Meilenstein

Windows 10: Das ist neu, das ist besser, das ist schlechter

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Der 29. Juli ist der Starttermin für Windows 10, Nachfolger von Windows 8.1 und faktisch auch des viel weiter verbreiteten Windows 7. Das Überspringen der Versionsnummer 9 begründet Microsoft damit, dass sich das neue Windows fundamental von den Vorgängern unterscheidet. Und dabei geht es weniger um die Technik, sondern vielmehr um Microsofts Idee von einer mobilen und vernetzten Zukunft.

Weder die neuen Funktionen (siehe S. 82 ) noch die abgeschnittenen alten Zöpfe (S. 90 ) machen Windows 10 für Microsoft zu etwas revolutionär neuem, sondern etwas anderes: Das neue Windows ist für viele Nutzer kostenlos zu haben (mehr zum Upgrade ab S. 92 ). Es soll nicht mehr nur auf Desktop-PCs und Notebooks laufen, sondern auch auf Smartphones, Tablets, Spielkonsolen, Holo-Brillen, im Internet der Dinge und mehr. Und es soll das letzte Mal sein, dass Microsoft eine große neue Windows-Version veröffentlicht: Aus dem als Produkt verkauften Betriebssystem wird die Dienstleistung „Windows as a Service“.

Das letzte Windows

Früher bejubelte Microsofts PR-Abteilung neue Windows-Versionen letztlich immer mit dem gleichen „Stabiler! Schneller! Sicherer!“, doch mit Windows 10 ändert sich das. Denn das sollen wir nicht nur toll finden, sondern wir „sollen es lieben“, so Microsoft-Chef Satya Nadella. Damit das klappt, will Microsoft Windows 10 nicht nur an viele Nutzer verschenken, sondern künftig auch mit ständigen Updates aktuell halten. Damit sind keineswegs nur Sicherheits-Updates gemeint, die es weiterhin geben wird, sondern auch neue Funktionen. Die will man künftig nicht mehr gesammelt in einer neuen großen Windows-Version veröffentlichen, sondern sobald sie fertig sind. Ähnliches kennt man heute schon beispielsweise von Online-Diensten wie Google Maps, Dropbox oder YouTube. Dort interessiert sich niemand für irgendwelche Versionsnummern; neue Funktionen werden einfach eingebaut und stehen umgehend allen Nutzern zur Verfügung.

So soll es künftig auch bei Windows 10 sein, das dadurch anders als bisherige Versionen nicht langsam veralten soll. In der Vergangenheit musste man auf eine neue Windows-Version umsteigen, um eingebaute Treiber für die neueste USB-Generation, die neue DirectX-Version oder den aktuellen Internet Explorer nutzen zu können. Bei Windows 10 hingegen wird so etwas einfach als Funktions-Update nachgeliefert. Für „Windows as a Service“ ist kein Nachfolger mehr geplant.

Alles wird Windows

Auf Desktop-PCs und Notebooks ist Windows bis heute fast monopolartiger Marktführer, doch auf Smartphones und Tablets hinkt Microsoft der Konkurrenz seit Jahren hinterher. Mit Windows 10 startet nun der nächste Anlauf. Der Plan: Windows 10 soll nicht nur auf Desktop-PCs und Notebooks laufen, sondern überall.

Windows wird dabei zum Vehikel für das eigentlich Wichtige: Daten und die zur Nutzung der Daten nötigen Anwendungen, die Microsoft Apps nennt. Anwender bekommen Apps auf allen Plattformen aus dem immer gleichen Store, man braucht sie nur noch einmal zu bezahlen, und dank Synchronisation über Microsofts Cloud-Dienste soll man beispielsweise ein daheim auf der Xbox angefangenes Spiel in der Bahn einfach auf dem Tablet weiterspielen können. Das ist letztlich der Gedanke hinter Microsofts neuem Firmenmotto „Cloud first, Mobile first“. Egal, wo man sich gerade befindet und welche Art von Gerät man gerade nutzt: Immer soll man an all seine Daten kommen und das gleiche damit machen können, beschränkt allenfalls durch die Grenzen der jeweiligen Hardware. Um das wirklich nutzen zu können, reicht natürlich nicht nur ein Desktop-PC mit Windows: Es muss auch auf allen anderen Geräten laufen.

Um zu zeigen, wie toll das Ganze funktionieren könnte, baut Microsoft Vorzeigegeräte aller Kategorien. Dazu gehören nicht nur die Spielkonsole Xbox und die Surface-Tablets. Denn auch wenn der Konzern gerade wieder Tausende Ex-Nokia-Mitarbeiter gefeuert hat, will man weiterhin Vorzeige-Lumia-Smartphones bauen. Mit der Holo-Brille „Hololens“ hat das Unternehmen zudem eine bemerkenswert coole Augmented-Reality-Technik vorgestellt [1] und der Riesen-All-in-One „Surface Hub“ startet den Angriff auf die Whiteboards in Konferenzräumen [2]. Dabei geht es Microsoft nicht so sehr um direkte Marktanteile, sondern vor allem darum, andere Hardware-Hersteller dazu zu bewegen, ebenfalls solche Windows-10-Geräte zu bauen. Je vielfältiger das Angebot an Windows-Geräten wird, desto leichter lassen sich Kunden dazu bewegen, Windows auch jenseits von PC und Laptop zu nutzen.

Kostenlos?

Dass Windows 10 so viele Nutzer kostenlos bekommen sollen, ist vor dem Hintergrund als Investition in die Zukunft zu sehen: Um die Vorteile des „Alles wird Windows“ ausreizen zu können, braucht man Windows 10 auf allen Geräten, von denen der PC den Grundstein bildet. Und damit das möglichst schnell gelingt, beschränkt Microsoft das Angebot auf ein Jahr. Das soll Druck aufbauen, das Geschenk möglichst bald anzunehmen. Auch wenn es bei Microsoft keiner offiziell bestätigen will: Falls der Plan des „Alles wird Windows“ bis dahin aufgeht, dürfte es nach dem Jahr tatsächlich mit den Gratis-Upgrades vorbei sein, andernfalls geht es halt in die Verlängerung. Das kennt man ja von anderen Angeboten, die „wegen des großen Zuspruchs“ ausgedehnt werden.

Trotz „Cloud first, Mobile first“ will Microsoft natürlich weiter Geld mit Windows verdienen, wie gehabt vor allem im OEM-Geschäft. Zwar verschenkt Microsoft mit „Windows 8.1 mit Bing“ derzeit Lizenzen an Hersteller, doch gilt das Angebot nur für bestimmte Geräte im unteren Preissegment und soll gegen Billigkonkurrenz wie die Chromebooks helfen. Bei höherwertigen Geräten sind hingegen Lizenzgebühren fällig, wenn der Hersteller Windows vorinstallieren will. Dieses OEM-Geschäft lohnt, denn solche Geräte werden ja nicht nur zuhauf an Privatkunden verkauft, sondern auch an Unternehmen und Behörden. Die können zwar Volumenlizenz-Verträge abschließen, in deren Rahmen sie Windows-Lizenzen beispielsweise für die anders nicht erhältlichen Enterprise-Editionen erwerben. Doch das sind Lizenzen, die man nur als Upgrade für bereits vorhandene Home- oder Pro-Lizenzen einsetzen darf, und die wiederum kaufen auch Unternehmen am billigsten, wenn sie die ohnehin nötigen PCs gleich mit vorinstalliertem Windows kaufen.

Die derzeit häufige Frage nach Windows als Abo, also ob Anwender künftig in regelmäßigen Abständen für die Windows-Nutzung zahlen müssen, lässt sich damit beantworten, dass das effektiv schon der Fall ist: Die meisten Windows-Lizenzen gehen nicht separat über den Ladentisch, sondern als Vorinstallation auf einem neuen Gerät. Die Masse der PC-Käufer bezahlt also ohnehin immer wieder für Windows. Für ihre Software-Assurance-Verträge zahlen Unternehmenskunden genau wie MSDN-Abonnenten sogar regelmäßig.

Künftig wird Microsoft auch bei Privatkunden häufiger die Hand aufhalten, doch dass das für Windows selbst gilt, dürfte unwahrscheinlich sein. Geld sollen eher Provisionen an den Verkäufen im Store sowie darüber hinausreichende Dienstleistungen bringen. Mit Office 365 klappt das ja schon, weitere Dienste sollen folgen. Details hat Microsoft bis Redaktionsschluss allerdings noch nicht verraten. (axv@ct.de)

Literatur
  1. [1] Jan-Keno Janssen, Ulrike Kuhlmann, Blicken statt klicken, Microsofts ambitioniertes HoloLens-Projekt, c’t 5/15, S. 58
  2. [2] Jo Bager, Martin Fischer, Dorothee Wiegand, Jörg Wirtgen, Darfs ein bisschen mehr sein?, Windows 10 jenseits der Preview, c’t 5/15, S. 60

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  1. Das letzte Windows
  2. Alles wird Windows
  3. Kostenlos?
  4. Windows 10
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