Herr Sixtus, twittern Sie selbst?
Mario Sixtus: Ja klar.
Na ja, so klar ist das derzeit nicht. Über Sinn und Unsinn von Twitter scheiden sich derzeit die Geister.
Sixtus: Ich habe auch zwei Anläufe benötigt, um das System Twitter zu verstehen. Beim ersten Versuch im Frühjahr 2007 habe ich noch gedacht, das ist ja alles Quatsch. Als dann mehr und mehr meiner Freunde und Bekannten den Dienst nutzten, versuchte ich es ein halbes Jahr später erneut und finde das sehr angenehm.
Wie nutzen Sie Twitter denn?
Sixtus: Ich halte kontinuierlich Kontakt zu meinem Freundes- und Bekanntenkreis der zweiten Reihe. Das sind die, die ich vielleicht nur zwei- oder dreimal im Jahr sehe. Dabei sind die einzelnen Nachrichten tatsächlich meistens belanglos, aber aus dem kontinuierlichen Strom entsteht dann doch ein intensiveres Verständnis für das, was der andere tut. Wir haben gemeinsam festgestellt, dass wir bei Treffen viel weniger darüber erzählen, was jeder im letzten Jahr gemacht hat.
Hört sich sehr privat an. Für Unternehmen ist das nichts.
Sixtus: Wer versucht, das durch die Marketing- und PR-Abteilung abzuwickeln, fällt damit auf die Nase. Das ist genauso langweilig wie die allermeisten Unternehmens-Blogs. Aber ich kann mir schon einen wirkungsvollen Ansatz vorstellen, wenn ein Unternehmen einen Mitarbeiter teilzeitig zum Twittern abstellt und der Typ einigermaßen witzig ist, dann kann das das Bild vom Unternehmen ändern. Aber mit einem klassischen Marketing-Gedanken verträgt sich Twitter nicht.
Welchen Unternehmens-Feeds folgen Sie?
Sixtus: Keinem. Die, die ich gesehen habe, waren alle langweilig.
Nutzen Sie Twitter auch professionell?
Sixtus: Ja. Ich suche zum Beispiel Interviewpartner über Twitter. Und man kann dort natürlich auch mal Fragen stellen. Sascha Lobo hat mal gesagt, Twitter ist so eine Art menschliches Google. Man darf es natürlich nicht übertreiben. Und bei aktuellen Themen denke ich ab und zu laut ins Web hinein. Ich bin immer wieder überrascht, wie viel Feedback da kommt.
Kann Twitter ohne Werbung überleben?
Sixtus: Ich glaube an ein Fremium-Modell [Fremium = Free plus Premium, d. Red.], ähnlich wie bei XING. Die Powernutzer sind sicher bereit, einen kleinen Obulus zu entrichten, wenn sie dafür eine bessere Suchfunktion, einen besseren Filter oder vielleicht dezidierte Statistiken erhalten.
Ist die proprietäre Plattform auf Dauer ein Problem?
Sixtus: Auf der technischen Seite gab es ja immer wieder Probleme. Das ist aber im letzten halben Jahr besser geworden. Ich wage aber nicht zu behaupten, dass Twitter selbst in dieser Form in zwei Jahren noch existiert. Vielleicht spielt sich da mehr in Richtung soziale Netzwerke ab. Facebook hat die Idee ja schamlos aber teilweise sogar noch besser kopiert. Aber eins steht fest: Mikro-Blogging wird bleiben.
Woher nehmen Sie eigentlich die Zeit fürs Twittern? Man würde erwarten, Ihr Informationsbedarf wird aufgrund Ihres Berufs eher übererfüllt.
Sixtus: Jetzt kommen Sie bloß nicht mit dem „Information Overload“. Das find ich ja totalen Unsinn. Zur Nutzung von Medien gehört auch das Erlernen von Medienkompetenz. Twitter kann man nämlich auch abschalten. Allerdings schalte ich lieber den Fernseher ab, und ich habe viele gehört, denen das genauso geht. Twitter macht einfach mehr Spaß als Lindenstraße.
Herr Sixtus, danke für das Gespräch.
Dieser Text ist der Zeitschriften-Ausgabe 08/2009 von iX entnommen.
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