Schule 1.1

@ctmagazin | Editorial

Neulich brachte meine Tochter einen Informationsbrief ihrer Schule mit. Der begann mit der Behauptung, die Arbeit mit neuen Technologien gehöre mittlerweile zum Alltag im Unterricht. Das musste mir bislang entgangen sein, denn ihr Discounter-Tablet mit der Mathe-App hat meine Tochter bisher nur zu Hause benutzen dürfen und auch ihr Smartphone muss ausgeschaltet im Ranzen bleiben.

Aber das wird sich nun sicher schlagartig ändern, schließlich haben die Pädagogen "erkannt, dass Medienkompetenzen frühzeitig gefördert werden müssen, um Schülerinnen und Schüler für die Zukunft zu qualifizieren." Und: "Mit neuen Technologien kann der Unterricht in Mathematik und Naturwissenschaften offener und effektiver gestaltet werden", hieß es in dem Aufklärungsschreiben weiter. Auch allgemeine mathematische Kompetenzen könnten "im computergestützten Unterricht hervorragend erworben und gefestigt" werden.

Und für diesen "computergestützten Unterricht" soll ich nun einen grafischen Taschenrechner anschaffen, Modell TI-84 von Texas Instruments. Die Zahl beschreibt in etwa das Jahr der Entwicklung dieses Modells. Als wir das "neue Medium" dann ein paar Wochen später in den Händen hielten, musste ich vor nostalgischer Rührung weinen. Und es mischte sich noch ein klein wenig Neid auf die Jugend von heute hinein: So was hätte ich zu meiner Schulzeit anstelle von Rechenschieber und Kurvenschablonen auch gern gehabt. Die Technik der dreifach belegten Tasten war mir noch so vertraut, dass ich nach kurzer Zeit kleine Programme in TI-Basic erstellen konnte. Deren geschickte Ablaufsteuerung mit GOTO-Sprungbefehlen wie auf meinem 80186er DOS-PC trieb mir wieder die Tränen der Rührung in die Augen.

Meine Tochter hat auch geweint. Das Display an diesem Taschenrechner sei wohl kaputt, meinte das Kind. Es zeige jedenfalls keinerlei Farben und auf Berührung reagiere es auch nicht. Wie man auf dem nur dreieinhalb mal fünf Zentimeter großen Display überhaupt etwas lesen oder gar eingeben solle, sei ihr auch nicht ganz klar. WLAN und Internet-Verbindung gäb’s wohl ebenfalls nicht, protestierte die vorlaute Jugend. Wozu das Ding denn dann überhaupt gut sein solle, wollte sie wissen.

Da hatte das Kind nun Recht. Offenbar macht es sich die träge Schulverwaltung ziemlich leicht, indem sie eine über Jahrzehnte nicht weiterentwickelte Technik für den Unterricht vorschreibt, deren Hersteller es sich in diesem bürokratisch regulierten Speckgürtel sehr bequem gemacht haben. Die Lehrer sparen sich den Einarbeitungsaufwand in neue Geräte, die zwei Anbieter Casio und TI, die sich das Hoheitsgebiet der Bundesrepublik brüderlich aufgeteilt haben, sparen sich den Entwicklungsaufwand und die Schulverwaltung neue Lehrpläne. So sind alle zufrieden - nur diese verbockten Kinder wie meine Tochter nicht.

Tim Gerber Tim Gerber

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