The World of IT 25.01.11
Wenn ich dieser Tage über WikiLeaks und die 1,8 Milliarden Steuereinnahmen durch die angekauften Daten-CDs lese, macht sich ein interessanter Gedanke breit: Es geht um die Rolle der ITler im Informationszeitalter. Wir erleben zunehmend, dass nicht nur die IT, sondern auch die Menschen dahinter, also die Programmierer und Informatiker, zum Key-Enabler werden. Dabei ist nicht nur gemeint, dass diese Personen gute Arbeit machen müssen. ITler haben Zugriff auf vieles; manchmal und für manche auf zu vieles, sodass Dinge herauskommen können, die eigentlich geheim bleiben sollten.
Nun kann man das Problem auf zweierlei Arten angehen: Daten auch vor ITlern schützen und/oder die Loyalität erhöhen.
Daten schützen ist so eine Sache. In der IT laufen alle Daten und Geschäftsprozesse zusammen. Und natürlich gibt es damit Zugriff auf alle Daten, die anfallen. Spätestens für den 3rd-Level-Support ist dieser Zugriff notwendig, und wir alle wissen, dass im Zuge von Einsparungen oder zugunsten von schnellen Lösungen notwendige Sicherheitsmaßnahmen in der Praxis schnell ein Problem sind. Hinzu kommt, dass Sicherheitsmaßnahmen so ziemlich jedes Konzept von Grund auf korrumpieren können.
Der andere Ansatz heißt Loyalität. Auch ITler sollten idealerweise ein Wertesystem vertreten, dass zum Wohle der Firma bzw. des Kunden ist, für die/den man arbeitet. Doch leichter gesagt, als getan, denn es geschieht immer öfter, dass man als Mitglied oder Mitarbeiter Werte und Interessen vertreten muss, die man nicht teilt. Politiker stimmen für Gesetze, die sie für unsinnig halten. Bankangestellte verkaufen Produkte, die nicht dem Wohl des Kunden, sondern der Bank dienen. Und ein Programmierer wird sicherlich nicht begeistert sein, wenn er manch Geschichte hinter den abgelegten Daten erkennen kann.
Die IT mal ausgenommen funktionierte das bisher mit der Loyalität trotzdem ganz gut. Man konnte sie geschickt forcieren, denn man saß ja im gleichen Boot. Der Politiker will wiedergewählt werden, der Bankangestellte freut sich über eine Provision, und wer im Interesse der Firma agiert, hat gute Karten bei der nächsten Beförderung.
ITler fallen da aus dem Rahmen. Nicht eingebunden in die fachlichen Organisationsstrukturen und oftmals einfach nur externe Berater oder Programmierer beschränkt sich die Identifikation mit dem Arbeit- oder Auftraggeber auf ein übliches Interesse an einen guten Job. Hinzu kommt, dass die Drohung des Job-Verlusts de facto nicht existiert, schließlich werden IT-Experten händeringend gesucht.
Hinzu kommt weiterhin, dass der Schaden, den eine einzelne Person anrichten kann, immens werden kann, denn man muss ja nicht mehr jede Seite kopieren oder abfotografieren, sondern einfach nur eine Kopie aller Daten ziehen. Und es gibt ja auch ganz andere Möglichkeiten der Veröffentlichung. Das gibt den ITler mitunter mehr Macht als klassischen Enthüllungsjournalisten.
Last, but not least gibt es ein Image-Problem (zumindest die, die Daten geheim halten wollen, sehen das als Problem), denn in der Rolle des Enthüllungs-Journalisten im Dienste der Wahrheit wird der ITler plötzlich wieder cool. Nicht umsonst haben wir doch alle allergrößte Sympathie für Lisbeth Salander, die in der Millennium-Trilogie von Stieg Larsson als Kämpferin für die Wahrheit (wenn auch vornehmlich in eigener Sache) vieles aufdeckt und dabei sicherlich nur den vorgeschriebenen gesetzeskonformen Weg geht. Die Saat ist also gelegt.
Nicolai Josuttis (josuttis@it-communication.com) beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Konzeption und Realisierung von mittleren bis großen Software-Systemen.