Raw-Bilder verhalten sich hinsichtlich der Belichtung ganz anders als Filmnegative. Sie dürfen keinesfalls "überbelichtet" werden, weil dann die Lichter durch glattes Abschneiden der Tonwerte "ausfressen", also keine Zeichnung mehr aufweisen. Normalerweise belichten Kameras eher etwas knapp, dabei gibt es allerdings deutliche modell- und herstellerspezifische Unterschiede. Mit dem Thema Belichtung haben wir uns im Artikel Selbstgemacht: Belichtung manuell messen ausgiebig befasst.
Wir werden zeigen, dass man aus geringfügig überbelichteten Aufnahmen meist mehr retten kann, als es zunächst den Anschein hat – wenn sie denn im Raw-Format vorliegen! Das gilt auch für "automatisch belichtete" Aufnahmen, falls Sie sich doch nicht davon haben überzeugen lassen, die Belichtung künftig "manuell" vorzunehmen. Denn viele durchschnittliche Motive nutzen den Belichtungsumfang moderner Digitalkameras nicht vollständig aus – zum Glück, denn so kann man auch kontrastreichere Szenen fotografieren und angemessen umsetzen, was aber manchmal Nacharbeit erfordert. Umgekehrt kann man sehr kontrastarme Motive durch spezielle "Entwicklung" ebenfalls farbenfroh und knackig erscheinen lassen.
Bei dieser Aufnahme in einer Lindenallee erscheinen die Mitten- und Hauttöne düster und blaugrün verfärbt - trotz "automatischem Weißabgleich". Keilförmig eingeblendet manuelle Korrekturen im RAW-Konverter.
Unterbelichtung um eine bis drei Blendenstufen ist weniger kritisch, führt aber zu einer Verschlechterung der Bildqualität (Rauschen und schließlich stufige Tonwertabrisse oder "Banding", vor allem in den Schatten, im Extremfall bereits bei den Mitteltönen).
Außerdem gibt es Fotosituationen, die den automatischen Weißabgleich der Kamera völlig verwirren und die auch mit Graukarte schwer in den Griff zu bekommen wären, siehe Artikel Weißabgleich. Am besten hilft hier der Weißabgleich "nach der Aufnahme" im Raw-Konverter (Beispiel nebenstehende Aufnahme). Das ist beinahe so gut wie der Trick, wie in dem Film "Der Clou" mit Robert Redford und Paul Newman "nach dem Rennen zu wetten".
Übrigens: Schwarzweißfotografie ist nicht "out", ganz im Gegenteil. Allerdings sollte man auch und gerade die SW-Umsetzung nicht der Kamera überlassen. Farbkameras garantieren sogar sehr viel reichhaltigere Möglichkeiten der SW-Gestaltung als dies früher selbst mit den bekannten Gelb-, Orange- bis Rot-Filtern möglich war. Aber das ist eine andere Geschichte – sprich, einen eigenen Artikel wert!
Raw-Konverter übernehmen zunächst die aus der Kamera stammenden, in der RAW-Datei eingetragenen Voreinstellungen – ob nun automatische Weißbalance oder messtechnischen Weißagbleich und ggf. auch noch andere Parameter, um das Bild zunächst einmal auf eine sinnvolle Weise umzusetzen – mit etwa dem gleichen Resultat wie ein (evt. zusätzlich abgespeichertes) JPEG.
Dieses Diagramm fasst die prinzipellen Schritte der RAW-Entwicklung zusammen.
Schon das Anwenden einer Gamma-Korrektur auf die Raw-Daten anstelle der gezeigten "linearen Umsetzung" stellt eine "Interpretation" dar, die normalerweise auch eine sogenannte S-Kurve der Tonwerte mit einschließt. Sie können dann diese Umsetzung "Wie Aufnahme" oder "Standard" einfach abnicken – ähem, abklicken. Oder Sie greifen an der einen, anderen oder vielen Stellen in den Umsetzungsprozess ein. In jedem Fall aber müssen die Rohdaten kräftig "interpretiert" werden – ob nun nach automatischen Algorithmen und Vorgaben aus der Kamera, oder nach Ihrer persönlichen Interpretation der Aufnahme, die den gesehenen und erlebten Eindruck erst dann richtig wiedergibt, wenn die Umsetzung dem Motivkontrast, dem Licht etc. angepasst wurde.
Fazit: Es gibt gar keine "unbearbeiteten" Digitalfotos – wer sich mit den fertigen JPEGs aus der Kamera bescheidet, gibt sich mit der von der Kamera gewählten Bearbeitung bei der Umsetzung der Rohdaten zufrieden. In den nächsten Folgen behandeln wir grundlegende Werkzeuge wie Gradationskurven und Belichtungseinsteller, mit denen man das Ergebnis der "Entwicklung" des digitalen Rohbildes nach eigenen Präferenzen beeinflussen kann. Dabei wird auch auf das Thema "verbesserte Lichterdurchzeichnung durch leichte Unterbelichtung und nachfolgende Korrektur" eingegangen.
Bisher sind in dieser Reihe erschienen:
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