Direkt nach der Freigabe einer neuen Kernel-Version beginnt die erste, zirka zwei Wochen lange Phase im Entwicklungszyklus des Linux-Kernels, in der die Kernel-Hacker umfangreichere Änderungen in die von Torvalds verwaltete Hauptentwicklungslinie des Linux-Kernels aufnehmen. In der darauf folgenden, meist zirka sieben bis zehn Wochen langen zweiten Entwicklungsphase integriert der Linux-Vater dann im Wesentlichen nur noch Fehlerkorrekturen oder kleinere und ungefährliche Verbesserungen; das soll die anderen Kernel-Hacker dazu animieren, sich im zweiten Entwicklungsabschnitt verstärkt auf die Einsendung von Fehlerkorrekturen zu konzentrieren, und verhindern, dass komplexere und spät durchgeführte Änderungen später zu Fehlern in den aus der Hauptentwicklungslinie hervorgehenden Kernel-Versionen führen.
Viele der im ersten Abschnitt des Entwicklungszyklus integrierten Änderungen bereiten die Kernel-Hacker unabhängig vom Entwicklungszyklus von langer Hand vor. Nach den ersten Programmierschritten im stillen Kämmerlein werden Neuerungen zumeist erst auf einer Subsystem-spezifischen Mailingliste diskutiert und parallel weiterentwickelt oder verbessert; anschließend müssen sich insbesondere größere Änderungen auf der Linux Kernel Mailing List (LMKL) einem kritischen Review durch andere Kernel-Hacker stellen. Findet der Patch einigermaßen Anklang, wandert er normalerweise zu Testzwecken in den von Andrew Morton gepflegten mm-Entwicklerkernel. Stehen der Programmierer und der für den jeweiligen Kernel-Bereich zuständigen Kernel-Entwickler den Patch schließlich als ausgereift an, wandert er normalerweise zuerst in den Linux-Next-Zweig und zu Beginn des nächsten Entwicklungszyklus in den Hauptentwicklungszweig, aus dem die "offiziellen" Kernel-Versionen hervorgehen.
Durch diese öffentliche Entwicklung und einen tiefen Blick in den Kaffeesatz ist heise online/Open und der von der Linux-Foundation gewartete Radarschirm des Linux Weather Forecast bereits bei der Vorstellung einer neuen Kernel-Version grob in der Lage abzuschätzen, welche größeren Neuerungen die darauf folgende Version enthalten dürfte. Es lässt sich dennoch nicht sicher vorhersagen, welche Patches tatsächlich in die nächsten Kernel-Versionen einziehen. Schon häufig ist es vorgenommen, dass Torvalds oder andere wichtiger Linux-Entwickler kurz vor der Aufnahme einer Neuerungen diese plötzlich nachhaltig kritisierten, obwohl verschiedene Beobachter und langjährige Linux-Hacker der Änderung gute Chancen auf einen Einzug in die nächste Kernel-Version gegeben hatten. In Folge dessen werden die Neurungen dann häufig erstmal ausgespart; sie finden dann meist nach weiteren Diskussionen und kleineren oder größeren Anpassungen ein oder zwei Versionen später den Weg in den offiziellen Linux-Kernel.
Ab und an verschwinden aber selbst größere Neuerungen mit guten Chancen auf die Integration nach Kritik wieder komplett von der Bildfläche und geraten in Vergessenheit. Gelegentlich aber geht es in der ersten Entwicklungsphase des Linux-Zyklus auch ganz schnell und Torvalds und seine Mitstreiter integrieren erst kurz zuvor veröffentlichte Patches nach nur wenigen Tagen direkt in den offiziellen Kernel.
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