Snowdens Welt

Dokumentarfilm „Citizenfour“ beleuchtet den NSA-Skandal

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Mit „Citizenfour“ kommt der erste Film über den NSA-Skandal ins Kino. Er ist auch ein Porträt von Edward Snowden.

Edward Snowden und Glenn Greenwald in Hongkong
Foto: Praxis Films

Am Ende weichen sie auf Zettel aus. Der ehemalige NSA-Mitarbeiter Edward Snowden und Journalist Glenn Greenwald fürchten bei einem Treffen in Moskau, abgehört zu werden. Greenwald reicht Snowden deswegen immer wieder kleine Stückchen Papier. Snowden liest und ist verblüfft. Es gibt einen anderen Whistleblower und der weiß offenbar viel mehr als er: Die NSA überwacht ständig 1,2 Millionen Menschen und der US-Drohnenkrieg untersteht direkt Präsident Obama. Das überrascht nicht nur Snowden, sondern auch die Zuschauer. Fast selbstverständlich wirkt dagegen der Umweg über die Zettel, immerhin haben die Zuschauer da bereits 90 Minuten Überwachungsthriller hinter sich.

Mittendrin

Diese Szene steht am Schluss von „Citizenfour“, dem Dokumentarfilm über die Snowden-Enthüllungen und den NSA-Skandal. Regisseurin Laura Poitras hatte für ihre Aufnahmen einen Zugang, wie er direkter nicht sein könnte. Snowden hatte bereits Ende 2012 Kontakt zu ihr aufgenommen, da er ihre regierungskritische Arbeit kannte. Per verschlüsselter E-Mail hatte er sich unter dem Pseudonym „Citizenfour“ an sie gewandt.

Wie in ihren früheren Filmen „My Country, My Country“ und „The Oath“ überlässt es Poitras in „Citizenfour“, der vom NDR und BR koproduziert wurde und am 6. November in die deutschen Kinos kommt, den Protagonisten, die Geschichte zu erzählen. Zu Wort kommen so neben Snowden und Greenwald auch NSA-Whistleblower William Binney und andere Überwachungskritiker wie Jacob Appelbaum und Julian Assange. Die Gegenseite repräsentieren der damalige NSA-Direktor Keith Alexander und US-Geheimdienstkoordinator James Clapper. Ihre Aussagen im Film sind inzwischen längst als Lügen enttarnt.

Wenn Binney und Appelbaum die Fähigkeiten der NSA und die Macht der Verbindungsdaten erklären, bereiten sie die Bühne für Snowdens Auftritt. In jenem Hotelzimmer in Hongkong, von dem aus sein Gesicht im Juni 2013 um die Welt ging, plant er mit Greenwald und dem Guardian-Journalisten Ewen MacAskill die Veröffentlichung der ersten NSA-Dokumente. Poitras gelingt hier ein intimes Bild jener Tage.

Nachdem Snowden sich öffentlich bekannt hatte, verschwand er aus Hongkong und dem Blickfeld von Poitras’ Kamera. Der Film wendet sich nun den Konsequenzen der Enthüllungen zu. Binney und Appelbaum sprechen nicht mehr vor wenigen Interessierten sondern im Bundestag respektive Europaparlament. Und in einem der erschütterndsten Momente erklärt Ladar Levison von Lavabit, warum er lieber seinen E-Mail-Dienst geschlossen hat, als das Vertrauen in den Schutz der Kundendaten zu enttäuschen. Snowden verschlägt es nach Russland und im vermeintlich sicheren Berlin diskutieren seine Anwälte, wie sie ihm helfen können. Ein Happy-End gibt es für ihn nicht, aber einen Hoffnungsschimmer: Seine Freundin ist zu ihm nach Moskau gezogen.

Aufruf zur Gegenwehr

Poitras kann ihre Sympathien für Snowden nicht verhehlen. Auf die Frage, ob Snowden Held oder Verräter ist – in den USA immer noch Gegenstand heftiger Debatten –, hat sie eine eindeutige Antwort. Aber auch „Citizenfour“ schafft es nicht, die allgegenwärtige Überwachung greifbar zu machen. Poitras zeigt jedoch eindrücklich, wie unfrei die Vermutung macht, überwacht zu werden. Bei ihren konspirativen Treffen fürchten die Journalisten und Snowden ständig, gefunden zu werden. Bevor sie miteinander reden, ziehen sie erst Kabel und kappen Funkverbindungen: Privatsphäre heißt Freiheit, sagt Jacob Appelbaum. Diese Freiheit gilt es zurückzuerobern, meint Citizenfour. (mho)

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