Die Kernel-Hacker entwickeln den Linux-Kernel im Rahmen der 2.6-Serie stetig weiter. Dabei scheuen sie auch nicht vor umfangreichen Änderungen zurück. Es wird daher auf absehbare Zeit keinen 2.7-Entwicklerzweig geben, aus dem irgendwann ein Linux 2.8.0 oder 3.0.0 hervorgeht, wie Linux 2.6.0 aus dem 2.5-Entwicklerzweig entstand; stattdessen pflegen die Entwickler mehrere Kernel-Serien für verschiedene Anwenderkreise parallel.
Die Hauptentwicklungslinie stellen die Versionen mit drei durch Punkte getrennten Nummern (2.6.x, also etwa 2.6.24) dar. Über diese Kernel-Serie wacht Linus Torvalds selbst; er entscheidet aber nicht alles alleine, sondern erhält durch andere erfahrene Kernel-Entwickler Unterstützung. Viele von ihnen kümmern sich als Subsystem-Maintainer um spezielle Bereiche des Kernels – etwa um eine der unterstützten Architekturen (IA64, PPC, x86, ...) oder einen Funktionsbereich inklusive der dort angesiedelten Treiber (ATA, FireWire, IDE, PCI, USB, ...).
Parallel zur Hauptentwicklung pflegen die Verwalter der Stable-Kernel-Serie die beiden jeweils neusten Versionen der Hauptentwicklungslinie weiter und kennzeichnen die Überarbeitungen durch eine zusätzliche Zahl (2.6.x.y, beispielsweise 2.6.22.10 oder 2.6.23.8). Um nicht mit der Hauptentwicklungslinie zu konkurrieren und möglichst nur Fehler zu korrigieren statt neue auszulösen, haben sich die Betreuer des Stable-Series selbst strenge Regeln auferlegt; so dürfen die für die Stable-Series infrage kommenden Patches nicht länger als hundert Zeilen sein, sollen einen kritischen Fehler korrigieren und müssen auch in der von Torvalds gewarteten Hauptentwicklungslinie bereits enthalten sein.
Die Betreuer des Stable-Series kümmern sich indes normalerweise nur um die beiden neusten aus dem Hauptentwicklungszweig hervorgegangenen Versionen – mit dem Erscheinen von Linux 2.6.24 stellten sie beispielsweise die Pflege der 2.6.22-Serie eigentlich ein. Dies ist jedoch keine strikte Regel – als etwa kurz nach der Freigabe von 2.6.24 eine kritische Lücke in allen seit 2.6.17 veröffentlichten 2.6.2x-Kerneln gefunden wurde, korrigierten sie diese nicht nur mit den Versionen 2.6.23.16 und 2.6.24.2, sondern auch mit der Version 2.6.22.18. Neue 2.6.x.y-Versionen für Kernel-Serien vor 2.6.21 gab es allerdings nicht.
Wer Linux-Versionen von Kernel.org einsetzt, sollte daher normalerweise spätestens nach fünf bis sechs Monaten (zwei Entwicklungszyklen) von einer 2.6.x-Version auf eine neuere, aus der Hauptentwicklungslinie hervorgegangenen Version wechseln, weil keine der "offiziellen" Kernel-Serien mehr die bekannten Sicherheitslücken in den älteren Versionen stopft. So ein Umstieg ist allerdings nicht ohne Risiko, denn während mit jedem Entwicklungszyklus einige Fehler korrigiert werden schleichen sich anderswo häufig neue Fehler ein. Viele Linux-Distributoren pflegen ihre Kernel daher unter eigenen Nummerierungsschemata länger, statt neue Linux-Versionen von Kernel.org auszuliefern – bei den Enterprise-, Server- und Workstation-Distributionen von Debian, Novell und Red Hat erhält man so über mehrere Jahre lang Sicherheitsupdates, ohne dass sich die Anwender regelmäßig mit Fehlern herumschlagen müssen, die neue Kernel-Versionen vielleicht eingeschleppt hätten.
Adrian Bunk pflegt in Eigeninitiative noch die Kernel der 2.6.16-Reihe (2.6.16.y) weiter und orientiert sich dabei an den Regeln der Stable-Series – er spart dabei neue Treiber aber weitgehend aus, sodass den 2.6.16-Varianten häufig Treiber für neuere Desktop-PCs fehlen. Noch weniger Treiber für moderne Hardware enthalten die ebenfalls noch gepflegten Kerneln der 2.4-Serie; für Server mit bereits installiertem Linux sind diese Kernel-Serien allerdings ebenso von Interesse wie die Kernel der Enterprise-Distributoren, da die Gefahr neuer Fehler bei so konservativ gewarteten Kernel-Serien recht gering ist.
Dem Hauptentwicklerzweig vor greifen zwei andere Kernel-Serien. In der Linux-Next-Serie versuchen die verschiedenen Hauptentwickler von Linux ihre Arbeit für die übernächste Kernel-Version zu koordinieren. Während die Hauptentwicklung etwa auf 2.6.25 zusteuert und sich in der Stabilisierungsphase befindet können die Entwickler so schon ihre Arbeit an 2.6.26 vorbereiten und aufeinander abstimmen, sodass Torvalds die Änderungen zu Beginn des nächsten Entwicklungszyklus zügig und ohne viel Reibungsverluste in den Hauptentwicklerzweig integrierten kann – so die Idee der noch jungen Kernel-Serie.
Noch weiter vor greift Andrew Morton mit seinen mm-Kerneln; in ihnen finden sich hoch experimentelle Erweiterungen, die noch reifen müssen, bevor sie für die Integration in die Hauptentwicklungslinie in Frage kommen. Einige der Änderungen nimmt Morton nur zu Testzwecken in die mm-Kerneln auf und lässt sie früher oder später fallen, ohne dass sie in den offiziellen Linux-Kernel Einzug halten.
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