sowie einige Öffentlich-Rechtliche gleich in HD.

Auch der kostenlose programmbegleitende Online-Dienst HbbTV (Hybrid Broadcast Broadband TV) richtet sich künftig wohl noch stärker in Richtung Streaming aus: Bereits jetzt lassen sich darüber Videos aus den Mediatheken am Fernseher oder Receiver abrufen, Arte arbeitet darüber hinaus derzeit an einer „TV-Replay“ genannten Funktion. Darüber kann der Zuschauer mit einem Druck auf die blaue Taste seiner Fernbedienung jederzeit an den Anfang der laufenden Sendung springen – und wechselt dabei vom gewöhnlichen Digital-TV-Empfang per DVB (Digital Video Broadcasting) zum IP-Streaming.

Inhouse

Doch nicht alle Videodatenströme, die durch das lokale Netz schießen, stammen von Online-Diensten. Andere Quellen sind Tablets und Smartphone, von denen man Videos über Funktionen wie AirPlay und Chromecast per WLAN an den Fernseher schickt. Ebenfalls stark im Trend liegen Geräte, die den konventionell über Satellit, Kabel oder Antenne empfangenen digitalen TV-Datenstrom als Datenpakete ins (W)LAN einspeisen. Dazu dienen spezielle DVB-IP-Wandler, die als Server direkt hinter der TV-Empfangsanlage installiert werden und fortan mehrere Clients im Haus versorgen. Immer häufiger trifft man im Handel auch auf Digital-TV-Empfänger mit Doppeltuner, die „nebenbei“ ein Fernsehprogramm via WLAN etwa auf ein Tablet oder ein Smartphone streamen. So werden diese zum „Second Screen“.

Anfangs herrschte einiger „Wildwuchs bei der Art, wie die TV-Signale dabei gewandelt und übertragen wurden. Proprietäre Lösungen funktionierten nur mit ausgewählten Mobilgeräten und speziellen Apps. Der Satellitenbetreiber Astra hat hier mittlerweile jedoch mit „Sat-IP“ einen Quasi-Standard geschaffen, der mittlerweile herstellerübergreifend unterstützt wird [3]. Sat-IP wurde zunächst einmal für via Satellit empfangene Digital-TV-Signale konzipiert. Das ist nachvollziehbar, da die Verbreitung von Fernsehsignalen via IP bei Sat-TV besonders praktisch ist. So sparen Nutzer sich die nervige Sternverkabelung und können neue Empfangsgeräte wesentlich leichter integrieren.

Die Spezifikation wurde inzwischen auch auf DVB-T und auf digitales Kabelfernsehen (DVB-C) übertragen. Gerade in letzterem Bereich dürfte sich in naher Zukunft einiges bewegen: So hat der neue Kabel-Router Fritzbox 6490 eine entsprechende „Cable-IP“-Funktion eingebaut, um DVB-C-Signale im Heimnetz zu verteilen. Zu den Vertragspartnern des Fritzbox-Herstellers AVM gehören Deutschlands größter Kabelnetzprovider Kabel Deutschland sowie der in Nordrhein-Westfalen und Hessen tätige Provider Unitymedia. Für alle Anwender, die ohne Routerwechsel nachrüsten wollen, bietet AVM zudem in Kürze für 100 Euro einen WLAN-Repeater mit Cable-IP-Funktion an. Da DVB-IP nur unverschlüsselte Fernsehprogramme weiterleiten kann, ist der Wegfall der Grundverschlüsselung besonders erfreulich. So können Kabel-TV- wie Sat-TV-Kunden die Kanäle der Privatsendergruppen ProSiebenSat.1 und RTL zumindest in Standardauflösung (SD) durch ihr Netz streamen, öffentlich-rechtliche Sender sogar in HD.

Das von der Bundesnetzagentur angeordnete Verschlüsselungsverbot ermöglicht es auch den Nutzern von IPTV-Angeboten, die TV-Datenströme der Privatsender in Standardauflösung durch das heimische Netz zu streamen und sogar auf einem Rechner wiederzugeben und zu speichern – zumindest theoretisch. Kunden der Telekom, die das IPTV-Angebot „Entertain“ nutzen, erhalten dennoch weiterhin die Streams der ProSiebenSat.1-Sender verschlüsselt. In einer Stellungnahme erklärte die Sendergruppe, dass sie alle Provider zur Entschlüsselung der Signale aufgefordert habe. Allerdings sei sie aufgrund bestehender Verträge auf die Kooperation der jeweiligen Infrastrukturbetreiber angewiesen. Bis bei Entertain auch die ProSiebenSat.1-Sender frei sind, kann man immerhin die öffentlich-rechtlichen Sender in SD und HD ins LAN streamen sowie die Kanäle der RTL-Gruppe in Standardauflösung.

Dank Diensten wie Justin.tv, Twitch und UPlay kann zudem heute jeder zum Videoproduzenten werden, um beispielsweise kommentierte Live-Videos von Computerspielpartien live über das heimisches Netz ins Web an ihre Freunde oder die Allgemeinheit zu streamen. Die Einstiegshürden werden dabei immer niedriger: Die „Twitch“-Anwendung findet man mittlerweile auf Spielkonsolen wie Playstation und Xbox, über die man wiederum auch Streams von anderen Usern empfangen kann. ...

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c't 14/2014, Seite 68 (ca. 4 redaktionelle Seiten)
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