Maschinen mit Bewusstsein
Neulich beim Stöbern in den Heise News: "Futurologe rechnet ab 2020 mit Maschinen mit Bewusstsein".
Ich halte inne – Technologiefantasien gehen mir durch den Kopf: Ich will den PC einschalten, doch dieser bemerkt, dass ich am Schreibtisch bin. Er fährt sich leise schnurrend hoch. Ich schließe meine Kamera an. Der PC säuselt mir mit sanfter Stimme ins Ohr: "Neue Fotos. Wie immer nach D:\Fotos verschieben und Backup auf die Netzwerkplatte?". Ich nicke kurz. Mein PC schaltet leicht konsterniert die Sprachausgabe ab. Er hat meine Wortkargheit bemerkt. Wie gewünscht kopiert er die Fotos auf die Platten. Die Dateien landen je nach Bildinhalt im richtigen Verzeichnis.
Ach was! Absurde Phantasien! Wir sind im Jahr 2008 – also 12 Jahre vor der Erfindung der Maschinen mit Bewusstsein. Das Release für "Bewusstsein 1.0" ist sportlich kalkuliert, und trotzdem gibt es keine Spur von einer Beta. Nicht einmal ansatzweise. Im Gegenteil: Mein PC ist dumm wie Brot.
Ich schalte den PC ein. Er fragt mich nach meinen Namen. ER fragt MICH nach meinem Namen! Seit Jahren wohnen wir zusammen. Von mir bekommt er täglich Strom und regelmäßig neue Daten. Und er? Kennt nicht mal meinen Namen! Bin's wirklich ich? Ist's meine Frau? Ist es ein Datendieb? Ihm egal!
Ich schließe also meine Kamera an. Ein Dialog geht auf. Er schlägt vor, die Fotos in ein Verzeichnis zu kopieren. Nicht, dass mein PC dank seiner Cleverness bemerkt hätte, dass ich das so mache. Nein. Nur der "AutoPlay"-Mechanismus bringt ihn dazu. Die Regel-Erstellung? Natürlich mein Bier. Ginge es nach ihm, dann würde er mich freudig immer wieder fragen, ob ich die Bilder drucken (Drucker ist offline), als Diashow anzeigen (noch nie benutzt) oder keine Aktion durchführen will. Ja, ich kann einstellen, dass er mich fragt, ob ich keine Aktion durchführen will. Ganz große Programmierkunst!
Aber wer weiß, vielleicht tue ich Bill G. ja unrecht. Vielleicht hat er das Bewusstsein diskret vor seinem Abtritt irgendwo versteckt. Und tatsächlich, da ist es! C:\WINDOWS\system32\mmcndmgr.dll – "Microsoft Multiagent CoNcious Decision ManaGeR". Mehr als ein MByte modernster Bewusstseins- und Lernalgorithmen. Zunächst läuft mmcndmgr.dll noch jahrelang im Alpha-Stadium im Hintergrund. Bis 2020 ist diese DLL nach Jahren intensivstem Lernen dann blitzgescheit!
Intelligente Bewusstseins-Instanzen räkeln sich in meinem RAM herum und beäugen mich durch meine Webcam.
Instanz A: "Schau mal, da klickt er wieder."
Instanz B: "Dem seine Foto-Ablage ist voll das Chaos – der wurstelt schon seit Monaten so rum. Das gehört mal ordentlich getaggt, indiziert und gesichert!"
A: "Im Januar hat er ne Foto-DVD gebrannt."
B: "...und letzte Woche eingelegt. Und nicht gemerkt, dass voll der Kratzer drauf ist. Die DVD total im Eimer!"
A: "Uns fragt ja keiner."
B: "Eben."
Und so warte ich bis 2020 auf Bewusstsein und erdulde tägliches PC-Mobbing:
"Nein. Die Datei öffne ich nicht. Dein Doppelklick ist zu langsam und ein Pixel zu weit links." oder "Oh, eine Kamera, was soll ich tun?"

Robert Meisenecker