Computer zum Kuscheln

Die Wearables-Welle: Aktivitätstracker, Smartwatches, Datenbrillen und elektronische Kleidung

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Wearables laufen einem seit einigen Monaten fast überall über den Weg: Ob in Form von Smartwatches, Aktivitätstrackern, Datenbrillen oder Cocktail-Kleidern, die tatsächlich Cocktails machen. Woher kommt der Boom? Und: Welches Wearable passt zu mir?

Computer auf dem Schreibtisch? Pfft, total Achtziger! Heute trägt man Technik am oder im Körper: als Armband, Brille, Brosche oder Implantat – zumindest dem Hype nach zu urteilen, den die sogenannten „Wearables“ ausgelöst haben. Kaum ein Technikmarkt, der vor Weihnachten nicht mit Smartwatches oder Aktivitätstrackern geworben hat, vom Bohei um die Google Glass ganz zu schweigen.

Wearable, das kommt von Wearable Computing und ist eigentlich ein alter Hut. Schon seit Jahrzehnten träumen Science-Fiction-Autoren von Datenbrillen, Armbandrechnern und Implantat-Computern, die direkt an die Synapsen angeschlossen werden. Nur: Die vorhandene Technik ermöglichte lange Zeit keine so miniaturisierten Geräte, wie das für echte Wearables notwendig gewesen wäre.

Das ist heute, nach dem großen Smartphone-Siegeszug, anders. Sensoren, Displays, CPUs, Funkmodule sind inzwischen nicht nur extrem leistungsfähig, sondern auch extrem klein und billig geworden. Das Kuriose daran: Die Smartphones helfen damit einer Gerätegattung auf die Sprünge, die sie langfristig wohl ablösen wird. Wearables stellen das Bedienparadigma konventioneller Computer (oder auch Smartphones und Tablets) komplett auf den Kopf: Während aktuelle Technik die ungeteilte Konzentration des Benutzers einfordert, tritt bei Wearables die Interaktion mit dem Gerät in den Hintergrund. Und das ist es ja eigentlich, was man will: Geräte, die einem jederzeit behilflich sind, ohne dass man vorher auf Knöpfen oder Touchscreens herumdrücken muss. Das gute alte Hörgerät ist deshalb das perfekte Beispiel für ein Wearable: Der Computer im Gehörgang hilft beim Hören, ohne dass man ihn wahrnimmt.

Auch Datenbrillen bieten manchmal schon perfekte Wearable-Momente: Dass man eine Google Glass auf dem Kopf hat, vergisst man schnell; dennoch kann man jederzeit Fotos machen: Einmal Blinzeln genügt – Augensensor sei Dank. Smartphone-Fotografen müssen das Gerät erst aus der Tasche friemeln, entsperren und die Foto-App starten.

Das Internet auf dem Kopf

Google will mit Glass das Internet so nahe an den Menschen bringen, dass er sozusagen mit ihm verschmilzt: Statt mühselig Apps zu starten, um das Wetter oder die Kino-Startzeiten zu erfahren, soll die schlaue Brille selbstständig wissen, was man gerade wissen will. Die „Gedankenlese“-Erweiterung Google Now zeigt, wohin die Reise gehen soll. Google Now läuft zurzeit zwar vor allem auf Smartphones – seit Februar 2014 Jahr ist neben der Android-Version auch eine iOS-Variante erhältlich – man merkt aber deutlich, dass die Now-Entwickler von Anfang an Wearables im Sinn hatten: Wenn ich gerade schnaufend über den Flughafen sprinte, nützt es mir wenig, wenn mein Smartphone in der Hosentasche weiß, dass sich das Gate geändert hat. Zeigt mir jedoch meine Armbanduhr oder Datenbrille diese Information an, hilft mir das ungemein.

Jederzeit das Internet im Augenwinkel: Das hat die Google Glass von Anfang an versprochen. Vor Kurzem ruderte der Suchmaschinenriese aber heimlich zurück. Während er die Glass anfangs als Smartphone-Ersatz für jedermann vermarktete, verlagerte er ein Jahr nach dem Start den Fokus auf den Unternehmenseinsatz. Kein Wunder: Als Mainstream-Gadget eignet sich das zurzeit aktuelle Modell („Explorer-Edition“ in der dritten Hardware-Revision) nicht, zu viele Kinderkrankheiten vermiesen den Spaß. So hält der Akku im Dauerbetrieb nur 40 Minuten lang. Der Knochenschall-Lautsprecher ist lediglich in leiser Umgebung zu gebrauchen – auf offener Straße übertönt schon durchschnittlicher Verkehrslärm die Glass-Ansagen. Und auch das nahezu komplett auf Sprachbefehle setzende Bedienkonzept ist in vielen Fällen nicht praxistauglich: Niemand will Meetings, in denen alle ständig in ihre Brillen plappern.

Dennoch hat der Glass-Hype etliche Mitbewerber auf den Plan gerufen, zum Beispiel Epson mit der Moverio BT-200 oder Vuzix mit der M100. Bislang sehen wir aber bei keiner einzigen Brille das Potenzial, das Smartphone kurzfristig abzulösen. Ändern könnte sich das mit einer neuen Version der Google-Brille, die angeblich bald vorgestellt wird. Details dazu gibt es bislang noch keine, außer dass Intel und der Ray-Ban-Hersteller Luxottica mitmischen wollen.

Für bestimmte Unternehmensanwendungen können Datenbrillen aber schon heute praxistauglich sein, zum Beispiel in der Logistik. Der Paketdienstleister DHL testet zurzeit Datenbrillen mit integriertem Barcodescanner. Dadurch sollen Lagerarbeiter schneller an das richtige Paket kommen, weniger Auswahlfehler machen und obendrein beide Hände frei haben.

Elektroklamotten

Noch deutlich unauffälliger als Datenbrillen sind Computer-Kleidungsstücke. Seit Jahren sollen die unsichtbaren Rechner den Umgang mit Technik revolutionieren – bereits 1998 titelte c’t „Computer machen Leute“ und prognostizierte einen anstehenden „Softwear“-Paradigmenwechsel. 16 Jahre später erschöpft sich der angebliche Elektro-Kleidungs-Trend in Spaß-T-Shirts mit bunten LEDs oder programmierbaren Laufschriften. Aber nun soll es wirklich losgehen. Die Marktforscher von NanoMarkets prognostizieren, dass der zurzeit quasi nicht vorhandene Markt für „Smart Clothing“ bis 2021 auf 1,8 Milliarden US-Dollar anwachsen wird.

Auch in Deutschland passiert in dem Bereich einiges. So entwickelt das Mainzer Unternehmen Ambiotex zusammen mit dem Fraunhofer IIS ein T-Shirt, das Körperdaten wie Puls, Atmung, Herzfrequenzvariabilität (HRV) und Aktivität misst – eingenähte Sensoren zeichnen sogar ein 1-Kanal-EKG auf. Die Bluetooth-4.0-Sendeeinheit ist allerdings nicht fest integriert, weil sie vor dem Waschen herausgenommen werden muss.

Elektronische Kleidung bietet aber noch viel kreativere Möglichkeiten: Das DareDroid-Cocktailkleid des Kunstkollektivs Modern Nomads sieht nicht nur hübsch futuristisch aus – es mixt tatsächlich mit eingebauten Pumpen bunte Cocktails. ...

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c't 03/2015, Seite 96 (ca. 3 redaktionelle Seiten)
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Artikel-Vorschau
  1. Das Internet auf dem Kopf
  2. Elektroklamotten
  3. Elektronische Armfesseln
  4. Sensorflut
  5. Relativ smarte Watches
  6. Die Wearable-Welle

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Kapitel
  1. Das Internet auf dem Kopf
  2. Elektroklamotten
  3. Elektronische Armfesseln
  4. Sensorflut
  5. Relativ smarte Watches
  6. Die Wearable-Welle
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