Reich durch meine Daten

@ctmagazin | Editorial

Endlich haben sie es begriffen, unsere Politiker: Daten sind Rohstoff, wertvoll wie Erz oder Kohle. Erst dämmerte es Sigmar Gabriel. Klar, als Wirtschaftsminister ist er ja auch nah dran am Puls des Big Business. Auf dem IT-Gipfel hat er mit gewohnt stolzgeschwellter Brust die neue Doktrin verkündet: Datensouveränität statt Datenschutz. „Die Minimierung als oberstes Ziel ist das Gegenteil des Geschäftsmodells von Big Data,“ postuliert Gabriel. Klar, Datensparsamkeit, dieses überkommene Dogma der Datenschützer, passt einfach nicht zu Big Data. Hat er gut erkannt, der Schlaufuchs.

Damit wirklich jedem klar wird, wie das gemeint ist, legte Kanzlerin Merkel wenig später unter Bezug auf die geplante EU-Datenschutzgrundverordnung nach: „Hierbei wird es notwendig sein, dass der Kompromiss, der zwischen Kommission und Rat gefunden wurde, im Parlament nicht zu sehr verwässert wird.“ Übersetzt: Parlamentarier, schluckt bitte, dass die Prinzipien der Zweckbindung und Datensparsamkeit aus dem EU-Datenschutzrecht verschwinden müssen. Restriktive Rahmenbedingungen könnten das Geschäft mit Big Data in Europa zerstören - also weg damit.

Mir schossen die Tränen in die Augen, als ich diese klaren Worte unserer Kanzlerin vernahm. Freudentränen, wohlgemerkt, denn nun ist es amtlich: Daten sind ein wertvoller Rohstoff - und zwar mein Rohstoff. Schließlich besitze ich die Daten und obendrein produziere ich sie auch noch. Als Eigentümer und Produzent habe ich volle Kontrolle und kann jetzt ordentlich Kasse machen.

Google, Amazon, Apple, Microsoft, Facebook & Co. - stellt Euch schon mal an: Hier öffnet gleich der große Basar! Ich hab mir auch schon genau ausgemalt, wie ich das mache mit der Monetisierung: Dynamische Daten, die ich permanent produziere, verkaufe ich wie die OPEC das Öl anno 1973 - in kleinen Portionen und mit klarem Blick auf die Fördermenge, damit der Preis nicht in den Keller geht.

Statische Daten, die ja ein knapper Rohstoff sind, versteigere ich, wie seinerzeit der Staat die Mobilfunkfrequenzen. Der Meistbietende erhält den Zuschlag, der Rest geht leer aus. Also legt Euch ins Zeug, liebe Datensammler. Als Erstes versteigere ich meine Schuhgröße - wie lauten Eure Gebote?

Wie? Kein Geld? Keine Millionen? Allein mit Euren Diensten wollt Ihr bezahlen? Träumt weiter! Dann dreh ich Euch halt den Datenhahn zu. Ihr werdet schon sehen, was Ihr davon habt. Ich sage nur 1973, Ölkrise, „Autofreier Sonntag“, leere Daten-Autobahnen und so ...

Georg Schnurer Georg Schnurer

Artikel kostenlos herunterladen

Kommentare

Infos zum Artikel

4Kommentare
Kommentare lesen (4 Beiträge)
  1. Avatar
  2. Avatar
  3. Avatar
Anzeige

Anzeige

Anzeige