Aber auch wenn sich die Kamera selbst nicht bewegt und das Motiv somit "stillstehend" auf den Film bzw. Sensor abgebildet wird, verursachen Bewegungen von Bildinhalten solche Effekte, wie die Langzeitaufnahmen des Wasserfalls zeigen. Allerdings scheiden sich daran die Geister: Ist das nun Kitsch oder Fotokunst?
Die Bilderstrecke zeigt einen Wasserfall am "Tatzelwurm", einer Wildbachschlucht im Gebirge zwischen dem Skigebiet Sudelfeld (oberhalb Bayrischzell) und den Straßen nach Oberndorf bzw. Brannenburg, von wo aus die Zahnradbahn zum Wendelstein führt. Der Wasserfall ist ein Sonderfall, weil sich das stürzende Wasser so schnell bewegt, dass das menschliche Auge seine Bewegung und die einzelnen fallenden Tropfen gar nicht erkennen kann. Was ist also dann – naturalistisch gesehen – die korrekte Art, einen Wasserfall "natürlich" aufzunehmen?
Die Bildserie beginnt mit einer "langen" Belichtungszeit von 0,6 Sekunden. Das reicht in diesem Falle aus, um das Wasser stark verwischen zu lassen, so dass eine Art "Watteeffekt" entsteht. Spezialisten schwören auf noch viel längere Belichtungszeiten – besonders bei sich nicht so rasch bewegenden Naturphänomenen, wie einem Bachlauf. Dann muss man aber zu Hilfsmaßnahmen wie einem ziemlich dunklen Graufilter greifen, weil sich Empfindlichkeit (ISO) und Blende nicht so weit herunterregeln lassen, um bei normalem Tageslicht minutenlange Belichtungszeiten zu erreichen, ohne das Bild hoffnungslos überzubelichten.
Auch am anderen Ende der Bildskala wird es eng: Dank der Verwendung eines lichtstarken Objektivs (ein 50 mm mit maximaler Öffnung von 1,4) gelingt es im spätherbstlich-nachmittäglichen Dämmerlicht bei voll geöffneter Blende bis auf eine 1/400 sec zu kommen. Ab dann muss die Empfindlichkeit schrittweise erhöht werden – auf ISO 200 für 1/800 sec, und auf ISO 400 für 1/1600 sec. Bei Blende 2,0 wären die notwendigen ISO-Werte doppelt, bei Blende 2,8 schon viermal so hoch. Die ISO-Einstellung, die sich von der Empfindlichkeitsdefinition für Film-Aufnahmematerial ableitet, sollte so niedrig wie möglich gewählt werden. Je höher, desto stärker wirkt sich das Bildrauschen (eine Art Körnigkeit des Bildes, ähnlich der Erscheinung bei schlechtem Empfang auf einem Fernseher) aus. Allerdings vertragen moderne Kameras mit vernünftig großen Aufnahmesensoren durchaus Werte um ISO 400, teilweise auch ISO 800, ohne merkliche Einbußen an Bildqualität – zumindest, so lange man nicht allzu kritisch hinschaut.
Bei den kürzesten Belichtungszeiten (um eine Tausendstel Sekunde herum) löst sich der Wasserfall in einzelne Tropfen und geisterhaft in der Luft erstarrte, oft überraschende Strukturen auf. Für sich gesehen interessant, so in einem Foto das normalerweise nicht Erkennbare sichtbar zu machen. Am ehesten dem "natürlichen Eindruck" entsprechen die Bilder mit einer Belichtungszeit um 1/100 s. Vielleicht fällt Ihnen auf, dass bei den letzten, mit sehr großen Blende (f/1,4) aufgenommenen Fotos vom Wasserfall kaum etwas von begrenzter Schärfentiefe zu bemerken ist. Das hat mit der insgesamt recht großen und gleichen Entfernung der Motivteile von der Kamera zu tun.
Sie sollten nun einen Eindruck davon haben, welche gestalterischen Mittel ihnen die eigenhändige Variation von Zeit und Blende beim Fotografieren bietet. In einem weiteren Artikel zum Thema "Formatfaktor" werden wir uns noch einmal vertiefend mit dem Thema Schärfentiefe auseinandersetzen, die ja auch von der Größe des Sensors abhängt. Deshalb werden Sie auch Schwierigkeiten bekommen, die Beispiele auf der ersten Seite mit dem Winz-Sensor einer Kompaktkamera nachzuvollziehen – der hat per se eine größere (manchmal zu große) Schärfentiefe. (cm)