Embedded-Blogger 13.02.12
Toulouse ist einer der wichtigsten Standorte Frankreichs für internationale Unternehmen aus dem Bereich "eingebetteter Systeme". Daher ist das jeweilige Programm des Kongresses "Embedded Real Time Software and Systems" (ERTS2) auch ein Indikator für die Themen, die die Industrie gegenwärtig bewegen. Die nach einiger Zeit dort bereitgestellten Artikel zu den Vorträgen können eine interessante Informationsquelle sein. (Für die letzte Auflage aus 2010 sind diese online. Für die Vorträge der diesjährigen Konferenz, die Anfang Februar stattgefunden hat, muss man die Website beobachten). Vorab schon mal ein erster Eindruck zu den wichtigsten Themen:
Bei der Entwicklung von Produkten wie Flugzeugen, Eisenbahnen und Kraftfahrzeugen ist die Einhaltung von Sicherheitsstandards ein zentrales Thema, und es besteht der Wunsch, von den Standards der jeweils anderen und eventuellen Gemeinsamkeiten zu lernen. Eine Vortragssession drehte sich daher um die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Standards. Der Informationsgehalt blieb hier aber leider etwas hinter den Möglichkeiten zurück, da drei Vortragende hintereinander jeweils nur einen Kurzüberblick über die Standards gaben. Als Erkenntnis blieb das Fazit eines Sprechers haften, dass eine Vereinheitlichung der Standards kaum in Sicht sei, aber die Werkzeuge dazu durchaus über die Domänen hinweg einsetzbar sein können.
Aufmerksamkeit erhält dabei als relativer junger Standard die ISO-Norm 26262 aus der Automobilbranche, die verschiedene Einzelvorträge zu unterschiedlichen Aspekten behandelten.
Weiterhin beschäftigt das scheinbar nie endende Thema "integrierte Werkzeugketten" die Branche. Besonders sichtbar waren die öffentlichen beziehungsweise durch die ESA geförderten Projekte CESAR und ASSERT.
CESAR als Artemis-Projekt mit fast sechzig Partnern adressiert dieses Thema mit dem Teilprojekt RTP (Reference Tool Platform). Leider ist die Information auf der CESAR-Website dazu etwas dünn. Neben der Vision liefert ein Dokument (PDF) von SAE einen guten Überblick. CESAR verfolgt hier den Ansatz, die Modelle der jeweiligen Werkzeuge auf ein gemeinsames Metamodell in einem Repository abzubilden (Model-Bus) und hier Zusammenhänge abzuprüfen.
Einen kleineren Ansatz verfolgt die Werkzeugkette TASTE aus dem Assert-Projekt. Hier werden Lücken zwischen bestimmten Werkzeugen geschlossen, ohne einen umfassenden Anspruch auf Integration zu erheben.
Während beide Ansätze die Werkzeuge in ihrer Architektur wohl relativ unangetastet lassen, arbeitet die Eclipse Automotive Industry Working Group an einer Abstimmung einer Referenz-Distribution für Werkzeughersteller und OEMs aus dem Bereich Automotive, die es diesen erleichtern soll, Werkzeuge zu integrieren. Mehr Informationen dazu demnächst von mir nach dem nächsten Treffen der Working Group.
Während die "Modeling-Avantgarde" sich intensiv mit domänenspezifischen Sprachen befasst, haben sich UML und der Systems-Engineering-Ableger SysML trotzdem fest etablieren können. Neben den methodischen Themen wie dem Echtzeitprofil MARTE ist die Erfolgsgeschichte zum Open-Source-SysML-Werkzeug Topcased interessant, das außerhalb Frankreichs noch wenig Sichtbarkeit und Einsatz erreichen konnte. Darüber hinaus gibt es viele spezifische Modellierungsansätze mit den unterschiedlichsten Einzelwerkzeugen.
Die ERTS2 ist eine gute Ergänzung zu deutschen Konferenzen, da auch hier natürlich auch die Networking-Gelegenheiten nicht zu kurz kommen. Die Themenauswahl ist breit gefächert, und die Teilnehmer sind oft in der Situation, die Qual der Wahl zu haben. Dass die Organisatoren in den Vorjahren die eingereichten Beitrage kostenfrei auf der Website veröffentlichten und nicht in einem teuren Konferenzprogramm ist besonders lobenswert und ermöglicht es, auch ohne Reise nach Frankreich interessante Informationen zu erhalten.
Andreas Graf ist für die Ausrichtung des itemis-Angebots (www.itemis.de) im Bereich Automotive verantwortlich.