Schrotthandel

Gefälschte AMD-Prozessoren im Umlauf

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Originalverpackung, Originalbeschriftung und nicht aus windiger Quelle, sondern von Amazon, und doch mit völlig anderem Innenleben als erwartet: Derzeit kursieren gefälschte Prozessoren namens A8-7600, die nicht nur fünf Jahre älter sind als behauptet, sondern auch nicht in die für sie vorgesehenen Mainboards passen.

Fälschung? Extrem unwahrscheinlich – wohl eher eine Verwechslung! Das waren unsere ersten Gedanken, als uns Leser Karsten K. schrieb, er halte einen AMD-Prozessor in der Hand, der nicht ins Mainboard passe. Schließlich sind Marketing-Stunts, bei denen alte Produkte noch einmal neue Namen bekommen ebenso branchenüblich wie (dadurch) verwirrte Kunden. Doch ein Blick in AMDs CPU-Datenbank widerlegte diese erste These: Unter dem Namen A8-7600 listet AMD tatsächlich nur einen Prozessor aus der aktuellen Kaveri-Baureihe mit 3,1 bis 3,8 GHz für die Fassung FM2+. Genau mit diesen Merkmalen hatte ihn Karsten K. auch beim Versandhändler Amazon geordert.

Aber die Bilder, die er uns schickte, zeigten etwas, das eigentlich nicht sein darf: Die Oberseite der CPU weist sie ohne Zweifel als A8-7600 aus. Beschriftung, QR-Code und Seriennummer wecken keinerlei Verdacht. Das Bild der Unterseite für sich alleine auch nicht – zumindest, wenn noch das Jahr 2009 wäre, denn es zeigt das Pinout eines längst nicht mehr hergestellten AM2+-Prozessors. Eine Verwechslung ist ausgeschlossen, weil die Fassungen AM2+ und FM2+ schon mechanisch zueinander inkompatibel sind. Unterscheiden kann man sie ohne Weiteres, weil die moderne FM2+-Fassung in der Mitte der CPU eine große Fläche frei lässt, während die alte AM2+-Fassung dort Pins vorsieht.

Spurensuche

Als wenige Tage später das Corpus Delicti in der c’t-Redaktion eintraf, gab es gleich die nächste Überraschung: Karsten K. hatte die CPU nicht etwa als Tray-Ware irgendwo ergattert, sondern die offizielle Boxed-Version bekommen. Das holografische Siegel der Packung war unverletzt und die Rechnung stammte von Amazon Deutschland, nicht von irgendeinem Reseller. Weder an der Verpackung noch am Aufdruck der CPU konnten wir mit bloßem Auge irgendwelche Spuren einer Fälschung erkennen.

Laut der Gravur auf ihrem Deckel, soll die CPU in der 30. Kalenderwoche 2014 bei AMD vom Band gelaufen sein. Damit scheiden Verwechslung oder Produktionsfehler seitens AMD zweifelsfrei aus, denn die Produktion von AM2+-CPUs endete bereits vor etwa fünf Jahren. Glücklicherweise fand sich im gut gefüllten Hardware-Archiv der Redaktion noch ein passendes Mainboard samt Arbeitsspeicher. Die CPU meldet sich selbst als „Athlon 64 X2 5200+“ mit 2,7 GHz und stürzt Sekundenbruchteile später ab – noch während des Bootvorgangs. Möglicherweise ist die CPU defekt oder der Fälscher hat den Heatspreader nicht wieder sauber mit dem Die verklebt. Der Athlon 64 X2 5200+ stammt aus AMDs K8-Baureihe (Codename Brisbane) und wurde von 2007 bis 2009 hergestellt.

Bei der eingehenden Untersuchung der Unterseite der CPU-Box fielen uns ein paar winzige Knicke im Karton und Rückstände von Kleber auf. Mit einem Cutter gelang es sogar, eine baugleiche Packung ohne sichtbare Beschädigungen zu öffnen, indem wir die Verklebung zwischen den einzelnen Papplagen durchtrennten. Mit etwas Kleber hätten wir sie auch wieder schließen können.

Vieles an diesem Fall wird sich erst in den nächsten Wochen klären. Bis dahin steht lediglich fest: Jemand hat erhebliche kriminelle Energie aufgewendet, um eine alte CPU neu zu beschriften und täuschend echt zu verpacken. Hinweise auf ähnliche Fälle liefern Kundenbewertungen auf der britischen Amazon-Webseite. Die stammen von Mitte Januar und monieren ein falsches Pinout der gelieferten CPUs. In einem britischen Overclocker-Forum wird ein weiterer Fall diskutiert. Die dort eingestellten Bilder zeigen dasselbe Muster.

Nachgefragt

Wir konfrontierten sowohl Amazon als auch AMD mit den Fälschungen und wollten wissen, ob weitere Fälle bekannt sind. Während Amazon Deutschland überhaupt nicht antwortete, reagierte AMD vorbildlich. Allerdings war dem CPU-Hersteller das Problem bis dato noch nicht bekannt – erstaunlich, denn die ersten Kundenbeschwerden aus England stammen vom 10. Januar und die Art der Fälschung muss zwangsläufig zu Rückläufern führen, weil AM2+ und FM2+ zueinander inkompatibel sind.

Kurz vor Redaktionsschluss bekamen wir sogar Besuch von einer hochrangigen AMD-Delegation, die das Beweisstück selbst in Augenschein nehmen wollte. Man versprach uns, solche Betrugsversuche sehr ernst zu nehmen und die Quelle ausfindig zu machen. Für besorgte Kunden hat AMD eine Webseite, die erklärt, welche Sicherungsmechanismen und -hologramme CPU und Packung tragen müssen (siehe c’t-Link am Ende des Artikels).

Unseren Leser Karsten K. wollte AMD übrigens nicht auf Amazon warten lassen, sondern hat angekündigt, ihm unbürokratisch direkt eine neue FM2+-CPU zu schicken. (bbe@ct.de)

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