Seit dem Beitrag in iX 4/98 zum Thema ‘tragbare’ Computer hat sich soviel getan, daß ein Update angebracht ist. Mittlerweile gibt es auch genaue Anleitungen für den Heimentwickler.
Bekanntermaßen werden die Computer immer kleiner, und wenn man letztes Jahr noch mit einem 4 kg schweren Schlepptop zufrieden war, muß es in diesem ein Handheld PD oder Palmtop sein und im nächsten Jahr vielleicht ein Computer im Schlips.
Daß diese Vorstellung nicht gar so weit hergeholt ist, belegt eindrucksvoll die Webseite der Wearble Computing Organization. Obwohl Dr. Steve Mann von der Universität Toronto, der für diese Seite verantwortlich zeichnet, garantiert den Preis für die unübersichtlichste Webseite gewinnt, enthält seine Zusammenstellung eine Fülle teilweise grandioser Informationen zum Thema. Der Mann (schönes Wortspiel, gell) beschäftigt sich seit Jahr und Tag mit trag- und ‘anziehbaren’ Computern. Die Bildergallerie unter zeigt ihn persönlich mit den jeweils aktuellen Versionen seines mobilen Bilderfassungsgerätes ‘wearComp’ über den Zeitraum von 1980 bis 1998 und demonstriert, in welchem Maße EDV tragbar geworden ist.
Wer nicht versteht, warum Firmen wie Nike oder Levis zu den großen Sponsoren der Wearable-Computing-Projekte des MIT gehören, findet vielleicht gute Gründe, warum intelligente Kleidung letztlich doch auf den Markt kommen wird. Zugegeben, die Vorstellung einer intelligenten Unterbuxe ist natürlich für die meisten eher komisch und vielleicht auch erschreckend. Dennoch illustriert dieses Beispiel ziemlich deutlich, was da auf uns zukommt.
Regelmäßige Jogger unter der Leserschaft dürften sich für die Arbeiten von Thad Starner interessieren, die beschreiben, wie man aus den Turnschuhen eines Läufers Strom für mobile Rechner gewinnen kann. Diese Arbeit ist nicht nur im IBM Systems Journal 1996 erschienen, sondern auch als komprimiertes PostScript-File zu haben. Thad Starner ist derzeit Mitarbeiter an der bereits im früheren Artikel referenzierten MIT-Arbeitsgruppe für anziehbare Computer.
Wem nach soviel Tragbarem der Sinn nach dem eigenen Computeranzug steht, findet eine Fülle von Hinweisen auf mögliche Anbieter/Verfahren inklusive einer kompletten Bauanleitung für einen von Steves WearComps. Dieses System zeichnet Videodaten mittels einer Brille auf und transferiert sie bei Bedarf auch an einen anderen Ort.
Alternativ gib es beim MIT die Anleitung für einen Lizzy, ein tragbares Computersystem, das offenbar von Thad Starner ersonnen wurde und unter Linux läuft. Es basiert auf einem der PC-104-Spezifikation gehorchenden Motherboard. Diese PC Boards, sind weniger als 10 x 10 cm groß sowie unter 2,5 cm dick und lassen sich wie Legosteine aufeinanderstapeln. Es gibt eine Fülle von Anbietern. Zu ihnen sowie zu allen benötigten Komponenten finden sich detaillierte Hinweise auf den Bauanleitungsseiten - inklusive Einkaufstips. Das Ganze ist nicht gerade billig: Mit allem Drum und Dran muß man wohl mit circa 2500 Dollar für ein voll ausgebautes System rechnen.
In der Anleitung heißt es, daß man - vorausgesetzt, man hat alle Einzelteile zusammen - etwa drei Stunden braucht, um das System zusammenzubauen. Wie in Heimwerkerzeitungen hilft eine großzügige Bebilderung dem Ungeübten bei der Konstruktion seines tragbaren Rechners. Auch ein Verweis auf eine entsprechend angepaßte Linux-Version fehlt nicht. Alles in allem genau das richtige Projekt für die auf uns zukommenden grauen, nebligen Regenwochenenden.
Pechvögel, die sich vor oder während des Baus verfransen oder auf unlösbare Fragen stoßen, finden Hilfe in einer ersten FAQ für Lizzy. Außerdem gibt es unter wear-hard@haven.org eine Mailing-Liste für die, die einen Lizzy bauen wollen, gebaut haben oder nur so interessiert sind.
Die ‘light’ Alternative zum Lizzy-Design ist das HackMan-Design, in der Version 0.4 ebenfalls beim MIT zu finden. Für unter 3000 Dollar kann mit der dort veröffentlichten Bauanleitung eine mobile und wirklich kleine, nur etwa handgroße Linux-Maschine mit Einhandtastatur (Twiddler) und Heads-Up-Display bauen.
Wer seinen Lizzy aufmotzen will, so daß man stets weiß, wo Lizzy (und hoffentlich auch der Träger) ist, findet zwei geeignete Lösungen. Die erste arbeitet mit einer Infrarotinfrastruktur. Bei der zweiten handelt es sich um einen GPS-Treiber für Linux (in Perl!).
Obwohl das Lizzy-Design natürlich auch wasser- und schmutzdichte Modelle zuläßt, implizieren die Bauanleitungen doch eher den vorsichtigen Büromenschen als Standardanwender. Wer sich für mobile Computer interessiert, die wirklich robust sind, kann sich über den unter Wasser funktionierenden WetPC informieren. Neben dem physikalischen Aufbau ist vor allem seine Benutzerschnittstelle interessant, die auf den mobilen Anwender hin optimiert ist, der nicht ständig beide Hände frei hat. Die dahinterstehenden Ideen beschreibt ein technical backgrounder ausführlich. Dazugehörige Screenshots und einen Minisimulator präsentiert diese Seite http://www2.aims.gov.au/wetpc/public/cgui/cgui_demo_home.html.
Die sogenannte Chordic GUI basiert darauf, daß der Mensch alle Kommandos über eine mit einer Hand zu bedienende Spezialtastatur absetzt. Anders als bei einem herkömmlichen Keyboard muß man hier mehrere Tasten zugleich drücken (Akkorde, eben), um bestimmte Aktionen auszulösen. Dasselbe Verfahren nutzt im übrigen auch Lizzys Twiddler-Tastatur.
Endlich hat man nun den anziehbaren Rechner gebaut - aber was dann? Unterwegs programmieren, News lesen oder was damit tun? Vielfältige Ideen zur mobilen Nutzung helfen hier weiter. Und für die Couturiers unter den Lesern gibt’s Vorschläge für die Gestaltung tragbarer Rechner, die in Kleidungsstücke eingearbeitet sind.
Dieser Text ist der Zeitschriften-Ausgabe 11/1998 von iX entnommen.
Parallelprogrammierung - die Kunst der Multi-Core-Nutzung
Agile ALM - agile Praktiken im Application Lifecycle Management
Webentwicklung - Applikationen für mobile Clients