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  • derSpunk

368 Beiträge seit 06.12.2005

AR ist super, AR Nutzer sind der Teufel

In diesem Kontext mein Standard-Blabla zum Thema AR.

Augmented reality macht im Alltag(!) nur dann Sinn, wenn die Brille

1. ständig die Position des Trägers erfasst und an den
Dienstebetreiber der Brille bzw. der aktuell aktiven Apps
übermittelt,

2. den aufgenommenen Sichtbereich zumindest teilweise scannt und auf
Objekte untersucht, zu denen Zusatzinformationen aus dem Netz
 geliefert werden können und

3. den konkret betrachteten Gegenstand mittels Augenbewegungssensor
erfasst.

Beispiel: Ich bin Tourist in einer mit unbekannten Stadt, verzichte
auf den Stadtplan und will eine Führung oder suche ein Restaurant zum
Mittagessen. Die Brille benötigt für die Bereitstellung der oben
 genannten Informationen zumindest die unter 1. und 2. genannten
Informationen.

Sofern die Brille im Auslieferungszustand nicht dazu in der Lage ist,
wird per App eine Funktionalität hinzugefügt, welche es ermöglicht,
Gesichter im Sichtbereich zu erfassen und zu analysieren. Da die
Rechenkapazität der Brille im Zweifelsfall zu gering (Stichwort hier:
Cloud. Gaming per Stream funktioniert auch...) ist bzw. der "Spaß"
für den Endnutzer erst dann aufkommt, wenn er zu den erfassten
Gesichtern irgendwelche Zusatzinformationen erhält, werden die
erfassten biometrischen Daten zu Berechnung von Ergebnissen bzw. zum
Abgleich mit vorhandenen biometrischen Daten ins Netz gestellt. Die
Technologie für solche Abgleiche ist seit Jahren vorhanden; falls
jemand Zweifel an der Machbarkeit hat, kann er oder sie sich ja mal
ein älteres Fotoverwaltungsprogramm installieren und sich darüber
wundern, wie es Bilder auf Personen untersucht und nach identischen
Gesichtern sortiert. Technologisch ist das kalter Kaffee.

Die Apps werden folgende sein:

Facebook AR

Die Brille weist mich darauf hin, wenn "Freunde" aus FB in den
Sichtbereich kommen.

Traumpartner(TM)

Man kann vorlieben bezüglich Gesichtern, Körperformen und Haarfarbe
beim Appanbieter hinterlegen und die Brille weist mich darauf hin,
wenn mein vermeintlicher Traumpartner irgendwo im Sichtbereich
auftaucht.

Starsearch(TM)

Die Brille zeigt an, wenn ein "Celebrity" im Sichtfeld auftaucht.

Lügendetektor AR (TM)

Die Brille analysiert die Mimik des Gegenübers und blendet ein, wie
wahrscheinlich es ist, dass es die Wahrheit sagt.

Agechecker (TM)

Die Brille schätzt anhand von Hautzustand, Falten etc. das Alter von
betrachteten Personen.

etc. etc. etc.

Vorhersage: ALLE FUNKTIONEN, DIE IM ZUSAMMENHANG MIT GESICHTSANALYSE
DENKBAR SIND, WERDEN ALS APP UMGESETZT WERDEN.

Die bisher beschriebenen Funktionen bezogen sich eher auf die oben
genannten Punkte 1. und 2. - richtig "witzig" wird es erst bei Punkt
3.:

Da Diensteanbieter schon seit längerem jeden Klick des Nutzers
nachverfolgen, um seine Vorlieben herauszufinden, um das Angebot
 (sprich: die Werbung) auf ihn zu personalisieren, werden sie zur
noch
 detaillierteren Profilbildung künftig auf "Fokusdaten"
zurückgreifen.

- Welches Produkt schaue ich wie lange an?
 - Schaue ich grundsätzlich auf Inhaltsangaben?
 - Welche Schaufenster schaue ich mir an?
 - Welche Uhrenmarke, Autos, etc.?
 - Gucke ich länger auf kleine oder auf große Brüste?
 - Starre ich Minderjährige an?
 - Starre ich gleichgeschlechtlichen auf den Hintern?
 - etc. etc. etc.

Auch hier gilt: ALLES, WAS MACHBAR IST, WIRD UMGESETZT WERDEN. "Zur
Verbesserung der Dienstequalität". Nachdem FB&CO. mittlerweile
 umfassende Interessenprofile aus Chats, Pinnwandeinträgen und
Surfverhalten extrahiert haben, wird den so gewonnen
Persönlichkeitsprofilen nun eine weitere Datenquelle hinzugefügt: Das
Betrachtungsverhalten. So können die Dienste Wahrscheinlichkeiten für
jegliche Eigenschaft des Trägers berechnen:

- (sexuelle) Präferenzen
 - Konsumverhalten
 - soziales Umfeld
 - ...

Und nun zu den wirklich spaßigen Folgen von AR für die Gesellschaft:

Insbesondere in Großstädten können einige wenige AR-Träger, die sich
normal in der Stadt bewegen, automatisch Bewegungsprofile von jedem
 erstellen, der im Erfassungsbereich des Geräts ist und biometrisch
erfasst werden kann. Hierzu ist es nicht erforderlich, dass bereits
 ein entsprechendes biometrisches Profil existiert, sondern es kann
von jeder erfassten Person sofort ein temporäres biometrisches Profil
angelegt werden. Gerät der so erfasste in den Sichtbereich eines
weiteren AR Trägers, hat man bereits zwei Aufenthaltsorte zu zwei
Zeiten und kann bei entsprechend kurzen Zeitabständen ein
wahrscheinliches Bewegungsmuster erstellen. Je mehr Menschen eine
AR-Brille tragen, welche die unter 1. und 2. genannten technischen
Voraussetzungen erfüllt, desto mehr Bewegungsprofile werden erfasst
und desto lückenloser werden diese. Und wer in Zeiten von FB noch
glaubt, dass derartige Profile NICHT für immer und ewig gespeichert
werden, naja...dem ist auch sonst nicht mehr zu helfen.

Hier übrigens mal für alle Ungläubigen das, was bereits mit simplen
Verbindungsdaten von Mobiltelefonen bereits vor ein paar jahren
 möglich war:

Vorratsdatenspeicherung - interaktive Grafik | Datenschutz | Digital
| ZEIT ONLINE

In jedem Fall werden Sicherheitsbehörden AR tragen, um automatisch
Verdächtige aufzuspüren. "Verdächtig" bedeutet hierbei zweierlei:

1. Gesuchte, deren Foto / Phantombild bei der Polizei hinterlegt wird
(besonders bei Phantombildern wird das besonders witzig...)

2. Personen, deren Äußeres bzw. deren Verhalten Anhaltspunkte für
eine Personenkontrolle bietet. Das ist keine Science-Fiction, siehe
z.B. TrapWire
 (Überwachung: TrapWire spioniert Bürger in großem Stil aus | Digital
| ZEIT ONLINE)

Nachdem Mobilfunkzellenabfragen mittlerweile Standard sind, werden
die Sicherheitsbehörden es sich nicht nehmen lassen, die von privaten
AR-Trägern erfassten biometrischen Profile anzuzapfen und,
beispielsweise bei einem Überfall, Einbruch, Bankraub, entflohenen
Sträfling, eine Instant-Überwachung des gesamten öffentlichen Raums,
in dem der Verdächtige sich wahrscheinlich aufhält, erzeugen. WIR
BRAUCHEN KEINE DROHNEN UND KEINE VIDEOKAMERAS MEHR! Wir überwachen
uns künftig FREIWILLIG selber UND kaufen auch noch die hardware dafür
- und das alles unr, weil wir mittlerweile zu dumm dazu sind, den
nächsten Hipster-Starbucks einfach per Nachfragen zu finden...

Was ich hier beschreibe, ist technisch problemlos möglich (sofern
hieran jemand zweifelt, soll er der Entwicklung eben noch 2 jahre
geben) und wird aus genau deshalb so eintreten. Manche Szenarien
unmittelbar nach Markteinführung, andere erst in einigen Jahren. Ich
wette jedoch mit jedem hier , dass ALLES was ich hier beschrieben
habe, Wirklichkeit wird, sofern der Gesetzgeber nicht zügig und
vehement einschreitet.

Ich finde das alles zum Kotzen - und ebenso jeden, der bereit ist,
dieses Szenario für überflüssige Schrott-Apps, die den Nutzer noch
weiter von der Realität entfernen, in Kauf zu nehmen.

Augmented Reality ist das Ende JEGLICHER Privatsphäre. Und das leider
nicht nur für den Träger, sondern für jeden, den das System auch nur
nebenbei in HD auflöst und automatisch an den Diensteerbringer
übermittelt.

Problem verstanden? Gut. Tut was dagegen! 

Und für die Deppen, die mir jetzt was von 23 KunstUrhG erzählen
möchten:

Der gilt nicht für die Übermittlung und Zurschaustellung von Bildern
ins Internet.

Nein, ich bin kein Technikfeind. Ich arbeite in der IT (Business
Development, M2M, Augmented Reality[sic!]) und finde sogar Atombomben
technisch extrem geil. Daraus folgt allerdings nicht automatisch,
dass ich mir wünsche, das Atombomben überall eingesetzt werden.

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