Jahrelang wurde den Unix-Anbietern von der Konkurrenz ein Hang zur Generalisierung vorgeworfen. Wenn es sich ergab und als nützlich erwies, warf man die zueinander nicht kompatiblen Produkte gern in einen großen Topf. Doch konnte diese Taktik nicht über die tatsächliche und schon oft gegeißelte Zersplitterung von Unix hinwegtäuschen und erleichterte das Vordringen von NT.
Spätestens seit dem zunehmenden Interesse im professionellen Umfeld rücken die Unterschiede der diversen Linux-Distributionen ins Rampenlicht. Die Kollegen im iX-Testlabor können ein Lied davon singen: Skripte, die nur auf einigen Varianten laufen, teilweise eigenwillige Interpretationen des Linux Filesystem Standard, inkompatibles Handling der System-Startup-Skripte oder unterschiedliche Interfaces bei Standardbibliotheken, um nur das Schlimmste zu nennen.
Vor allem die Softwarehäuser haben kein Interesse daran, sich mit Linux nicht nur eine, sondern gleich mehrere neu zu unterstützende Plattformen einzuhandeln. SAP hat hier ein deutliches Signal gesetzt, indem die Walldorfer klarmachten, dass sie nur für eine Linux-Distribution Support leisten werden. R/3 für Linux gibt es - zumindest derzeit - nur für die Variante von Red Hat.
Über die Gründe, die zur SAP-Entscheidung für die amerikanische Distribution führten, lässt sich trefflich spekulieren. Eine Möglichkeit: SAP hat mit seiner Linux-Version vor allem den US-Markt im Auge und entschied sich für den dortigen Platzhirsch. Denkbar wäre aber auch, dass Red Hat aufgrund seiner Marktposition der Linux-unerfahrenen SAP in den Verhandlungen vorgegaukelt hat, es gebe nur einen ernst zu nehmenden Partner, wenn man ‘in Linux machen wolle’ - Microsoft lässt grüßen.
Im Prinzip existiert mit Linux Standard Base (LSB) bereits seit längerem ein probates Gegenmittel. Mittlerweile zählen fast alle namhaften Linux-Distributoren sowie einige ISVs zu den LSB-Mitgliedern. Im März veröffentlichten sie über www.linuxbase.org den ersten Vorschlag (Proposal) einer Basisspezifikation für Linux-Systeme. Doch der Einigungsprozess schleppt sich dahin. Die beteiligten Distributoren, allen voran der US-Marktführer, legen bei erforderlichen Kompromissen für das Linux-Umfeld erstaunlich wenig Flexibilität an den Tag. Dies führt sogar so weit, dass bereits in den Draft X aufgenommene Vereinbarungen in Draft X+1 wieder herausfallen.
Dabei zeigt das Beispiel SAP, dass gerade die von eingefleischten Free-Software-Verfechtern als Keil in der Community verteufelte Kommerzialisierung den Antrieb dazu liefern könnte, einer Zersplitterung à la Unix entgegenzuwirken. Vieles spricht dafür, dass der Druck der Softwarehersteller dem LSB-Projekt den nötigen Vorschub verschafft, um eine einheitliche Basis für Linux zu etablieren. Zumindest langfristig hängt der Erfolg des Open-Source-Betriebssystems davon ab. Erst mit der Realisierung einer allen Distributionen gemeinsamen Basis lässt sich sagen: Lektion gelernt!
Dieser Text ist der Zeitschriften-Ausgabe 05/2000 von iX entnommen.
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