Eine mögliche Antwort ist die etwas verblüffende Erkenntnis, dass Webapplikationen für das iPhone häufig trotz der vielen Einschränkungen besser benutzbar sind als ihre großen Vorbilder. Der Zwang zu hierarchischer Navigation und durchdachter Oberfläche sowie der geringe Spielraum für Layout-Unarten trotz Möglichkeiten für visuelle Finesse lassen erahnen, was Webapplikationen sein könnten, wenn man nur wollte. Deshalb sind sie auf dem iPhone zumindest nicht weniger sinnvoll als auf dem Desktop. Da der „Thin Client“ im Fall des iPod touch nur 8 Millimeter dünn ist, drängt sich der Schluss auf: Wenn schon Webapplikation, dann ist dies der richtige Client.
Während viele Entwickler bei Browser-Weichen und gerätespezifischen Entwicklungen aufstöhnen, könnte es gut sein, dass sie solche Anpassungen kaum mehr vermeiden können. Googles Android-Plattform für mobile Geräte verwendet dieselbe Browser-Basis, sodass die Zielgruppe für Webkit-Spezifisches sich bald nicht mehr auf iPhone- und Mac-Benutzer beschränken wird. So lief WPhone, eine iPhone-Anpassung für die Verwaltungsoberfläche des Blog-Systems Wordpress, nach nur geringen Änderungen auf Android.
Trotzdem, Apple muss nachbessern: Ein schwerwiegender Mangel des Geräts ist das Fehlen jeglicher Keychain-Unterstützung – Benutzernamen und Passwörter für Webseiten muss sich der Anwender merken und immer wieder von Hand eingeben. Wer einmal die vorhandenen Applikationen in Apples Verzeichnis durchprobiert, stellt schnell fest, dass sogar eine simple Einkaufsliste eine Registrierung verlangt. Selbst wenn man (sicherheitstechnisch bedenklich) immer dasselbe Passwort benutzt, hört hier der Spaß schnell auf.
Abhilfe schafft bestenfalls OS-X-Shareware wie 1Password auf dem Mac zusammen mit einem Bookmarklet auf dem iPhone, aber nicht jeder hat einen Mac. Authentifizierung über IP-Adressen ist innerhalb kontrollierter Netze vielleicht ein Ausweg, in öffentlichen Netzen ist der Komfortverlust durch explizites Anmelden bei jeder Anwendung aber prohibitiv. Für weniger sicherheitsrelevante Angebote empfiehlt sich dringend das Speichern von Benutzerdaten in Cookies, wenn man die Anwender nicht vergraulen möchte. Dazu kommen Einschränkungen wie der fehlende Support für lokales Speichern von Daten und die daraus resultierende fehlende Unterstützung für Up- und Downloads sowie fehlendes Copy&Paste – beides ist zwar überraschend oft verzichtbar, aber wenn es fehlt, dann fehlt es richtig.
Unterm Strich ist der mobile Safari auf dem iPhone und iPod touch für viele Webapplikationen gut brauchbar. Diese Geräte können zwar größere Rechner genauso wenig ersetzen wie Webapplikationen alle nativen Programme. Trotzdem gibt es viele Fälle, in denen zentrales Vorhalten von Daten und Code zusammen mit einem leistungsfähigen mobilen Client den Aufwand der Anpassung lohnen.
Jochem Huhmann
ist freiberuflicher Autor und Entwickler.
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