
Linux ist erwachsen geworden, nicht nur in der Leistungsfähigkeit, sondern auch in Sachen Umfang haben sich die Distributionen ihren kommerziellen Pendants angepaßt. Anders als bei konfektionierten Komplettsystemen steht der Anwender bei Linux-Paketen vor der Entscheidung, welches er nehmen soll. Zehn Linux-Distributionen fanden den Weg in die Redaktion, um sich auf den Zahn fühlen zu lassen.
Schwerpunkt der Betrachtung war hierbei nicht das Spektrum der mitgelieferten Software, sondern der Aspekt der Tauglichkeit für den Alltagseinsatz. Das heißt, uns interessierten Fragen wie die nach der Abstimmung der Komponenten sowie dem Zusammenspiel und der Benutzbarkeit in heterogenen Umgebungen und weniger, ob alle verfügbaren Texteditoren auch beiliegen. So prüften wir das Vorhandensein von Samba (smbd, nmbd) für die Bereitstellung von Windows-Datei- und Druckdiensten, Netatalk für die Kommunikation mit Apple-Netzen sowie des NetWare-Servers nwserv.
Als Testplattform diente ein Pentium-133-Rechner auf Basis eines P55TVP4-Board von ASUS mit 512 KByte Cache und 64 MByte RAM. Das SCSI-Subsystem bestand aus einem NCR-810-Controller, einer Seagate ST32105N mit 2 GByte und einem 12fach-CD-ROM-Laufwerk von Plextor. Die Netzverbindung erledigte eine NE2000, für die Anzeige sorgte eine Diamond Stealth 64 Video VRAM mit S3 968 und 4 MByte VRAM.
Als Probe für die Vollständigkeit und Abstimmung der Entwicklungswerkzeuge und -bibliotheken mußten die Kandidaten zunächst die iX-SSBA absolvieren. Fehlende Bibliotheken oder nicht aufeinander abgestimmte Komponenten würden hier sofort auffallen. Ebenfalls auf den Feinschliff des Systems (insbesondere im Grafikbereich) abgezielt war die zweite Hürde für die Kandidaten: der xbench. Hier zeigten einige Systeme Schwächen, indem sie mangels der für diesen Test benötigten X11-Entwicklungsbibliotheken ein Nacharbeiten erforderten.
Motif im allgemeinen und CDE im speziellen kommen in heterogenen Unix-Umgebungen oft zum Einsatz. Daher war ein weiteres Testkriterium für die Kontrahenten, ob sie mit CDE für Linux zusammenarbeiten. Hierzu diente sowohl die Implementierung von TriTreal als auch die von Xi Graphics.
Genügten anfangs einige Disketten für ein Linux-System, kommen heute Distributionen kaum mit nur einer CD-ROM aus. Die zunehmende Vielfalt der mitgelieferten Software hat aber auch ihre Tücken: manche Programme benötigen bestimmte Bibliotheksversionen, sonst verweigern sie ihren Dienst. Somit liegt die Hauptarbeit beim Erstellen einer Distribution nicht im Zusammenstellen der gewünschten Software, sondern in der Abstimmung der einzelnen Komponenten. Da die meisten davon frei verfügbar sind, besteht für die Hersteller zumindest theoretisch die Möglichkeit, sich hierbei durch Qualität von ihren Mitbewerbern abzuheben. Doch genug der Vorrede, gehen wir nun zu den einzelnen Produkten.
Erst seit wenigen Wochen gibt es eine CD-ROM-Variante der bisher nur über das Internet verteilten Debian. Mit der hier betrachteten Version 1.3.1 von JF Lehmanns liegt bereits die zweite Auflage vor - die Nachfrage war groß. Das frische Preßdatum sorgt dafür, daß die Debian in Sachen Aktualität die Nase vorn hat; so sind beispielsweise XFree86 3.3 oder die Version 5.4.33 der libc integriert. Debian kocht mit dem *.deb-Format für die Softwarepakete sein eigenes Süppchen, kann aber im Gegensatz zu den meisten Kontrahenten auch mit komprimierten Tar-Archiven (*.tar.gz) und dem verbreiteten Format des Red Hat Package Manager (RPM, *.rpm) umgehen. Sowohl RPM als auch Debian verwalten installierte Software in einer eigenen Datenbank und ermöglichen so eine saubere Installation und Desinstallation von Paketen - im Gegensatz zu einzelnen Tar-Archiven. Außerdem können so Abhängigkeiten (Dependencies) von Softwareversionen geprüft und gegebenenfalls korrigiert werden.
Unübersichtlich präsentiert sich dem Benutzer das Setup-Tool. Die Tastenbedienung ist verwirrend und nicht ausreichend beschrieben. Beim Dependencies-Check muß die Debian-Gemeinde wohl noch etwas nacharbeiten: Bei der Installation meckerte der Paket-Manager über fehlende Pakete. Die Option, alle fehlenden Pakete automatisch zu markieren, scheiterte, ein mühsames Hangeln durch den Menü-Dschungel war fällig. Weiter weigerte es sich hartnäckig, den Desktop-Manager kde zu installieren. Hier mußte per Kommandozeilenaufruf von dpkg nachgeholfen werden. Dies gräbt beim Aufruf erst einmal die Installationsdatenbank durch, was ziemlich viel Zeit kostet. Dafür belohnt es den Anwender danach mit aktualisierten Menüs des Window-Managers fvwm, falls X11-Anwendungen nachinstalliert wurden.
In Sachen Systemkonfiguration hinterläßt Debian einen guten Eindruck, beispielweise werden von den Kernel-Modulen benötigte Parameter automatisch in die conf.modules eingetragen und das Mailsystem konfiguriert.
Gesamteindruck: Bei Debian ist vieles irgendwie anders als bei sonstigen Linux-Systemen. Angesichts des Preises von knapp 20 DM und der Tatsache, daß die CD-ROM keinem Copyright unterliegt, mag man aber damit leben wollen.
Mit der Version 5.2 hat delix eine Phase des grundlegenden Wandels abgeschlossen. In mehreren Stufen wechselten die Stuttgarter in ihrer Distribution: zum einen von *.tgz- auf RPM-Paketformat, zum anderen stellten sie den init-Prozeß und die damit verbundene Start-up-Prozedur auf System V um. Dadurch werden alle grundlegenden Dienste bis zum ersten Login gestartet. Auf den vier CD-ROMs befindet sich neben den Paketen und einem Live-Dateisystem, das einen Betrieb direkt von CD-ROM erlaubt, ein (Teil-)Abzug des Sunsite-FTP-Servers. Hier findet der Anwender auch die Sourcen für die Kernelversion 2.0.30 sowie 2.1.36, allerdings nur im *.tar.gz-Format.
Im Gegensatz zu anderen Produkten läuft die Installation der DLD zweistufig ab. Nach dem Booten von Diskette erfolgen zunächst die Hardwareauswahl und Einrichtung der Dateisysteme. Anschließend kopiert das Programm ein 54 MByte großes Basispaket auf die Platte. Danach kann der Benutzer im grafischen Paket-Manager ViPer die restliche Softwareauswahl vornehmen.
Laut delix befindet sich die nächste Version 5.2.1 bereits im Betatest und wird Ende des Monats erscheinen. Sie wird neben Bug- und Security-Fixes sowie Updates wie XFree86 3.3.1 (unterstützt Matrox Millennium-II) auch ein überarbeitetes Handbuch bekommen. delix bietet seine Distribution wahlweise auch in Varianten mit Motif 2.0 (329 DM) beziehungsweise CDE (inklusive Motif 1.2.5, 499 DM) an. Für die Motif-Version reicht ein Installations-Key, die Software ist in verschlüsselter Form auf den CDs.
Auf den Einsatz im kommerziellen Umfeld zielt Caldera mit seinem OpenLinux Standard (COL). Das Paket sticht zunächst durch den Softwareumfang aus dem Testfeld hervor. So liefert Caldera unter anderem Navigator 3.01 und FastTrack Web-Server 2.0.1 von Netscape, je eine kommerzielle Lizenz von StarOffice 3.1 für Linux und dem Caldera-eigenen OpenDOS (ehemals Novell DOS 7), einen NetWare-Client sowie die Personal Edition von Ada- bas D (maximal fünf Sessions und 100 MByte Datenbankgröße) mit. Einen bequemeren Umgang mit dem System verspricht der looking glass Desktop. Lag dem Vorgänger noch der AcceleratedX bei, liefert Caldera jetzt den X-Server von Metrolink mit.
Das Grundsystem von COL entspricht im wesentlichen der um einige Caldera-spezifische Feinheiten erweiterten LST 2.2. Für die Installation kommt daher auch LISA (Linux Installation & System Administration) zum Einsatz. Im Gegensatz zu Red Hat dauert das Auspacken der RPMs bei COL ungewöhnlich lange. Caldera benötigt für jedes Paket einen rpm-Aufruf - das kostet Zeit.
Gelungen ist den Entwicklern die Einbindung von DOS. Im DosEmu findet der Anwender nach der Installation ein fertig eingerichtetes Caldera OpenDOS vor.
Preislich liegt COL mit 910 DM weit vor der Konkurrenz. Angesichts der gelieferten Komponenten ist dies durchaus vertretbar. Wer auf Novell-Client, FastTrack-Server und StarOffice-Lizenz verzichten kann, dem steht die Möglichkeit offen, zu Caldera Open Linux Base zu greifen. Diese gibt es zum Beispiel bei LunetIX für 139 DM. Mehrfachlizenzen gibt es zumindest über den europäischen Vertriebskanal nicht.
Auf der Erlanger LST-Distribution basiert das bei Springer vertriebene Power Linux. Eine große Ähnlichkeit zu Caldera ist beim Grundsystem nicht verwunderlich, denn COL Base entspricht der LST mit einigen Erweiterungen bei der Internationalisierung. Bei Springer existieren zwei Varianten: eine Buchversion mit 2 CD-ROMs sowie eine reine CD-Version. Die Buch-Variante fiel bei der XFree86-Installation auf die Nase: bei der mitgelieferten Version 3.1.2.6 handelt es sich um eine zeitlich limitierte Beta, die inzwischen abgelaufen ist. Das Problem ist inzwischen behoben: bei Springer gibt es kostenlos neue CD-ROMs.
LISA gehört zu den effektiven und transparenten Setup-Routinen - und spricht deutsch. Die Grundkonfiguration ist schnell erledigt, lediglich die eigentliche Installation dauert - trotz gleichem Paketmanagement - etwas länger als bei DLD oder Red Hat. Nach dem Booten lassen sich die zu startenden Dienste auswählen, notwendige sind bereits vorselektiert.
LST hat wie einige andere auch von Red Hat die auf der objektorientierten Skriptsprache Python basierenden grafischen Tools übernommen. Diese vereinfachen Aufgaben wie Druckereinrichtung, Modul-Management oder Dämonenverwaltung.
Auf der jeweils zweiten CD-ROM liegen Quellen zusätzlicher Software im tar.gz-Format vor. Warum die Entwickler hier nicht auch RPM-Pakete benutzten, ist unklar. Obwohl LST und Caldera - wie wir berichteten - fusioniert haben, soll die LST auch in Zukunft als eigenständige Distribution weiterbestehen.
Mit einer musikalischen Beilage in Form eines Musik-Tracks auf der CD-ROM sowie dem Preis von 39,80 DM will Hilchner, Neuss, Käufer in Warenhäusern und Verbrauchermärkten zum Kauf ihrer Distribution anregen. Prinzipiell entspricht PTS-Linux einer überarbeiteten, mit einigen Patches und Updates aufpolierten Einsteigerversion DLD classic von delix. Sie basiert ebenfalls auf dem 2.0.29er Kernel, die Sourcen für 2.0.30 bis 2.1.43 liefern die Neusser auch nur als *.tar.gz beziehungsweise Patch-Files mit.
Ein 24seitiges Booklet bietet erste Unterstützung bei der Installation; für den Ablauf gilt das bereits bei der DLD Gesagte. Bei der Zusammenstellung der Texte hätte der Hersteller etwas mehr Sorgfalt walten lassen können. So tauchen in den Installationsmenüs Optionen der DLD Pro wie Accelerated X und Motif auf, die auf der CD-ROM von Hilchner nicht zu finden sind.
Nach dem Start von X11 findet der Benutzer die gleiche fvwm95-basierte Oberfläche wie bei der DLD. Auch hier gibt der vorkonfigurierte Button für OpenBackup, das nur in der DLD vorhanden ist, einen deutlichen Hinweis auf die nur oberflächliche Anpassung. PTS-Linux liegt preislich und ausstattungsmäßig am unteren Teil des Testfeldes, daher sind die etwas ungenau durchgeführten Anpassungen zu verschmerzen. Da registrierte Anwender bei delix Einsteiger-Support per Telefon oder EMail erhalten, ist es dennoch eine Überlegung wert.
War früher die Slackware eine der meistbeerbten Distributionen, so prägt Red Hat heute die Szene. Angefangen beim RPM-Format für die Paket-Verwaltung bis hin zu diversen meist Python-basierten grafischen Administrations-Tools verwenden viele Distributionen Programme aus dem Pool von Red Hat.
Eigentlich verdiente Red Hat den Namen Plug & Play Linux. Nach einem zügig erfolgten Aufspielen zeigt sich das System nach dem Booten gut konfiguriert; Funktionen wie Automonter, Netzwerk, Samba oder Mail versehen ohne weitere Eingriffe ihren Dienst. Allerdings gehört Red Hat damit nicht zu den schlanken Systemen, der Bootvorgang erfordert ein wenig Geduld, da einiges an Daemonen gestartet wird. In der Praxis kann sich der Anwender durch Weglassen nicht benötigter Dienste Erleichterung verschaffen. Hierzu stellt Red Hat einen Run-Level-Editor bereit, mit dem sich dies bequem mit einigen Mausklicks erledigen läßt.
Mit Motif und CDE hat Red keine Schwierigkeiten. Da die Amerikaner beide Produkte im Programm haben, ist dies nicht weiter verwunderlich.
Historisch gesehen gehört die Slackware zu den Dinosauriern der Linux-Distributionen. Produkte wie DLD, LST oder Unifix haben Wurzeln, die auf früheren Versionen basieren. Hier lag die offizielle Version von Patrick Volkerding vor, die von Walnut Creek vertrieben wird. Das Paket besteht aus vier CD-ROMs und einem 34seitigen Booklet mit Hinweisen zur Installation. JF Lehmanns bietet die Slackware für 39 DM an.
Bei den Vorbereitungen streift einen der Hauch aus dem Gruselkabinett: Slackware bietet dem Anwender immer noch eine Auswahl von mehreren Dutzend Bootdisks, auch eine Root-Diskette will erstellt sein. Angesichts der inzwischen ausgereiften Modulunterstützung der modernen Kernel mutet dies gespenstisch an. Die installierbaren Pakete sind nach wie vor in 14 Serien von A bis Y unterteilt. Will der Benutzer nicht die voreingestellten Auswahlen aufspielen, muß er während der gesamten Installation anwesend sein, um für jedes einzelne nicht unbedingt erforderliche Paket eine Entscheidung zu treffen.
Die beiliegenden Keyboard-Treiber erledigen das Tastatur-Mapping zwar korrekt, jedoch nicht vollständig: die Umlaute gehen verloren. X11 möchte per XF86Setup konfiguriert werden; einen entsprechenden Eintrag in den Installationsmenüs sucht der Anwender allerdings vergeblich. Das Laden des richtigen Moduls für die NE2000-Karte erforderte Handarbeit in den init-Skripten; der Aufruf von modprobe während des Hochfahrens benötigt I/O-Adresse und Interrupt als Parameter. Dabei gab es dann gleich einen tieferen Einblick in die Struktur des init-Prozesses, die ebenfalls nostalgische Gefühle aufkommen läßt.
Ein Vorteil der etwas ältlichen Struktur der Slackware ist die Möglichkeit, sie auf Systemen mit nur 4 MByte RAM zu betreiben. Darüber hinaus läßt sie sich bei Bedarf komplett von Disketten aufspielen. Eine Vollinstallation ist angesichts der annähernd 100 dazu benötigten Disketten wohl eher unsinnig. Das fast völlige Fehlen jeglicher grafischer Administrations- und Konfigurations-Tools macht für die Verwaltung des Systems tiefere Unix-Kenntnisse erforderlich.
Mit YAST (Yet Another Setup Tool) bietet S.u.S.E. etwas für Benutzer mit einem Hang zu verschachtelten Menüstrukturen. Als wir während der Vorbereitung die Partitionierung änderten, mußte das System per Reset geboot werden, da YAST diese Option in den Menüs nicht vorsieht. Nicht nur für Freaks interessant: YAST zeigt an, wo die Post-Install-Routinen der Softwarepakete auf welche Daten im System zugreifen.
Als einzige der getesteten Distributionen bietet S.u.S.E. ein menügeführtes Setup der ISDN-Subsystems. Mangels temporär nicht verfügbaren ISDN-Anschlusses konnten wir allerdings nicht überprüfen, ob das so eingerichtetes System auch funktioniert.
Im 450seitigen deutschen Handbuch findet der Leser reichlich Stoff zu Setup, Konfiguration und Administration von System sowie Anwendungen. Eine sicher nicht nur für Einsteiger wertvolle Hilfe ist auch die Support-Datenbank auf dem Web-Server. In diese Kategorie gehört auch der 60tägige kostenlose Installations-Support.
Mit einem 2.0.18er Kernel gehört Unifix nicht zu den taufrischen Kandidaten im Rennen. Zwei CD-ROMs, eine mit Live-File-System und eine mit Sourcen, finden sich in der Schachtel mit dem Aufdruck POSIX certified.
Unifix ist anders. Das fängt beim Bootvorgang an: es verwendet einen selbstentwickelten Bootmanger statt des sonst üblichen LILO. Bei der Installation wird nach dem Booten die CD als Root-Verzeichnis gemountet, der Benutzer befindet sich in einem lauffähigen Linux-System. Ungewöhnlich ist auch die Option des sogenannten filecache. Damit lädt das System, nachdem die Installation nur rudimentäre Teile des Systems auf die Platte gebannt hat, Programme und Daten zur Laufzeit von der CD-ROM nach. Reicht der Plattenplatz nicht mehr aus, werden die am längsten nicht benutzten Dateien wieder gelöscht. Für temporäre Engpässe sicher eine interessante Alternative; für ein regelmäßiges Arbeiten allerdings zu langsam und angesichts heutiger Plattenpreise unsinnig. Darüber hinaus muß die CD-ROM immer im Laufwerk oder zumindest in Reichweite sein, weil sonst unter Umständen Anwendungen wegen fehlender Komponenten den Dienst verweigern.
Unifix bewirbt als einziger Hersteller seine Distribution mit einer POSIX-Zertifizierung. Der Vollständigkeit halber muß aber gesagt werden, daß die Zertifizierung mit einem Kernel 1.2.13 erfolgte. Die Version mit dem 2.0.x-Kernel hat zwar die Testsuiten durchlaufen, für die eigentliche Zertifizierung fehlte es aber wohl an finanziellen Mitteln. Bei einem Blick auf den Web-Server (Datum der letzten Änderung ist der 10. März 1997) drängt sich der Verdacht auf, daß Unifix in Tiefschlaf gefallen ist. Fehlende Resonanz auf EMail-Anfragen und ständig der Anrufbeantworter am Telefon scheinen dies zu bestätigen. Schade, denn gerade für Entwickler wäre ein POSIX-konformes Linux sicher eine interessante Alternative.
Streng genommen handelt es sich bei Linux Pro 4.0 um ein Red Hat Linux 3.0.3 mit einigen Bug-Fixes ohne kommerzielle Komponenten. WGS begründet dies damit, daß man mehr Wert auf Stabilität als auf Aktualität lege. Bemerkenswert ist der Lieferumfang des Pakets: insgesamt sieben CD-ROMs bieten reichlich Platz für Betriebssystem, kompletten Sourcecode, Demos von kommerziellen Anwendungen, Softwarearchive und Online-Dokumentation. Unschön ist, daß die Daten mit einem Stand von Juli 1996 schon recht antiquiert sind.
Eine weitere Ungereimtheit zeigt sich beim Stöbern in den Softwarearchiven. Während die Distribution im RPM-Format vorliegt, befinden sich die zusätzlichen Programme im komprimierten TAR-Format auf den CD-ROMs - mit den bekannten Schwierigkeiten bei gemischter Verwendung der beiden Paketformate. Angenehm ist die mitgelieferte 1600-Seiten-Schwarte, in der sich neben Print-Varianten von über 30 HOWTOs auch gedruckte Versionen von Klassikern der Linux-Literatur wie dem Linux Installation and Getting Started Guide von Matt Walsh, dem Linux System Adminitrators Guide von Lars Wirzenius, dem Linux Network Administrators Guide von Olaf Kirch oder dem Linux Kernel Hackers Guide von Michael K. Johnson finden. Gedruckte Dokumentation zur eigentlichen Distribution liefert WGS nicht mit.
Laut Hersteller ist die Version 5.0 in Arbeit, sie soll im Herbst erscheinen. Diese wird auf dem hier ebenfalls besprochenen Red Hat Linux 4.2 basieren. Angesichts der mangelnden Aktualität und auch hinsichtlich des Preises von 99 Dollar sollten Interessenten auf das Update warten.
Betrachtet man die Entwicklung seit dem letzten Distributionsvergleich [1], so haben die Entwickler einen Teil ihrer Hausaufgaben gemacht. In Sachen Benutzerfreundlichkeit hat sich einiges getan. War früher bei der Installation von Betriebssystem und Software viel Handarbeit notwendig, erledigen dies heute die Paketmanager. Was Linux den Weg in Unternehmen und Behörden erschwert, ist die fehlende Zertifizierung internationaler Standards wie Unix95. Fehlt an diesem Punkt auf den Checklisten der Einkäufer der Haken, haben die entsprechenden Produkte oft keine Chance, in die nähere Auswahl geschweige denn zum Einsatz zu kommen - ganz egal, ob sie besser sind als andere oder nicht.
Im großen und ganzen läßt sich für alle hier betrachteten Distributionen feststellen, daß sie sich ohne gravierende Schwierigkeiten installieren lassen. Die Unterschiede liegen eher im Komfort der Prozedur. Alle State-of-the-Art-Setup-Routinen erledigen (früher lästige) Kleinigkeiten wie das komplette TCP/IP-Setup oder die Konfiguration von lokalen und entfernten Druckern meist gleich mit, natürlich ohne Reboot.
Auch bei der Softwareausstattung können sich die meisten Kandidaten durchaus sehen lassen. Fast alle sind right out of the box als WWW-, FTP- oder Samba-Server benutzbar. Zunehmend setzen die Hersteller Produkte kommerzieller Anbieter ein, um sich von den anderen abzuheben beziehungsweise um bestimmte Funktionen bieten zu können. Dies wirkt sich wie bei Caldera zum Teil deutlich auf den Preis aus.
Zurückhaltung ist bei Distributionen aus Büchern angeraten. Da Buchverlage mit Vorlaufzeiten von bis zu einem Jahr arbeiten (müssen), sind die beiliegenden Distributionen mangels Aktualität für einen professionellen Einsatz meist nur bedingt geeignet.
Literatur
[1] Sönke Lange, Torsten Neumann, Martin Schulze; Linux-CDs; Wunschkiste; Komplett-Distributionen des freien PC-Unix im Vergleich
Dieser Text ist der Zeitschriften-Ausgabe 10/1997 von iX entnommen.
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