Betriebssysteme: Linux/Unix

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29. August 2010 17:28

Upgrade Ubuntu 8.04 LTS auf 10.04 LTS Testbericht

Ausgangspunkt war eine vollständig funktionsfähige und auf den
letzten Patchstand gebrachte Umgebung Ubuntu 8.04 LTS mit Firefox,
Thunderbird, Wine und individuell angepasstem Gnome-Desktop. Nichts
Besonderes also.

Ich habe das System noch einmal gründlich getestet, keine Fehler
gefunden und dann den Upgrade-Button für das Versionsupgrade auf die
10.04 LTS gedrückt. Daraufhin begann erstmal eine mehr als zwei
Stunden dauernde Download-Session, die ohne Probleme verlief. Ich
konnte währenddessen noch mit dem Browser auf das Netz zugreifen und
mir die Zeit vertreiben.

Kurz bevor die Downloads beendet waren, habe ich dann den Browser
geschlossen, um die Installation nicht zu behindern und das Schicksal
nahm seinen Lauf. Zunächst verlief die Installation problemlos, es
wurden lediglich einige völlig unnötige Fragen gestellt, die einen
Computerlaien überfordern dürften. Sie betrafen den Bootmanager bzw.
Konfigurationsfiles und konnten nur mit [Ausführen] bzw.
[Überschreiben] beantwortet werden, da anderenfalls das System nach
dem Booten nicht mehr funktioniert hätte.

Warum man hier unbedarfte Anwender mit Fragen nervt, die sie nicht
richtig beantworten können, will mir nicht einleuchten. Wenn jemand
nicht genau weiß, was an dieser Stelle richtig ist, dann wird er sich
wohl angesichts der eindringlichen Warnungen gegen [Ausführen] bzw.
[Überschreiben] entscheiden und genau damit gegen die Wand laufen.

Ich habe die Fragen dank früherer Erfahrung richtig beantwortet und
weiter ging es, bis dann das erste ernsthafte Problem auftrat: Die
libexpat1 konnte nicht installiert werden, eine spätere
Neuinstallation wurde angeraten. Bestätigt und weiter.

libfreetype kann nicht installiert werden. Bestätigt und weiter.

psmisc kann nicht installiert werden. Bestätigt und weiter.

/etc/sensors3.conf überschreiben oder behalten? Natürlich
überschreiben.

ttf-freefont kann nicht installiert werden. Bestätigt und weiter.

/etc/dhcp3/dhclient.conf überschreiben oder behalten? Natürlich
überschreiben.

/etc/privoxy/config überschreiben oder behalten? Überschreiben.
/etc/privoxy/default.action? Überschreiben.
/etc/privoxy/user.action überschreiben oder behalten? Überschreiben.

Paket psmisc nicht installierbar, bitte später neu installieren.
Bestätigt und weiter.

Nun kamen etwa ein Dutzend Fehlermeldungen von irgendwelchen
Printer-Paketen, die angeblich nicht installierbar sind
(openprinting-ppds, ghostscript etc.). Alle Meldungen bestätigt und
weiter.

Irgendwann war die Installationsroutine dann an ihrem Ende
angekommen, wo sie kommentarlos abstürzte und einen leeren
Fensterrahmen im Vordergrund auf dem Bildschirm hinterließ. Nach
längerem Warten (>30 Minuten) in der Hoffnung, dass da vielleicht
doch noch etwas passiert, habe ich dann schließlich den Rechner neu
gebootet.

Erstaunlicherweise startete das System bis zum Login und gestattete
auch das Einloggen. Danach kamen etwa zwei Dutzend Fehlermeldungen
mit der Aufforderung, diese an die Entwickler zu schicken. Habe ich
gemacht, obwohl mir klar ist, dass dort garantiert keiner die
Fehlerberichte anschaut. Denn wer ein solches Release ungetestet als
"finale LTS-Version" labelt und auf die Menschheit loslässt, der
liest auch keine Fehlerberichte. Diesen Leuten ist wirklich alles
egal, bis auf den vorher festgelegten Releasetermin natürlich. Das
ist der Zeitpunkt, an dem sie einfach all den Müll, der sich auf den
Entwicklungsrechnern angesammelt hat, ungetestet zusammenpacken und
zum Download bereitstellen.

Nach dem Bestätigen aller Fehlermeldungen saß ich nun vor einem
System, das zu ungefähr 50% unbenutzbar war. Ich konnte nicht einmal
mehr das Panel konfigurieren und die meisten Optionen in den Menüs
führten nach dem Anklicken nur zu einem "Laden"-Icon, das nach
ungefähr einer halben Minute ohne weitere Aktionen oder Meldungen
wieder verschwand.

Der Firefox hatte im Panel kein Icon mehr, an seiner Stelle klaffte
ein großes schwarzes Loch. Das kennt man ja schon von früheren
Releases. Die Entwickler scheinen das schön zu finden, deshalb lassen
sie es drin. Ich habe dann auf das schwarze Loch geklickt, und der
Browser öffnete sich. Alles funktionierte bis auf den Sound. Ich
konnte sogar Flash-Videos ohne Ton abspielen! :)

Über die Eigenschaften des schwarzen Lochs konnte ich diesem das
Firefox-Icon zuweisen. Mit dem Browser habe ich dann nach einer
Lösung für den Ton gesucht. Die meisten Tips führten zu keinem
Erfolg, bis ich dann schließlich den gnome-alsamixer installierte,
dort den per Default auf Null gesetzten PCM-Pegel auf den vorherigen
Wert setzte und zusätzlich im neuen Lautstärkeregler das per Default
gesetzte [Stumm]-Häkchen beseitigte. Ein Linux-Anfänger wird diese
Einstellungen nicht finden und die Installation irgendwann wieder
löschen bzw. mit Windows überschreiben. So sorgen die
Ubuntu-Entwickler auf raffinierte Weise dafür, dass die Ubuntu-Nutzer
immer ein kleines elitäres Grüppchen bleiben. Das ist auch gut so,
denn nur die Besten der Besten der Besten können den in solchen
Voreinstellungen verborgenen feinsinnigen Humor verstehen. :)

Ich habe dann erst mal ein bisschen Musik zur Beruhigung gespielt,
ein paar lustige Videoclips angeschaut, um nach all dem Fluchen
wieder gut draufzukommen. Dann habe ich etwa zwei Dutzend
Bibliotheken neu installiert und dabei festgestellt, dass die
Entwickler Python 2.6 so kaputtgespielt haben, dass es sich nicht
mehr fehlerfrei installieren lässt. Eine Reinstallation bringt
nichts, die Fehler sind danach noch da. Eine restlose Entfernung mit
anschließender Neuinstallation würde wegen der Abhängigkeiten die
Entfernung von 75% des Gesamtsystems (einschließlich Desktop) nach
sich ziehen und kommt deshalb nicht in Frage.

Also habe ich den Müll so gelassen. Die Fehlerursache ist gefunden.
Das Python-Problem verursacht Dutzende von Folgefehlern. Jedesmal
wenn man etwas mit apt-get oder Synaptic installiert oder
deinstalliert meldet sich unweigerlich Python mit einem Fehler. An
der Oberfläche funktioniert merkwürdigerweise inzwischen alles. Die
Reinstallation der bemängelten Bibliotheken hat die dort sichtbaren
Fehler beseitigt. Und Synaptic behauptet merkwürdigerweise nach
Anklicken von [Bearbeiten/Defekte Pakete reparieren]: "Alle
problematischen Abhängigkeiten wurden erfolgreich aufgelöst". Na dann
ist ja alles gut! :)

Fazit: Ich bin der Meinung, dass gehäufte Fehlermeldungen und
Fehlfunktionen meine "Ubuntu-Experience" ruinieren und mein Vertrauen
in dieses System unterminieren. Deshalb werde ich wohl davon Abstand
nehmen, auch meinen Arbeitsrechner von Ubuntu 8.04 LTS auf Ubuntu
10.04 LTS upzugraden. Außerdem wird wahrscheinlich demnächst ein
Systemwechsel anstehen, wenn bei Ubuntu das Aussehen von Fenstern und
Hintergrundbildern offensichtlich wichtiger ist als die
Installationsskripte.

Oder anders gesagt: Ich habe allmählich die Faxen dicke und
installiere in Zukunft lieber wieder das altbackene und zuverlässige
Original-Debian. Kaputtbasteln kann ich das auch selbst. Dafür
brauche ich keine Ubuntu-Crew.

Schönen Tag wünscht
BasisDemokrat