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Avatar von bombjack

mehr als 1000 Beiträge seit 29.12.2000

Geschlechtsbetonte Körperhaltungen

einer ganz oder teilweise unbekleideten Person egal ob willkürlich
oder unwillkürlich eingenommen werden dokumentiertem sexuellen
Missbrauch gleichgestellt.

Das ist die Kernaussage der Verschärfung der beiden Paragraphen, denn
was in der Diskussion gerne übersehen wird, ist der Fakt, dass auch
Jugendliche (§184c StgB) betroffen sein werden und die Tatsache dass
wegen der Gleichstellung sämtliche Einschränkungen wie Besitzverbot,
Herstellungsverbot, das Verbot sich die Medien zum Zwecke des
Besitzes zu verschaffen, Weitergabeverbot usw. für diese Bilder oder
besser Medien auch gelten.
Plus dass nun im neu eingeführten §184 d Abs. 2 explizit das Abrufen
mittels Telemedien ebenfalls als strafbewehrte Handlung erwähnt
ist.... 

Der Begriff "Geschlechtsbetonte Körperhaltung" tauchte zuerst im Art
4 Abs. 1 Nr. 9 JmStV vgl.
> http://www.lexexakt.de/glossar/jmstv004.php
auf und bezog sich auf den Anbieter (= unzulässiges Angebot). 
Durch die Erwähnung dieses Begriffes und die Ausdehnung auf ganz oder
teilweise unbekleidete Personen, sowie den Fakt, dass im Kommentar zu
dem Gesetzesvorschlag auch erwähnt wird, dass unwillkürliche
Haltungen auch darunter fallen sollen wird der Bereich was, wenn die
Sache durchkommt, strafbar sein soll, ausgeweitet, meiner Meinung
nach sogar enorm....

Begriffsbestimmung und Auswirkungen bzw. Beispiele:

a) Ein Bild von Nan Goldin mit dem Titel "Klara and Edda
belly-dancing" weswegen Sir Elton John schon Probleme bekam vgl.
> http://news.bbc.co.uk/2/hi/uk_news/england/tyne/7063564.stm
Was aber als nicht unanständig eingestuft wurde.....Verfahren
eingestellt.
Anscheinend entstand das Bild 1998 und hat der Künstlerin schon
mehrfach den Vorwurf der Kinderpornographie eingebracht vgl. 
> http://www.stylemag.net/2010/11/26/die-besten-jahre-ihres-lebens-nan-goldin/

ACHTUNG WARNUNG: Mit klara edda belly dancing als Suchbegriff kommt
man zu dem unzensiertem Bild und auf
http://www.thefileroom.org/documents/dyn/displaySubject.cfm/subject/7
wird der Fall auch gelistet. 

Hier dürfte zukünftig der Kunstanspruch nach Art 5 Abs. 3 GG mit dem
neuen Paragraphen 184b kollidieren, da dieses Bild eine unwillkürlich
eingenommene geschlechtsbetonte Körperhaltung darstellt.

b) Anderes Bild, anderer Künstler: Robert Mapplethorpe mit dem Bild
Rosie was 1976 aufgenommen wurde.

ACHTUNG WARNUNG: Mit mapplethorpe the perfect moment rosie als
Suchbegriff kommt man zu dem  Bild und wie ich sehe werden da
durchaus Abzüge des Bildes als "gelatin silver print" für schlappe
$10625 bei Aktionshäusern angeboten. 

Fakt ist, dass die dort zu sehenden Personen inzwischen alle
erwachsen sind und die Tatsache dass man Abzüge des Bildes von
Mapplethorpe bei namhaften Aktionshäusern erstehen kann ist für mich
zu mindestens ein Hinweis, dass die dort dargestellte Person mit dem
Bild und damit auch mit dem Recht auf ihr eigenes Bild kein Problem
hat.

Zugegeben eine Veröffentlichung solchen Materials kann kritisch
gesehen werden, allerdings tendiere ich zumindest zu der Ansicht,
dass die Veröffentlichung kein so großer Einschnitt ist, dass er
nicht in Vertretung von den Eltern ausgeübt werden kann, eben auch
weil das Kind auf dem Photo später von fremden Personen nicht erkannt
wird und zudem weil z.B. bei der Beschneidung und vielen anderen
Sachen deren Auswirkungen noch viel gravierender und die auch nicht
mehr rückgängig zu machen sind die Eltern entscheiden dürfen.

Aber um die Verbreitung geht es nicht....denn der Entwurf sieht ja
vor dass diese Aufnahmen Bildern von realer sexueller Gewalt
gleichgestellt werden. Ich schätze man kann sich einig sein, dass auf
den beiden Bildern keine Taten die in den §176 StgB Komplex
Kindesmissbrauch fallen zu sehen sind, ebenso werden die Personen
nicht gezwungen, verleitet, verführt oder manipuliert diese
Körperhaltungen einzunehmen.

Wo ist denn da bitte der Schutzzweck?

Okay, die Bilder mögen für den einen oder anderen verstörend sein und
andere werden sich daran aufgeilen entweder weil sie Verbote fordern
oder weil es sie sexuelle erregt, wobei die Verbotsfraktion dann mal
in sich gehen sollte und überlegen warum sein ein Verbot fordern,
denn da dürfte der Spruch "Pornographie liegt im Auge des
Betrachters" oder besser die "Verbotswürdigkeit liegt im Auge des
Betrachters" viel mehr zu treffen, denn da müssen dann entsprechende
Gedanken dabei entstehen.

Wo man bei Bildern dokumentierter sexueller Gewalt noch argumentieren
kann, dass ja bei der Entstehung  ein Verbrechen passiert ist und
deshalb diese Bilder auch verboten gehören, fehlt hier dieses
Argument völlig. Auch das Argument des Angebots und der Nachfrage
versagen hier komplett.....da diese Aufnahmen im Gegensatz zu den
Bildern von diesem Link http://de.wikipedia.org/wiki/LS-Studio
zufällig und ohne Absicht entstanden sind. 

Hier findet gerade eine Umkehr der Prinzipien statt, es wird nicht
mehr auf die eigentliche den Bildern zugrunde liegende Tat
abgestellt, sondern darauf was ein Rezipient bei den Bildern denken
könnte. Eine, für meine Begriffe, gefährliche Entwicklung....die
überspitzt und auf die Spitze getrieben zur "Kinderburka" führt. Okay
diese Entwicklung begann schon mit dem Versuch Posing-Bilder zu
verbieten, nur wird sie jetzt extrem ausgedehnt.

Der andere Punkt ist, dass wie oben erwähnt bei einem Auktionshaus
unter einer .com Url ein Abzug des Bildes von Mapplethorpe angeboten
wird....was wenn ich als Deutscher nun diesen Link aufrufe? Kann ich
mich dann u.U. auf einen Hausbesuch freuen?

Wie schaut es mit den Büchern von Will McBride wie "Zeig mal",  Jock
Sturges, Sally Mann usw. aus? Da stehen bei mir einige im Buchregal
und die habe ich zum Teil in München im normalen Buchladen
gekauft....
Okay....Kunstfreiheit, weil diese Damen und Herren schon einen Namen
haben....nur was ist mit Leuten ohne berühmten Namen oder Background?

Nehmen wir doch das Polaroid von Nan Goldin.... ist es wirklich so
unwahrscheinlich, dass Eltern in Zeiten der Digitalkamera so ein Bild
schießen und es für später wenn ihre Kinder groß sind aufbewahren
OHNE die Absicht es je zu veröffentlichen? Mit dem Gesetzentwurf wird
dieses Bild einer zwangsweisen Vergewaltigung des gleichen Kindes
gleichgestellt....und was wenn die Eltern so ein Bild machen, es aber
später löschen und der Rest auf der Platte verbleibt?
Wer glaubt, dass so ein Verfahren selbst wenn es mit Freispruch enden
sollte an einer Familie spurlos vorüber geht?
Von freidrehenden LKAs mal ganz zu schweigen vgl. Aktion Himmel
> http://www.lawblog.de/index.php/archives/2008/11/20/aktion-himmel-keine-verurteilungen-aber-ein-erfolg/

Es geht eben nicht um das Verbreiten, sondern diese Änderungen werden
fast jeden betreffen, sei es dass bei der Bildersuche oder surfen im
Netz Bilder auftauchen die dann unter die beiden Paragraphen fallen
oder in Online-Alben solche Bilder sind, weil im Ausland ganz legal,
sei es dass sich auf der Platte Reste von solchen Bildern finden,
eben weil von den Eltern gelöscht oder auch komplette Bilder einfach
um diese aufzuheben ohne die Absicht sie zu veröffentlichen....und im
Fall des Falles stellen sich dann einen Zufallsfund dar....

Ich kann nur mit "I FEEL SORRY FOR YOUR CHILDREN" 
> http://www.wyattneumann.com/sorrynotsorry
antworten....in dieser Richtung marschieren wir mit großen
Schritten...
Father. Photographer. Child Pornographer?
> http://www.youtube.com/watch?v=JdkLvzgfVNQ

bombjack

Edit: 

Nachtrag:

Da die beiden Paragraphen (184 b und 184 c) auch im § 6 Auslandstaten
gegen international geschützte Rechtsgüter
> http://www.gesetze-im-internet.de/stgb/__6.html
erwähnt werden, wären auch Deutsche betroffen die im Ausland Bilder
hosten lassen.....sofern nachweisbar.....

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