Finger weg, giftig!

Laboranalyse: Gesundheitsgefährdende Stoffe in Kunststoffen

Wissen | Reportage

Tastatur, Maus, Handy: Jeder Techniknutzer hat täglich Hautkontakt mit Kunststoffen – die oft unangenehm nach Chemikalien riechen. Bei einer Laboranalyse haben wir nicht nur krebserregende Substanzen entdeckt, sondern auch Geräte, die so eigentlich nicht hätten verkauft werden dürfen.

Die meisten Techniknutzer kennen das: Neue Geräte – besonders solche mit Weichgummi – riechen oft unangenehm. Beunruhigt hat uns in letzter Zeit beispielsweise der beißende Gestank vieler Handy-Hüllen, sogenannter Bumper. Offenbar sind wir da nicht die einzigen: In Kundenbewertungen in Webshops ist auffallend häufig von „ungesunden Gerüchen“ die Rede. Man muss kein Diplom-Chemiker sein, um zu wissen, dass das kein gutes Zeichen ist. Gerade bei Dingen, die man häufig anfasst, sind Giftstoffe problematisch: Schließlich nimmt man die Chemikalien nicht nur einfach über die Haut und Lebensmittel auf, sondern unterstützt das Ganze dadurch, dass man sie durch den Handschweiß herauslöst.

Wir haben deshalb ein Chemielabor beauftragt, für uns 28 Produkte zu testen, die unseren Verdacht erregten – vor allem welche mit Hautkontakt: Bumper, Mäuse, Tastaturen und Ohrhörer. Primär haben wir Billigprodukte eingekauft, zwecks Vergleich aber auch einige Markengeräte. Außerdem schickten wir noch einige USB-Kabel ins Labor, schließlich hantiert man auch damit häufig herum. So baumelte bei einem der Autoren das Smartphone-Aufladekabel direkt neben dem Kopfkissen – zumindest vor diesem Test.

Video: Schadstoffanalyse bei Bureau Veritas, Hamburg

Das Ergebnis der chemischen Analyse hat uns überrascht: Zwar entpuppte sich ein Drittel der untersuchten Produkte als bedenklich oder sogar als verboten, von den sieben Handy-Bumpern enthielt aber nur ein einziger besorgniserregende Stoffe in nennenswerter Konzentration. In der iProtect-iPhone-5C-Schutzhülle steckten 104 mg/kg der stark toxischen Industriechemikalie Phenol. In allen anderen Bumpern fanden wir schädliche Stoffe nur in vernachlässigbaren Mengen – obwohl etliche der Hüllen direkt nach dem Kauf sehr unangenehm gerochen haben. Offenbar handelte es sich hier nur um Lösungsmittelreste, die sich nach einigen Tagen von selbst verflüchtigten.

Gifte: Mit und ohne Geruch

Gerüche können zwar ein Indikator für ungesunde Stoffe sein, müssen es aber nicht. Die Weichmacher der Phthalat-Stoffgruppe und die verbotenen SCCP sind beispielsweise völlig geruchlos. Gut erschnüffeln kann man dagegen PAK (polyzyklisch aromatische Kohlenwasserstoffe): Sie riechen verbrannt-ölig. Einige PAK-Stoffe sind nachgewiesenermaßen krebserregend, außerdem lagern sich einige PAK im Boden an.

Der Stoff hat in den letzten Jahren häufig für Skandale gesorgt. „Berühmt“ wurde beispielsweise ein Baumarkt-Hammer, in dessen Kunststoffgriff so viel vom krebserregenden PAK Benzo(a)pyren steckte, dass in einer Stunde Hautkontakt so viel davon aufgenommen wird wie durch 3500 gerauchte Zigaretten.

PAK entstehen, wenn organische Materialien unvollständig verbrannt werden – je niedriger die Temperatur bei der Verbrennung, desto mehr PAK. In Kunststoffe verirren sich Stoffe dieser Gruppe entweder, wenn PAK-haltiges Ruß als Färbemittel verwendet wird oder wenn Mineralöl zum Weichmachen beigemischt wird. PAK sind in der Kunststoffproduktion vermeidbar – es gibt andere Färbemittel als Ruß, ebenso wie PAK-freie Öle.

Die vielen Medienberichte haben offenbar nicht nur die Verbraucher, sondern auch die Hersteller sensibilisiert. Extreme Konzentrationen von PAK haben wir lediglich in einem unserer 28 Testprodukte gefunden: In den Gummifüßen der „Good Companions“-Tastatur steckten (aufs Kilogramm gerechnet) 530 Milligramm PAK. Das übersteigt den aktuellen PAK-Grenzwert für Autoreifen um das 500-Fache. An Produktteilen, die man üblicherweise berührt, sind einige PAK ab nächstem Jahr ab einer Konzentration von 1 mg/kg EU-weit verboten. Außer in der „Good Companions“-Tastatur fanden wir PAK in vier weiteren Tastaturen, in drei Mäusen, zwei USB-Kabeln und drei Ohrhörern.

Verbotene SCCP

Eine klare gesetzliche Regel gibt es für kurzkettige Chlorparaffine (SCCP): Sie sind EU-weit verboten, auch in Import-Produkten. Die Chemikalie wird in Kunststoffen als flammenhemmender Weichmacher eingesetzt und baut sich in der Umwelt schwer ab. Außerdem reichert sie sich im menschlichen Körper an und wirkt zumindest bei Ratten und Mäusen krebserregend. Doch auch wenn die SCCP verboten sind: Ein exakter Grenzwert fehlt in der EU-Verordnung. De facto arbeitet man deshalb mit einem Grenzwert von 1000 mg/kg, da bei dieser Konzentration als gesichert gilt, dass der Stoff nicht wegen Verunreinigungen im Produktionsprozess, sondern absichtlich eingesetzt wurde.

Umso erstaunter waren wir, wie viele Produkte immer noch SCCP enthalten. In allen vier getesteten Ohrhörern fanden wir den Stoff, außerdem in zwei Mäusen, einer Tastatur und zwei USB-Kabeln. Trauriger Spitzenreiter war das mitgelieferte Ohrhörerkabel des Swees-MP3-Player. Hier ermittelte das Labor sage und schreibe 20 291 mg/kg SCCP. Während die Stoffgruppe bereits in Geräten ohne Hautkontakt verboten ist, halten wir die Nutzung in Ohrhörer-Gehäusen für besonders bedenklich. Aber auch die Kabel in Ohrhörern sind problematisch, schließlich berühren sie ebenfalls die Haut, bei vielen Menschen täglich mehrere Stunden lang – und zwar nicht nur am Kopf, sondern oft auch an der Brust. Gerade Sportler führen ihr Ohrhörerkabel häufig unterm T-Shirt hindurch. ...

Was sind PAK, SCCP und Phthalate?

Bedeutung: Polyzyklische Aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) entstehen bei der unvollständigen Verbrennung von organischem Material wie Holz, Kohle und Öl. Einige Öle, die Kunststoffen als Weichmacher beigemischt werden, enthalten PAK. PAK sind Verunreinigungen, die keine Funktion erfüllen.

Risiken: Viele PAK reichern sich in Menschen und Tieren an, werden kaum abgebaut und können Krebs erzeugen.

Rechtslage: Für Autoreifen gibt es seit 2010 einen EU-weiten Grenzwert. Ab Dezember 2015 dürfen Kunststoff- und Gummiteile von Produkten, die üblicherweise mit der Haut in Berührung kommen, maximal 1 mg/kg PAK enthalten.

Bedeutung: Chlorparaffine sind Flüssigkeiten, die Kunststoffen als Weichmacher und Flammschutzmittel beigemischt werden. SCCP steht für Short Chain Chlorinated Paraffin, kurzkettige Chlorparaffine.

Risiken: Kurzkettige Chlorparaffine reichern sich in Menschen und Tieren an. Sie vergiften Wasserorganismen und können Krebs auslösen.

Rechtslage: Der Verkauf von Produkten mit SCCP ist seit Januar 2013 durch die europäische POP-Verordnung verboten (Verordnung über persistente organische Schadstoffe).

Bedeutung: Phthalate werden vor allem als Weichmacher für Kunststoffe eingesetzt. Erst ihre Zugabe macht das spröde PVC geschmeidig. Sie sind chemisch nicht fest gebunden und dünsten aus.

Risiken: Einige Phthalate, zum Beispiel DEHP, wirken wie Hormone und können zu Unfruchtbarkeit und Frühgeburten führen. Phthalate werden mittlerweile überall in der Umwelt nachgewiesen.

Rechtslage: Die fortpflanzungsgefährdenden Phthalate DEHP, DBP und BBP sind seit 2005 in Babyartikeln und Spielzeug verboten. Die EU-Kommission erwägt, sie als nächstes auch aus elektronischen Produkten zu verbannen.

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c't 05/2014, Seite 104 (ca. 8 redaktionelle Seiten)
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Artikel-Vorschau
  1. Gifte: Mit und ohne Geruch
  2. Verbotene SCCP
  3. Phthalate: Die Unaussprechlichen
  4. Fazit
  5. Was tun gegen Gift?
  6. „Ein Fall für die Marktaufsicht“
  7. Schadstoffauskunft mit Reach: Nur eine von zwölf Anfragen beantwortet
  8. Was sind PAK, SCCP und Phthalate?
  9. Blick ins Labor: So findet man Schadstoffe

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Dr. Heiko Hinrichs, Bureau Veritas – Finger weg, giftig!

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Kapitel
  1. Gifte: Mit und ohne Geruch
  2. Verbotene SCCP
  3. Phthalate: Die Unaussprechlichen
  4. Fazit
  5. Was tun gegen Gift?
  6. „Ein Fall für die Marktaufsicht“
  7. Schadstoffauskunft mit Reach: Nur eine von zwölf Anfragen beantwortet
  8. Was sind PAK, SCCP und Phthalate?
  9. Blick ins Labor: So findet man Schadstoffe
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