News-Meldung vom 01.12.2012 08:00
Mit offenen Augen durchs Leben
Der Fotograf Wolfgang Silveri.
Bild: Wolfgang Silveri
Sabine Tropp für seen.by
Für Poser vor oder hinter der Kamera hat Wolfgang Silveri nur wenig übrig. Seine Aufgabe als Fotograf sieht er in der Rolle des Beobachters. Die Kamera ist für ihn Mittel, Distanz zu wahren und gleichzeitig Anteil zu nehmen. Dabei gelingen ihm Aufnahmen von menschenleeren Orten oder Landschaften, über denen eine fast meditative Ruhe liegt, die den Betrachter zum Verweilen einlädt.
Selbst in einem von Geschäftigkeit erfüllten Hotel entdeckt der 38-Jährige Orte der Stille. Die Gebäude, belebt vom Kommen und Gehen der Menschen, üben eine ganz besondere Anziehung auf den Fotografen während seiner privaten und beruflichen Reisen aus. In das schemenhafte Licht von Hotelzimmern drapiert er seine Modelle so unpersönlich wie die Räume selbst scheinen. In ihnen verschmelzen Menschen und Umgebung zu einem organischen Kosmos, der Rätsel aufgibt. In dieser Schattenwelt kann der Betrachter wie in ein mystisches Geheimnis eintauchen, Stimmungen und Gedanken freien Lauf lassen. "Das, was man nicht oder kaum sehen kann, übt eine viel größere Spannung auf mich aus, als direkte Klarheit. Als cineastisch geprägter Mensch stelle ich mir dabei einen Filmstreifen vor, der nur einen kleinen Ausschnitt zeigt. Es gibt noch eine Geschichte links und rechts des Bildes."
Mit 11 Jahren hielt Silveri zum ersten Mal eine Kamera in den Händen. Es war eine Mamiya Sekor. Die hatte allerdings einen defekten Belichtungsmesser. Mit ein wenig Probieren klappte es dann doch mit der richtigen Belichtung der ersten Schnappschüsse. Ab diesem Moment war klar, dass die Fotografie Silveri "gefunden" hatte. Während andere Jungs sich auf dem Bolzplatz ausprobierten, verkrümmelte sich der junge Foto-Fan in ein frisch eingerichtetes Schwarzweiß-Labor im Keller. „Ich habe nur noch sehr wenig Tageslicht gesehen,“ erinnert sich der gebürtige Österreicher, der inzwischen in Bayern lebt. Trotzdem vermied er es, seine Leidenschaft in das Korsett einer fotografischen Ausbildung zu stecken. Er studierte lieber Architektur und Bühnengestaltung. Das Fotografieren entwickelte sich im Lauf der Zeit neben dem Studium weiter.
Waren die frühen Bilder noch schwarz-weiß, setzte das Aufkommen der Digitalfotografie einen Schlusspunkt hinter die „entfärbten Bildern.“ Farbe ist für Silveri ein starkes Element. "Wie das Tor in eine andere Dimension," aus der er auf keinen Fall mehr zurück möchte, „mit der Farbfotografie lassen sich Zwischentöne und Nuancen erzeugen, die einem viel mehr erzählen,“ erklärt er seine Abkehr von Schwarzweiß. In dieser Zeit des Umbruchs tauschte er auch seine geliebte analoge Nikon F3 gegen eine digitale Canon aus. Trotz der fast grenzenlosen Möglichkeiten der Digitalfotografie geht der Fotograf sparsam mit dieser Technik und ihren Gestaltungsmitteln wie Photoshop um. Sie dienen hauptsächlich bei der Korrektur von Farbe und Kontrast. Wichtiger als alle technischen Mittel ist ihm, stets mit „offenen Augen durchs Leben“ zu gehen. Auf diese Weise hält er Momente fest, die den meisten Menschen verborgen bleiben, so wie die Aufnahme eines Schiffrumpfes an einem höchst ungewöhnlichen Ort. "Aus der Entfernung war nicht gleich erkennbar worum es sich handelt. Als ich dann nahe genug war, wurde mit klar: Hier liegt ein Boot mitten im Wald...!"
Silveri möchte sich bei seinen Arbeiten nicht in Schubladen pressen oder von kurzlebigen Trends in der Bildsprache beeinflussen lassen. „Das wichtigste ist mir, die Atmosphäre des Moments einzufangen, so wie ich sie wahrnehme.“ Diesem Gedanken folgt auch das Bild des Kettenkarussells. Um sich das Warten auf die Fähre nach Abschluss eines Auftrags von Sizilien zum Festland zu verkürzen, streifte er in der Mittagshitze durch ein kleines, verlassen wirkendes Küstennest und stieß auf dieses Motiv. Die Sitze des menschenleeren Karussells schienen sich wie von selbst bewegen. "Zurückgelassene Dinge üben einen sehr starken Reiz auf mich aus. Man spürt die Menschen oft stärker, wenn sie nicht mehr zu sehen sind. Ich sehe eher Räume mit Menschen als Menschen in einem Raum."
Silveri liebt an der Fotografie den „Wechsel aus Spannung und kurzer Zufriedenheit, wenn man das Bild hat, das man einen Moment davor nur erahnen konnte… Ein sehr vergänglicher Moment, denn das nächste Bild wartet ja schon.“ So wie die Fortsetzung seiner Hotelaufnahmen, die er demnächst angeht. Dann wird der Fotograf wieder geduldig mit dem Finger auf dem Auslöser auf diesen Augenblick warten, der nur begrenzt planbar ist. Das ist es, was ihn an seiner Arbeit so in ihren Bann zieht. Trotzdem bleibt genug Raum, über neue Ziele zu träumen. Doch wie diese aussehen, darüber schweigt sich Wolfgang Silveri so geheimnisvoll wie über die Botschaften seiner Bildern aus: "Die bleiben ganz allein bei mir!"
Mehr Bilder von Wolfgang Silveri bei seen.by. (Sabine Tropp)
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(tho)



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