Wie gut muss ein Fälscher fälschen, um die Algorithmen auszutricksen? Genügt die Lektüre von "Bildmanipulation für Dummies" oder benötigt man jahrelange Expertise? Bildbearbeitungsexperte Doc Baumann, Chefredakteur des Magazins DOCMA sowie Autor zahlreicher Fachbücher, nahm die Herausforderung an. Bewaffnet mit Photoshop montierte er zusammen, was zusammen gehört: Angela Merkel und Roland Koch anlässlich der vorgeblichen Verleihung des begehrten "Pinocchio-Ordens"; eine Fotomontage, die sowohl gut kaschierte als auch offensichtliche Manipulationen enthielt. Auch eine mit Versatzstücken aus Doc Baumanns Bildarchiv realisierte Montage sowie Material aus dem Fundus unseres Art Directors Thomas Saur stiegen mit in den Ring. Die Forensik-Experten Matthias Kirchner und Thomas Gloe von der Universität Dresden ließen ihre Köpfe und Algorithmen für uns heißlaufen – mit interessanten Ergebnissen. Die GEO-Prüfinstanz Stefan Bruhn entlarvte die Schwächen in der Koch-Merkel-Begegnung mit einer Mischung aus geschultem Auge und klassischer Recherche.
Quintessenz: Ein Fälscher, der seine Arbeit perfekt tarnen möchte, muss schon eine Menge Hirnschmalz und Zeit investieren, um das Prädikat "unverdächtig" zu erhalten. Auf der anderen Seite fanden die Forensiker zwar häufig Indizien, aber keine echten Beweise. Ein solches Indiz erbrachte beispielsweise die CFA-Analyse; in allen drei Fällen monierte der Algorithmus das Fehlen von CFA-Mustern, ein erster Hinweis auf Bearbeitung. Doch ob die CFA-Charakteristik durch eine handfeste Manipulation oder erlaubte Bearbeitung zerstört wurde beziehungsweise nie vorhanden war, mussten die Forensiker in akribischer Detailarbeit herausfinden.
Großzügig geführte Pinselstriche rund um das Kinn und den Nacken des Models entlarvte der Resampling-Detektor. Helle Pixel in der sogenannten P-Map (rechts) stehen für eine hohe, dunkle für eine niedrige Korrelation mit den Nachbarpixeln.
Bereits die Analyse von Thomas Saurs Foto-Sonderheft-Titelbild gab einen ersten Eindruck von den Fähigkeiten der Algorithmen, inhaltliche Manipulationen aufzuspüren: Die in der Reihenfolge veränderten Muscheln an der Halskette des Models blieben unverdächtig. Und tatsächlich hatte unser Art Director in die Manipulation der Muschelkette viel Mühe investiert, um sie möglichst realistisch wirken zu lassen. Um visuell weiche Übergänge zwischen den montierten Objekten und ihrem Hintergrund zu schaffen, arbeiten Retuscheure in der Regel mit Störungsfiltern. Diese können jedoch auch die bei der Weichzeichnung oder Interpolation entstehenden Korrelationen zwischen benachbarten Pixeln buchstäblich zerhäckseln, sodass sich darauf getrimmte Algorithmen im Rauschen verirren. Etwas großzügiger schwang Saur den Pinsel bei der Bearbeitung des Hintergrunds. Hier fanden sich zum Teil deutliche Pixelkorrelationen, die auf den Einsatz von Weichzeichnungs- oder anderer linearer Filter hinweisen. Ein weiteres Indiz lieferte das Rauschsignal – manche Hintergrundpartien waren im Gelbkanal unnatürlich rauschfrei.
Gemischte Ergebnisse brachte auch die Analyse des Biker-Bildes von Doc Baumann, einem unkomprimierten Tiff. Ein gutes Gespür zeigten die Algorithmen und ihre Schöpfer für einige der einmontierten Objekte: Der Resampling-Detektor warf ein für Kirchners Geschmack zu stark verrrauschtes Ergebnis aus. "Es lassen sich kaum Kanten ausmachen. Der Bart des Bikers oder seine Tattoos kommen praktisch nicht vor. Wurde hier nachträglich verrauscht?" In der Tat: Die "Wilder Biker"-Accessoires musste sich der Doc bei anderen Bikern borgen.
Einen Hinweis auf digital genadelte Tattoos und künstlich gewachsene Bärte liefert der Resampling-Detektor: Da diese Elemente in der P-Map deutlich hervortreten müssten, vermuten die Forscher, dass hier nachträglich verrauscht wurde.
Ein Algorithmus zur Analyse der Lichtverhältnisse steht den Dresdnern derzeit nicht zur Verfügung. Sie sind aber überzeugt, dass er die Frau im Hintergrund als Montageobjekt entlarven könnte. Stimmt: Das Ursprungsbild zierte ein voluminöses Hinterteil. Mit anderen visuellen Urteilen über die Beleuchtung griffen sie indes daneben – auch die Schatten und diverse Objekte im Hintergrund erschienen ihnen verdächtig. Hier zeigt sich ein Nachteil des halbautomatischen Beleuchtungsdetektors: Wer nicht sämtliche Gegenstände und Personen in einem Bild arbeitsaufwendig miteinander vergleichen möchte, braucht außer den Algorithmen auch ein äußerst geschultes Auge.
Noch deutlicher zeigt sich die Schwierigkeit sowohl des Fälscher- als auch des Analytiker-Handwerks am Koch-Merkel-Bild. Doc Baumann – diesmal im direkten Duell mit der Forensik – legte sich mächtig ins Zeug, um alle Spuren zu verwischen. Doch die Ausgangslage war alles andere als ideal: Da wir Politiker kompromittieren wollten, mussten geeignete Archivbilder her, wozu wir uns im djv-Archiv umsahen. Erstaunlich, wie wenige Fotos hinsichtlich Beleuchtung und Aufnahmesituation auch nur annähernd zueinander passen, perfekt harmonierende Objekte fanden wir nicht. Fälscher mit krimineller Energie dürften dasselbe Problem haben, aber zumindest den Vorteil, sich nicht um Verwertungsrechte kümmern zu müssen.
Angela Merkels Gesicht, im Original von einer eher kühlen, entfernten Lichtquelle beleuchtet, verpasste der Doc einen zu Koch passenden Hautton sowie einige Blitz-Glanzlichter auf Stirn, Kinn und Wange. Besonders viel Mühe investierte er, um das Gesicht möglichst nahtlos mit der neuen Umgebung zu verschmelzen. Dennoch fand GEO-Bildbearbeitungsexperte Stefan Bruhn die Beleuchtung nicht stimmig: Merkels Nase werfe einen Schatten auf ihre Wange, sie selbst müsste ergo Kochs Anzug abschatten – was nicht der Fall sei. Darüber hinaus fand er Störpartikel im Konterfei der Kanzlerin, die dem hessischen Ministerpräsidenten fehlten, sowie verdächtig vermatschte Partien in Merkels Haarpracht. Und ein weiteres Detail, das zeigt, warum man vielreisende Politiker besser nicht für Fotomontagen missbraucht: Frau M. befand sich zum angeblichen Aufnahmezeitpunkt auf dem Weg nach Peking, so Bruhn. Matthias Kirchner wiederum fand ein Bild von Koch zusammen mit dessen Gattin im Netz, das offenbar auf derselben Veranstaltung aufgenommen wurde.
Angela Merkel zusammen mit Roland Koch, stolzem Träger des Pinocchio-Ordens: Im Original war Koch mit seiner Ehefrau unterwegs. Die in der P-Map auffällig hellen Haarpartien in der Mitte von Merkels Kopf verrieten den Forschern die Montagelinie.
Interessant ist, dass sämtlichen Experten, einschließlich Doc Baumann selbst, die Unschärfe der linken Schulter von Frau Koch suspekt erschien, insbesondere da das Sakko ihres Gatten deutlich schärfer wirkt. Dass die Aufnahme echt ist, belegte der Fotograf mit der Originaldatei – anscheinend handelt es sich tatsächlich um einen ungewöhnlichen optischen Effekt des Teleobjektivs.
Und die Algorithmen? CFA- oder andere Digitalkameracharakteristiken haben wir nicht simuliert, aber die bestehenden Muster zumindest aus dem Bild getilgt. Obgleich das Koch-Konterfei auf Merkel-Maße gestutzt werden musste, fanden die Algorithmen keine Spuren der Skalierung. Kirchner und Gloe führten das auf den Einfluss der JPEG-Artefakte zurück, deren periodische Muster die CFAund Interpolationsmuster überlagern. Die Fotomontage wurde in Photoshop mit JPEG-Qualität 8 gespeichert, also bei weitem nicht in der miesen Qualität der klassischen Internet-Fakes. Für eine gänzlich unverdächtige Fälschung müsste man allerdings eine deutlich geringere Kompression anstreben. Ob der Pinocchio-Orden an Kochs Revers echt oder gefälscht ist, darf jeder für sich entscheiden.
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