Bei einer Standardumsetzung, die sich aus dem automatischen Weißabgleich in der Kamera und ohne zusätzliche Eingriffe vom Benutzer ergibt, entsteht im RAW-Konverter von der Model-Aufnahme ein Bild wie "JPEG aus der Kamera": ziemlich gelbstichig infolge des von der Automatik nicht vollständig ausgeglichenen Kunstlichtes, das zur Aufnahme verwendet wurde.
Vom "Digitalen RAW-Negativ" zum "entwickelten Bild"
Alternativ kann man auch in dieser Situation einen "messtechnischen Weißabgleich" auf die Graukartenaufnahme mit der Kamera machen – oder diese einfach auf die Lichtart (Kunstlicht) einstellen. Dazu kann man das Modell bitten, für einige Aufnahmen zur "Lichtprobe" eine Graukarte in die Kamera zu halten. Das geht natürlich bei Aufnahmen im Natur- oder Sportbereich nicht immer – aber gerade dann hilft es weiter, wenn man das Daten-"Material" der Aufnahme zumindest auch als RAW zur Verfügung hat.
Erst durch einen manuellen bzw. messtechnischen Weißabgleich (beispielsweise auf das Weiß der Zähne, ein Blatt Papier oder die Graukarte in der Probeaufnahme), ein Anheben der Schatten im Bereich des schwarzen T-Shirts, Anheben der Mitten und Ausrichten der Lichter an der darstellbaren Obergrenze im RGB-Werteraum kommt man dann – neben Nachschärfen und Korrektur des Beschnittes – zu einem Endresultat, wie es als letztes Beispiel in der Bilderstrecke gezeigt wird. Das zeigt, dass der Spielraum für die Interpretation und gefällige Umsetzung eines Fotos sehr groß sein kann. In diesem Fall lieferte übrigens die Automatik von Adobe Carmera-RAW (ACR 5.2) nahezu identische Ergebnisse: Es muss also nicht unbedingt immer viel Handarbeit erforderlich sein, um bessere Ergebnisse als mit dem JPEG aus der Kamera zu erreichen.
Ähnlich wie beim Filmnegativ kann man beim sogenannten "Digitalen Negativ" verschiedene Stufen der Verarbeitung unterscheiden. Zunächst müssen die im sogenannten Bayer-Muster vorliegenden Daten zu Farbpixeln umgerechnet werden. Die Anzahl der Sensorelemente mit bestimmten Farbfiltern ist bei klassischen Sensoren unterschiedlich (mehr grüne als rote und blaue), und man versucht, Farben für jede Position aus den Daten der Nachbarsensoren zu interpolieren.
Ferner muss der Einfluss des Antialiasing-Filters herausgerechnet werden, eine Art Weichzeichner-Scheibe vor dem Sensor, der verhindern soll, dass sich zwischen dem Raster der Fotodioden im Kamerasensor und fotografierten Strukturen wie Zaunlatten oder Jalousien Interferenzmuster, sogenannte Moirés, bilden. Die dadurch verursachte Unschärfe muss später wieder durch Nachschärfen seitens der Software zurückgewonnen werden, um die Auflösung des Kamerasensors voll auszunutzen.
Dieses Testbild zeigt 16 Graustufen mit einbeschriebenen RGB-Werten. So werden "gleichabständige" Grauwerte auf einem Monitor wiedergegeben.
Ordnet man die so gewonnenen Bildinformationen den üblichen RGB-Kanälen linear zu, ohne sie einer "Gamma-Korrektur" zu unterziehen, so entstehen merkwürdig düstere Bilder (siehe Bild "Linear umgesetzte RAW-Daten" oben). Das kommt daher, dass der Sensor auf die einzelnen Blendenstufen, also Verdoppelungen der Lichtmenge, mit einer Verdoppelung der Spannungs-/Zahlenwerte reagiert, wodurch man beispielsweise eine Reihe wie 1, 2, 4, 8, 16, 32, 64, 128, 256 usw erhält. Hier würde das mittlere Grau einem Wert von 18% von 256 = 46 entsprechen, das auf einem Bildschirm aber ziemlich dunkel wiedergegeben wird (siehe Graustufen-Testbild); je nach Bit-Breite der Farbkanäle aber auch als 18% von 212 = 737 oder 18% von 214 = 2949.
Diese lineare Umsetzung ist unter wechselnden Umweltbedingungen mit viel oder wenig Licht, mal hohen Kontrasten (direktes Sonnenlicht, Schatten), mal ganz geringen (bedeckter Himmel, Nebel) sehr ungünstig. Darum funktioniert das Sehen auch anders, es empfindet Verdoppelungen der Helligkeit eher wie stets gleiche Grauwertstufen. Für die Wiedergabe auf dem Monitor ist das mittlere Grau, das einer ca. 18% des Lichtes reflektierenden Fläche (Graukarte) entspricht, auf einen Wert von 116 definiert – hier liegt in der linearen 8-Bit-Darstellung die vorletzte noch aufgelöste Blendenstufe. Im logarithmischen Werteraum dagegen befindet sich der Wert in der Mitte der darstellbaren Blendenstufen (siehe Bild der "künstlichen Graustufenkarte" weiter unten).
Dies bezog sich auf die Umsetzung von Helligkeits- und Farbwerten in den 8-Bit-Datenraum einer sogenannten 8-Bit-RGB-Datei. Im ursprünglichen Raw-File liegen die Daten in einem deutlich höher aufgelösten Binärformat vor, bei aktuellen Kameras üblicherweise mit 12 oder 14 Bit, es sind daher mehr Nuancen im linearen Werteraum möglich. Wenn eine weitere Nachbearbeitung in einem Fotoprogramm erfolgen soll, konvertiert man im ersten Schritt in 16-Bit-RGB und erst zum Schluss in 8-Bit-JPEG. Das natürliche Zielformat eines Sensorbildes ist zunächst ein additiver RGB-Farbraum.
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