Prof. Dr. Michael Haller befasst sich seit Jahren mit der Entwicklung neuer Interaktionstechniken auf Basis von Multitouch, Stift und „Tangible Computing“. iX sprach mit ihm über seine Erfahrungen mit Multitouch-Interaktion und daraus gewonnene Prognosen für die Zukunft.
iX:Seit dem iPhone ist Multitouch-Interaktion über die Forschungslabore hinaus bekannt geworden und Multitouch Tablett-PCs wie der Dell Latitude XT2 stehen in den Verkaufsregalen. Mit der Vorstellung von Microsofts Surface ist nun auch das erste „Tisch-Produkt“ serienreif. Welche Vorteile bringt diese Technologie dem Anwender?
Michael Haller: Durch die direkte Interaktion mit der Hand benötigen wir keine zusätzlichen Eingabegeräte. Wir müssen nicht umständlich mit Tastatur und Maus den Computer bedienen, sondern können das Gerät direkt per Touch-Input steuern. Das ist der große Vorteil auch beim iPhone, wo ein zusätzlicher Stylus nicht mehr notwendig ist. Ob es nun auch von Vorteil ist, die gleichen Interaktionstechniken auf einen Tablet PC zu übertragen, ist fraglich. Natürlich bringt es Vorteile, wenn man ohne zusätzliche Hardware den Tablet PC per Multitouch bedienen kann, allerdings ist es dann auch notwendig, dass die entsprechenden Applikationen adaptiert werden beziehungsweise die grafischen Benutzeroberflächen entsprechend ein anderes Look & Feel haben. Ansonsten ärgert man sich, wenn man den zu klein geratenen Button nicht drücken kann. Zudem eignen sich nicht alle Applikationen für die Multitouch-Interaktion. So werden wir auch in Zukunft noch lange mit Tastatur und Maus arbeiten, wenn es um schnelle Texteingaben geht.
Durch die direkte Interaktion mit der Hand benötigen wir keine zusätzlichen Eingabegeräte.
iX: Tablett-Displays mit Singletouch haben sich bisher nur in Nischen durchgesetzt. Bieten Multitouch-Geräte denn einen echten Mehrwert, für den sich die Investition lohnt?
M.H.: Das ist eine sehr gute Frage, die auch bei der größten Human Computer Interface Conference CHI dieses Jahr in Boston gestellt wurde. Sehr viele Anwendungen, die derzeit für Multitouch-Tische existieren, zeigen die wirklichen Vorteile leider zu wenig. Multitouch bringt genau dann Vorteile, wenn es um kollaborative Interaktionen geht – wo also mehrere Benutzer gleichzeitig mit dem System interagieren wollen. Die Palette von Anwendungen reicht von gemeinsamen Strategiespielen bis hin zu gemeinsamem Brainstorming an einem interaktiven Multitouch-Tisch. Sobald mehr als nur eine Person teilnimmt, ist es notwendig, dass man auch unterscheiden kann, welche der beteiligten Personen mit dem System interagiert. Dass es in Richtung Multitouch gehen wird, zeigt auch schon, dass Microsoft mit Windows 7 ein Betriebssystem auf den Markt bringen wird, bei dem auf Betriebssystemebene Multitouch angeboten werden wird.
Durch die direkte Interaktion mit der Hand benötigen wir keine zusätzlichen Eingabegeräte.
iX: Sie entwickeln mit ihrem Flux-Tisch ein System, das Multi-Stift und Multitouch-Interaktion kombiniert. Was unterscheidet diesen Ansatz von den bisherigen Projekten?
M.H.: Am Media Interaction Lab der Fachhochschule Oberösterreich wurde gemeinsam mit dem Möbelhersteller TEAM 7 der interaktive Tisch Flux entwickelt. Dieser Tisch ist dadurch gekennzeichnet, dass man ihn gleichzeitig per Hand als auch per Stift bedienen kann. Die Multitouch-Interaktion erfolgt über die FTIR-Methode (Frustrated Total Internal Reflection), die mittlerweile sehr verbreitet ist.
Multitouch bringt genau dann Vorteile, wenn es um kollaborative Interaktionen geht – wo also mehrere Benutzer gleichzeitig mit dem System interagieren wollen.
Interessant ist beim Flux die zusätzliche Kombination per Stift. Dazu nutzen wir digitale Stifte von Anoto, welche über eine eingebaute Infrarot-Kamera verfügen. Auf der Oberfläche des Tisches befindet sich eine Spezialfolie mit einem aufgedruckten Muster. Sobald der Stift nun die Oberfläche berührt, tastet die Kamera das Muster ab, und somit kann das System sowohl die Position als auch den Druck des Stiftes ermitteln und entsprechende Aktionen auslösen (zum Beispiel an dieser Position einen digitalen Punkt zeichnen, der von dem eingebauten Projektor dargestellt wird).
Das Tolle ist dabei die Skalierbarkeit. Mit der reinen Stift-Interaktion können wir sehr große Flächen „bedienbar“ machen (maximale theoretische Größe sind 4 Mio km2). Ein weiterer Vorteil ist die Genauigkeit von 600 dpi. Zudem erreichen wir mit den neuesten Prototyp-Stiften von Anoto bereits eine maximale Latenz von 50 ms (Schwellwert liegt bei 60 ms). Und schließlich können wir die Benutzer über den Stift eindeutig identifizieren, was mit bisherigen FTIR- beziehungsweise DI-Tracking-Methoden (Diffuse Illumination, siehe Microsofts Surface) nicht möglich war.
Zur optimalen Integration des Systems im Bedienprozess kommt auch der Möbelhersteller TEAM 7 ins Spiel: Wenn der Computer zukünftig noch selbstverständlicher und quasi unbemerkt in den Alltag des Menschen integriert sein wird, dann soll doch der Mensch das Maß der Dinge bleiben. Ökologische Vollholzmöbel mit einem formschönen Design, angenehmer Haptik und von alltagstauglicher Robustheit gehen die Symbiose mit dem Computer mühelos ein.
iX: Lässt sich diese Technik eventuell auch auf andere Oberflächen übertragen?
M.H.: Ja – durchaus. Diese Technologie lässt sich auch einfach auf Wände übertragen, und so haben wir unter anderem auch größere interaktive Rück- als auch Front-Projektionswände geschaffen, die derzeit von voestalpine group-IT aus Linz beziehungsweise vodafone R & D aus München getestet werden. Zudem entwickeln wir gerade gemeinsam mit AMS Research aus Hagenberg einen interaktiven Besprechungsraum, wo wir interaktive Tische, Wände und Präsentationsflächen schaffen. Dabei legen wir auch Wert darauf, dass wir traditionelle Medien einsetzen können (wie zum Beispiel Papier) – denn nur so schaffen wir es, dass diese Medien auch wirklich eine Akzeptanz finden.
Multitouch bringt genau dann Vorteile, wenn es um kollaborative Interaktionen geht – wo also mehrere Benutzer gleichzeitig mit dem System interagieren wollen.
iX: Woran wird derzeit in den Laboren gearbeitet, und was können wir in den nächsten zwei bis drei Jahren erwarten? Wird es demnächst eine Interaktion im Minority-Report-Stil für Desktop-Anwendungen auf jedem Schreibtisch geben?
M.H.: In Bezug auf Hardware wird sich in den nächsten zwei Jahren sehr viel tun. Wir stehen erst am Anfang einer Entwicklung, in der namhafte Hardwarehersteller damit begonnen haben, immer robustere Multitouch-Systeme auf den Markt zu bringen. Parallel dazu werden Betriebssysteme und damit auch immer mehr Anwendungen auf diese Interaktionstechniken angepasst werden. Wir haben zurzeit noch keine wirkliche Erfahrung damit, wie die grafischen Benutzeroberflächen tatsächlich aussehen sollen. Hier gibt es noch viel zu forschen.
Gleiches gilt für die Interaktionstechniken. Hier gibt es noch keine wirklichen Guidelines. Die Interaktionen, wie sie im Minority-Report-Film gezeigt wurden, wären der absolut falsche Weg, denn die dort gezeigte Interaktion in der Luft wäre sehr mühsam (gerade über einen längeren Zeitraum).
Das Interview für iX führte Christian Geiger per E-Mail.
Einen ausführlichen Artikel (ebenfalls von Christian Geiger), der die verschiedenen Multitouch-Techniken vorstellt und einen Überblick über vorhandene Systeme gibt, lesen Sie in der Printausgabe der aktuellen iX.
Dieser Text ist der Zeitschriften-Ausgabe 10/2009 von iX entnommen.
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