Die Neuerungen von Linux 3.7

Re: Hm... na ja... systemd...

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Joachim Durchholz,

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13.12.2012 19:52 Permalink
Anselm Lingnau schrieb am 13. Dezember 2012 10:48

> Joachim Durchholz schrieb am 12. Dezember 2012 22:30

> > ... und es wird auf Dauer nicht gutgehen. Statt das Ganze in mehrere
> > Module zu zerlegen, die man einzeln einsetzen kann, wird das Ganze
> > immer mehr zum monolithischen Blob, und er beginnt auch allmählich,
> > mit dieser Strategie an Grenzen zu stoßen.

> Gib mal ein paar Beispiele.

Ursprünglich war systemd für den Start von Systemdiensten gedacht.
Dann kam die Geschichte mit den cgroups dazu. Klar, der systemd
braucht das, aber cgroups macht auch ohne systemd eine Menge Sinn,
also wäre es besser gewesen, wenn er das als separates Projekt
gestartet hätte.
Udev. Reingezogen in systemd, dann angefangen, eigenmächtige
Entscheidungen zu treffen. WTF hat udev mit systemd zu tun? Klar, es
gibt Zusammenhänge, aber dann nutzt man eben entweder bestehende
Schnittstellen oder definiert welche. Mittlerweile - und da hört für
mich jedes Verständnis auf - unterstützt er udev außerhalb von
systemd nicht mehr. Support ist eingestellt, seht zu, wie ihr
klarkommt. Die Linux-Leute überlegen seither ernsthaft, udev zu
forken und ihre eigene Version zu entwickeln - das ist schon der
erste Schritt.

> > Hans Reiser hat es mit der gleichen Strategie versucht: ein wichtiges
> > Subsystem durch einen großen, gut integrierten Monolithen zu
> > ersetzen.
> > Gescheitert ist er im wesentlichen daran, dass seine Arbeit einfach
> > zu schwierig zu integrieren war.

> Hans Reiser ist – soweit ich mich erinnere – vor allem daran
> gescheitert, dass sein Ego es nicht zugelassen hat, auf berechtigte
> Kritikpunkte an seiner Arbeit konstruktiv zu reagieren. 

Auch das. Vielleicht ist das auch der tiefere Grund, warum er sich
nicht darauf einlassen konnte oder wollte, seine Arbeit an eine
bestehende Infrastruktur anzupassen.
Das könnte bei Lennart allerdings genau die gleiche Gesamtlage sein.
Er stößt ja gern Leute vor dem Kopf.

> Der Unterschied zwischen den Dateisystem-Ideen von Hans Reiser und
> systemd ist, dass man systemd als Alternative zu den existierenden
> Init-Systemen betrachten kann; es ist nicht nötig, alles mögliche
> Andere im System umzubauen oder anzupassen, damit man systemd
> überhaupt benutzen kann. (Ich habe das jetzt nicht geprüft, aber es
> müßte möglich sein, in einem Linux-System systemd und System-V-Init
> parallel installiert zu haben und beim Systemstart auszuwählen, was
> man benutzen möchte.)

Letzteres macht aber so richtig gar keinen Sinn.
Die Grundidee von Systemd ist ja, die Administration zu vereinfachen;
beide Systeme parallel zu fahren verdoppelt bloß den
Administrationsaufwand.

> Für Reiser4 hingegen hätte man entweder große
> Teile der VFS-Funktionalität in Reiser4 dupliziert, wo sie nicht so
> recht hingehören, oder man hätte große Umbauten im VFS machen müssen,
> was auch andere Dateisysteme in unüberschaubarer Weise tangiert
> hätte. Beides kam nicht wirklich gut an.

Das Problem mit systemd ist weniger, dass man die bestehende
Infrastruktur umbauen muss, sondern, dass er andere Projekte in
systemd aufsaugt, statt eine Schnittstelle zu definieren.
Passt perfekt zu seiner Denke, wie er sie im von der deutschen
Wikipedia verlinkten Interview präsentiert, ist aber vollkommen
unkooperativ.

> Der praktische Vorteil für Lennart Poettering im Vergleich mit Hans
> Reiser ist, dass er mit systemd machen kann, was er will, ohne dass
> er Linus Torvalds und die anderen Kernel-Entwickler von seinen Ideen
> überzeugen muss. Außerdem ist er, so wie's aussieht, nicht ganz so
> sicher wie Hans Reiser, dass er das einzige Genie in einer Welt von
> Deppen ist.

Na... das Interview klingt mir da anders.

> Ich weiß nicht, was Du in diesem Zusammenhang mit »Linux« meinst,
> aber ich halte es nicht für eine gute Idee, zu versuchen, gewisse
> systemd-Ideen in System-V-Init hineinzustecken, nur um dessen Agonie
> noch um ein paar Jahre zu verlängern.

Systemd an sicht ist durchaus in Ordnung.
Was nicht taugt, sind die Versuche, all die anderen Komponenten in
systemd hineinzusaugen. cgroups hat da nix zu suchen, udev auch nicht
- klar müssen die alle eng interagieren, aber davon muss es ja nicht
das gleiche Projekt werden.

> Solange am Ende der
> »unauffälligen Parallelprojekte« ein besseres (portableres?) Programm
> steht, das die Vorteile von systemd realisiert und ebenfalls
> System-V-Init ersetzt, spricht aus meiner Sicht nichts dagegen.

Ich hoffe drauf.

> Auf
> der anderen Seite sehe ich nicht, warum nicht systemd selbst dieses
> Programm sein sollte; es ist ja noch jung.

Und hat es schon fertiggebracht, dass Leute gesagt haben: Wir forken
unsere Komponente wieder zurück... auch Linus hat da schon Äußerungen
in dieser Richtung getan.
Lennart muss höllisch aufpassen, dass er da nicht ins Abseits
gedrängt wird. In einem kooperativen Projekt wie Linux ist man als
Nichtkooperativer einfach nicht gut aufgehoben.

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