Alternativ? Los!

@ctmagazin | Editorial

Wir lieben sie: Außenseiter und Underdogs, die allen Unwägbarkeiten zum Trotz die Großen und Übermächtigen schlagen. Auch in der IT gibt es diese David-gegen-Goliath-Romantik: Steve Jobs gegen Big Blue, Firefox gegen Internet Explorer, Linux gegen Windows - ewig währende Legenden in den Foren-Threads. Auf Smartphones sind die Außenseiter-Geschichten ausgeblieben: Palm wurde verschluckt, Meego für Windows Phone geopfert, Android zu einem Google OS gemacht.

Und nun stehen wir da. Das Triumvirat aus Google, Apple und (ein bisschen) Microsoft beherrscht die Welt der Mobilgeräte und sammelt unser Geld und unsere Daten ein. Schnell schiebt man die Schuld den Overlords der Mobilbranche zu, die sich den Markt einverleibt haben und jetzt den Nutzer drangsalieren: Googles Androiden-Armee, die unter dem falschen Banner eines längst nicht mehr freien Betriebssystems mit Nutzerdaten und Werbung Kasse macht. Oder Apple, das unliebsame Apps aus seinem umzäunten Paradies hinauswirft und bei jedem Fitzelchen Code und Content mitverdienen will. Oder man regt sich über Geräte-Hersteller und Provider auf, die lieber mit den Goliaths abkassieren, als dem Kunden eine echte Alternative anzubieten.

Dass es keine Alternativen gibt, ist jedoch falsch. Doch um sie wird es stiller. Die Sailfish-Entwickler von Jolla bangen um jede Finanzierungsrunde, Mozilla verabschiedet sich von Firefox OS. Ubuntu Phone verharrt in Nischenmärkten. Und viele Google-freie Custom-ROMs scheitern daran, dass sie auf zu geringes Interesse stoßen.

Tatsächlich liegt es also an uns. Wir schimpfen über Google, Microsoft, Apple, um im nächsten Moment unser Nexus oder iPhone aus der Tasche zu ziehen. Während wir immer noch unsere Rechner zusammenschrauben und mit selbst gebastelten Arduino-Skripten die Weihnachtsbeleuchtung steuern - ausgerechnet bei unseren Smartphones, die uns kennen wie kein zweiter und auf denen wir Taschengelder in-App verpulvern, ausgerechnet da sind wir zu bequem geworden. Weil iOS so praktisch ist, lassen wir uns von Apple die Software vorschreiben. Weil Android so billig ist, lassen wir unsere Kontakte von Taschenlampen-Apps absaugen.

Mag sein, dass die Zukunft von Sailfish ungewiss ist, dass Ubuntu Phone Bugs hat und Custom-ROMs ohne Google Play Store mehr Arbeit machen. Doch Risiko und Mühe lohnen sich. Wer mitmacht, bekommt mehr Kontrolle über sein Smartphone - und zeigt den Großen lässig die kalte Schulter. Allzu lang warten sollten wir aber nicht mehr, sonst bleibt uns wirklich nur noch eine Wahl: ob wir uns lieber von Apple, Google oder Microsoft gängeln lassen wollen.

Achim Barczok Achim Barczok

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