Veranstaltungsberichte 14.06.2010 - 12:19
Schlagwörter: Innovate 2010, Konferenz
Seitdem Rational nur noch eine Abteilung von IBM ist, hat sich die Produktstrategie kontinuierlich gewandelt. Die Marschrichtung lautet seit einigen Jahren: Weg von der Unterstützung des Programmierers und hin zum Business-Support. Mit dem, was Rational auf der "Innovate 2010" präsentierte, zeigte sich, wohin diese Reise gehen soll.
IBM hat der einstigen Rational-Developer-Konferenz einen neuen Namen und ein neues Image verpasst. Die diesjährige Veranstaltung hieß erstmals "Innovate". Damit wollte die Firma unter anderem verdeutlichen, dass Software eine Schlüsselrolle in ihrer anhaltenden Megakampagne "Built a Smarter Planet" einnimmt, denn für das, was sich IBM da alles vorgenommen hat, muss noch viel innovative Software geschaffen werden.
Software-Chef Steve Mills
Doch IBM sieht die Bedeutung von Software weit über die eigenen hochgesteckten Ziele hinaus. "Software ist die neue unsichtbare treibende Kraft von allen Unternehmen und Organisationen. Sie hat sich zum größten und bedeutendsten Unternehmensvermögen entwickelt. Unsere gesamte Zivilisation beruht inzwischen auf Software", rief IBMs Software-Chef Steve Mills den Teilnehmern in seiner Keynote zu.
Leider aber treffe die damit verbundene Verantwortung die Entwicklergemeinde völlig unvorbereitet. Doch IBM hätte das Thema nicht so deutlich angesprochen, wenn es nicht parallel dafür passende Lösungen zur Hand hätte. "Was wir in diesem Jahr ankündigen, ist ein Framework an Produkten und Best-Practice-Tools mit denen sich die Softwareentwickler auf die neue Bedeutung von Software als die alles entscheidende Führungsfunktion einstellen können", sagte Rationals Marketing-Chef Scott Hebner gleich zu Beginn der Veranstaltung.
Konkret meinte er damit Neuheiten in folgenden Bereichen: integriertes Product Lifecycle Management, neues Lizenzmodell, das vor allem mehr Flexibilität bei den Entwicklungsteams erlaubt, Rapid-Deployment für Cloud-Anwendungen sowie die Verbesserung der Softwaresicherheit. Letzteres besteht darin, dass IBM unter dem neuen Framework "Secure by Design" alle bestehenden und zukünftigen Sicherheitsprodukte und Best-Practice-Tools zusammenfasst und aufeinander abstimmt.
Ein besonderes Problem bei der Entwicklung von Software sehen die Rational-Manager durch die veränderte Arbeitsweise. Software würde vielfach noch im alten individuellen Kreativitätsstil entwickelt, ohne dass auf die zukünftige Einsatzumgebung Rücksicht genommen werde. "Heute ist kein neues System mehr stand-alone, sondern immer nur Teil eines anderen größeren Systems. Jede neue Softwareentwicklung muss auf dieses 'System im System' von Anfang an Rücksicht nehmen. Das bedeutet aber, dass es keine einzelne Person mehr gibt, die alle Verzahnungen und Abhängigkeiten kennt und beherrschen kann. Nur eine interdisziplinäre Kollaboration sorgt dafür, dass neue Systeme so weit wie möglich den gestellten Anforderungen gewachsen sind", sagte Rationals General Manager Danny Sabbah in seiner Eröffnungs-Keynote über die neuen Anforderungen. Software wird seiner Ansicht nach nicht mehr nach dem individuellen kreativen Prozess der früheren Jahre, sondern nur noch im Team erstellt.
General Manager Danny Sabbah
Konsequenterweise ging es auf der Innovate 2010 kaum noch um Entwicklungswerkzeuge und Produktivitätsverbesserungen für den Einzelnen, sondern um eine mehr aggregierte Betrachtungsweise der Softwareerstellung. "Wir wollen in Zukunft weniger Tools zur Softwareentwicklung liefern, sondern vor allem Tools zur optimalen Business-Einbindung von neuen Software-Projekten und zum besseren Managen von solchen Projekten", heißt das aus dem Munde von Sabbah.
In dem Zusammenhang wurde auch die Bedeutung der Jazz-Plattform weit heruntergespielt. In allen Folien war Jazz nur noch eine platte Torte am untersten Ende der Grafik. Neues gab es über Jazz auch nicht zu berichten, denn weitere Integrationen hat es in den letzten zwölf Monaten kaum gegeben.
Für Sabbah ist das alles die nächste Stufe der Softwareentwicklung, bei der die Technik in den Hintergrund rückt und der Anwendungsnutzen das beherrschende Element wird. Über den Weg will sich IBM Rational vor allem von den Open-Source-Tools differenzieren, die laut Sabbah ausschließlich auf die technische Realisierung ausgerichtet sind.
Für Sabbah misst sich die Qualität einer neuen Software nicht mehr daran, ob sie modular, SOA-basiert oder wartungsfreundlich strukturiert ist, sondern nur noch nach der Einschätzung der Anwendergemeinde. "Die Qualität einer Software richtet sich nach dem, was die Endanwender als gut oder weniger gut beurteilen", lautet seine drastische Vorgabe. Von dem Standpunkt aus gesehen war es für ihn nur noch ein kleiner Schritt bis zum leidigen Problem der Entwicklungskosten. "Wir müssen endlich davon wegkommen, dass Softwareentwicklung für die CEOs eine Blackbox ist, in die viel Geld hineinfließt und die hoffentlich irgendwann einmal den gewünschten Gegenwert liefern kann", lautet seine Kritik. Um das aber zu erreichen, müssen die CEOs, die Fachbereiche und das IT-Management bessere Steuerungsinstrumente an die Hand bekommen. Hierzu stellte er eine Reihe neuer Dashboards vor.
In den Konsolen nutzt Rational die akquirierten BI-Techniken (Business Intelligence) von Cognos. Bei Rationals Focalpoint werden beispielsweise anerkannte statistische und finanzanalytische Verfahren eingesetzt, um die Wirtschaftlichkeit oder, genauer gesagt, die Econometrics, eines Projekts besser beurteilen zu können. Wichtig ist, dass sich die dafür benutzten Daten automatisch aus den normalen Projektarbeiten heraus generieren lassen und keine persönliche Einschätzung des Projektfortschritts mehr einfließt.
Rationals anhaltender Strategiewechsel wird besonders daran deutlich, wie sich die Veranstaltung in den letzten drei Jahren gewandelt hat. Damals bestand die Bühnendekoration noch aus Garagentoren, die mit Graffiti besprüht waren, die Poster und die Veranstaltungshinweise waren in Form eines Comic-Hefts, und Sabbah betrat mit Poloshirt und Freizeithose die Bühne. In diesem Jahr war alles in dezenten dunklen Blautönen gehalten, die Bühnendekoration bestand aus strengen geometrischen Formen, und der General Manager erschien im dunkelblauen IBM-gerechten Anzug. "Wir sprechen mit unseren neuen Inhalten eine andere Zielgruppe an, darauf müssen wir uns einstellen", lautet seine knappe Erklärung für die Metamorphose. Zumindest zahlenmäßig scheint die Konzeption vorerst aufzugehen, denn die 4000 Teilnehmer in diesem Jahr sind ein Plus von über 20 Prozent gegenüber 2009.
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