Kaufberatung: Systemkameras
Sebastian Arackal – 16.11.2012
Als kleinere und leichtere Alternative zu Spiegelreflexkameras liegen spiegellose Systemkameras im Trend. Hier erfahren Sie mehr über die wichtigsten Stärken und Schwächen dieser Kameraklasse und worauf Sie beim Kauf achten sollten.
Den Systemkameras gehört die Zukunft: 2010 gingen rund 80.000 Systemkameras über die Ladentheke, für 2012 wird mit einem Anstieg der Verkaufszahlen auf bis zu 180.000 gerechnet. Mit zwei hervorstechenden Vorteilen kann die neue Kamerageneration dabei punkten: Sie bietet Kameras, bei denen man das Objektiv wie bei einer Spiegelreflexkamera wechseln kann, und die wegen ihrer kompakten (im Vergleich zu den meisten SLRs) deutlich kleineren und leichteren Bauweise komfortabler zu transportieren sind.
Kompakte Kraftpakete
Die GH3 ist Panasonics spiegelloses Flaggschiff.
Bild: Panasonic
Ermöglicht werden die schlanken Maße einer Systemkamera durch den Verzicht auf den in Spiegelreflexkameras verbauten Spiegelkasten. Neben dem Schwingspiegel entfällt dann natürlich auch der optische Sucher. Fotografen betrachten ihr Motiv wie bei einer Kompaktkamera direkt auf dem Display auf der Rückseite oder durch einen elektronischen Sucher. Den bietet allerdings nicht jede Systemkamera. Bei manchen Modellen lässt er sich nachrüsten, ein zusätzlicher elektronischer Sucher wird auf das Gehäuse aufgesteckt. Weiteres Konstruktionsmerkmal der Spiegellosen: Die Objektivrückseite rückt deutlich näher an den Bildsensor, das reduziert das Auflagemaß, also den Abstand zwischen der letzten Linsenfläche und dem Sensor, und ermöglicht kleinere Linsendurchmesser und damit kompaktere Objektive. Während einige Spiegellose mit ihrem Kameradesign an "geschrumpfte" Spiegelreflexkameras erinnern, liegen auch Systemkameras im Trend, die das Design klassischer Analogkameras wieder aufgreifen.
EOS M, die erste spiegellose Systemkamera von Canon.
Bild: Canon
Sensorgrößen
Beim Kauf ist die Größe des Bildsensors sicher ein wichtigeres Kriterium als der Blick auf die reine Megapixel-Leistung einer Digitalkamera. Kameras mit kleinen Bildsensoren und hoher Megapixelzahl kämpfen nicht selten mit der Bildqualität. Gerade beim Fotografieren bei schwächeren Lichtbedingungen, in denen sie dann häufig Fotos mit starkem Rauschen produzieren. Mit ihren im Vergleich zu Kompakt- und Bridgekameras meistens recht großen Bildsensoren sind die spiegellosen Systemkameras in Sachen Bildqualität klar im Vorteil. In zahlreichen Spiegellosen werden große Bildsensoren mit Abmessungen wie bei Bildsensoren in Spiegelreflexkameras verbaut.
In Sachen Sensorgröße konnte sich bei den spiegellosen Systemkameras leider kein einheitlicher Standard durchsetzen, vielmehr gibt es heute eine Vielzahl von unterschiedlichen Sensorgrößen: Bei der Leica M ist zum Beispiel ein CMOS-Sensor im Kleinbildformat (24 mm × 36 mm) eingebaut, Modelle der Sony NEX-Reihe und Fujifilm haben einen CMOS-Sensor im APS-C-Format von 23,5 mm × 15,6 mm. Bei Pentax ist es ein CMOS-Sensor im Format von 23,7 mm × 15,7 mm, in der Samsung NX200 ein 23,5 mm × 15,7 mm großer CMOS-Sensor. Micro-Four-Thirds-Kameras wie die Olympus E-P3 arbeiten mit Live-MOS-Sensor (17,3 mm × 13 mm), der CMOS-Sensor der Nikon 1 V1 misst nur 13,2 mm × 8,8 mm.
Größenvergleich: vier Systemkameras, vier unterschiedliche Sensorgrößen. Von links: Pentax Q, der CX-Sensor der Nikon 1, der Micro-Four-Thirds-Sensor der Pen E-P3 von Olympus sowie der APS-C-Sensor von Sonys NEX 5N im Vergleich zum Kleinbildsensor der Canon EOS 5D MK III (ganz rechts).
Objektive
Klares Pro-Argument für die Anschaffung einer spiegellosen Systemkamera ist die Möglichkeit, Objektive wechseln zu können. Für viele Fotografen ist das erste Objektiv beim Einstieg in das Kamerasystem das Kitobjektiv: unschlagbar günstig, meist nicht besonders lichtstark, aber als Allrounder für alltägliche Fotosituationen fürs Erste keine schlechte Wahl. Objektive von Systemkameras sind bei gleicher Brennweite kleiner und leichter als entsprechende Optiken aus dem SLR-Segment. Und im Gegensatz zu Kompakt- oder Bridgekameras ist man nicht an eine Optik gebunden, sondern hat freie Wahl in Sachen Brennweite. Zumindest in der Theorie: Da Systemkameras bei manchen Herstellern eine noch relativ neue Gattung im Portfolio sind, ist auch das Angebot an passenden Objektiven dementsprechend überschaubar.
Ein schon recht breites Angebot an Objektiven bietet der Micro-Four-Thirds-Standard (MFT) von Olympus und Panasonic. Neben Standardfestbrennweiten- und zooms finden sich dort auch "Exoten", wie ein 8-mm-Fisheye, ein 100–300-mm-Super-Telezoom oder ein 12,5-mm-Objektiv für 3D-Aufnahmen. Einen umfangreichen Test zu aktuellen Micro-Four-Thirds-Objektiven lesen Sie auch in der c't Digitale Fotografie 1/2013 ab Seite 60.
Mit Hilfe von Adaptern lassen sich bei sehr vielen Modellen DSLR-Optiken und andere Objektive an eine Systemkamera anschließen. Damit erweitern Sie das Spektrum möglicher Kamera- und Objektivkombinationen stark. Adapterlösungen haben allerdings ihren Preis: Sony verlangt zum Beispiel für Adapter LA-EA2 mit dem sich A-Objektive (von DSLR und SLT) an Systemkameras der NEX-Reihe anschließen lassen rund 400 Euro. Der MF-2 OM Adapter von Olympus, der den Anschluss von OM-Objektiven an das Micro-Four-Thirds-Bajonett kostet etwa 200 Euro. Ein Novoflex-Adapter, der M42-Objektive mit Fujifilm X-Bajonett kompatibel macht, ist für rund 90 Euro zu haben. Mit einer DSLR-Optik bestückt, verliert die Systemkamera natürlich einen ihrer großen Vorteile, ihre Kompaktheit – besonders fällt das beim Einsatz von Teleobjektiven an Systemkameras auf...
Bei gleicher durchgängiger Blende und Brennweite ist das MFT-Objektiv ein ganzes Kilogramm leichter als das Spiegelreflex-Pendant (unten) – und nur halb so groß.
Bild: Panasonic (oben), Canon
Fazit
Leichter, kompakter und manchmal auch günstiger – spiegellose Systemkameras machen den klassischen Spiegelreflexkameras inzwischen echte Konkurrenz. Fotografen müssen dafür bei den Systemkameras unter anderem den Verlust des optischen Suchers verschmerzen. Die Kompaktheit der Systemkameras wird zwar für viele klassische DSLR-Fotografen Gewöhnungssache sein, für Aufsteiger aus der Kompaktklasse bietet sie hingegen einen weiteren Anreiz für den Umstieg. An Schwächen wie dem im SLR-Vergleich meist relativ langsamen Autofokus, vor allem bei Modellen mit Kontrast-Autofokus, feilen die Hersteller. Bei der neuen Canon M kommt zum Beispiel ein Hybrid-AF-System zum Einsatz, das für schnelle und präzise Scharfstellung sorgen soll. Einstiegspreise bei Systemkameras ab etwa 300 Euro (Nikon 1 J1 mit Kitobjektiv Nikkor 10–30 mm) klingen sicher auch gut in den Ohren von Fotografen, denen die Bildqualität und die Beschränkung auf die eingebaute Optik ihrer Kompakt- oder Bridgekamera nicht mehr ausreicht.
(sea)
Literatur
c't Digitale Fotografie 1/2013, ab S. 60: Micro-Four-Thirds-Objektive
c't Digitale Fotografie 1/2013, ab S. 38: Edle Kompakte versus Systemkameras
c't Digitale Fotografie 3/2012, ab S. 44: SLR- und Systemkameras
c't Digitale Fotografie 2/2012, ab S. 58: Kompakt- und Systemkameras
c't Digitale Fotografie 1/2012, ab S. 22: Kompakt- und Systemkameras
c't Digitale Fotografie 1/2011, ab S. 32: Digitale Systemkameras für Einsteiger und ambitionierte Amateure
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International Edition 11/2013