Frühe Erfahrungen prägen ein Leben lang. Das gilt auch für die ersten Computerschritte. Wie schön, dass es im Web jede Menge Emulatoren gibt, die dafür sorgen, dass alte Freunde wie der C64 jederzeit - auch mobil - verfügbar sind.
Nachdem diese Kolumne in der letzten Ausgabe die 80er Jahre im Allgemeinen zerpflückt hat, geht es heute um die heiß geliebten Heimcomputer, deren Hochphase ebenfalls in jene Zeit fiel. Es sollte den meisten Leserinnen und Lesern nicht schwer fallen, sich in der einen oder anderen Form an den Commodore C64 oder PC128 zu erinnern, die in den 80er Jahren wohl in den meisten Jugend- und Kinderzimmern Deutschlands zu finden waren. In anderen Ländern deutlich populärer, in Deutschland jedoch eher in Außenseiterrollen waren der Sinclair Spectrum, Geräte der Apple-II-Reihe oder die Amstrad CPC-Heimcomputer zu finden. Die Nachfolger dieser Geräte hießen Amiga - hauptsächlich als Spielemaschine be- und verkannt - und Atari ST. Mit dem stärker boomenden Markt der IBM-PC-kompatiblen Geräte übernahmen diese in den frühen 90er Jahren immer mehr die Rolle der Heimcomputer.
Die Idee zu diesem Artikel entstand beim Lesen eines Blog-Eintrages auf Intelligent Artifice, der darauf hinweist, dass ein C64-Emulator für Symbian OS, hier konkret für ein Nokia 3650, verfügbar sei. Nach einem spontanen „Wer bitteschön braucht denn so was?“ und anschließendem längerem Überlegen sowie einigen Testinstallationen von alter C64-Software auf dem Mobiltelefon wurde die Geschichte interessant, und ich erinnerte mich daran, dass Emulatoren für viele alte Hardwareumgebungen auch für normale PCs oder zumindest PDAs verfügbar sind. Bei dem Emulator für das Nokia-Mobiltelefon handelt es sich um ein frei verfügbares Stück Software auf Basis des Frodo-C64-Emulators für den Amiga. Nicht zu vergessen: der im oben erwähnten Blog-Eintrag genannte ZX Spectrum Emulator für das Nokia 3650...
Bevor der Ausflug weiter in die Welt der Emulatoren führt, eine kurze Anmerkung zur Rechtslage: die eigentliche Emulatorsoftware ist nur das Grundgerüst. Interessant wird das Ganze erst, wenn man seinen Emulator auch mit Software füttern kann - manchmal fängt das bereits damit an, dass man sich ROM-Images zusätzlich zur Emulatorsoftware herunterladen muss. Ziemlich schnell führen solche Aktionen jedoch in unsicheres Fahrwasser, wenn es um Spiele oder Anwendungssoftware in Download-Archiven irgendwo im Web geht. In vielen Fällen hat der Inhaber der Rechte seine Spiele als Freeware zur Verfügung gestellt - speziell für den C64. Allerdings ist fraglich, wie ein Websurfer diese Tatsache prüfen kann.
Daher enthält dieser Artikel keine Links zu Software- und Download-Archiven. Wer sich trotzdem in solchen tummeln möchte, findet hinreichend viele Startpunkte sicher über die gängigen Suchmaschinen. Im Zweifelsfall lädt man sich nur die Software herunter, zu der man das Original für das Gerät noch mit zur Not auch entmagnetisierter Datenkassette im Schrank liegen hat ...
Einen Überblick über eine Vielzahl veröffentlichter Computer bietet das Computer Archiv, dessen Link-Sektion mit vielen weiterführenden Hinweisen zu bestimmten Computersystemen aufwartet. Teilweise gibt es darunter echte „Schätzchen“, beispielsweise einen Link zu einem FTP-Server des Amiganets, auf dem sich bei Aminet auch ein Emulator für den Commodore Plus/4 findet, der diese Maschine auf einem Amiga emuliert. Vielleicht erinnert sich noch jemand an dieses Gerät, einen der potenziellen, aber leider glücklosen Nachfolger des C64.
An den MSX-Heimcomputer, über den ich zufällig durch den Verweis auf der MSX homecomputer page gestolpert bin, konnte ich mich kaum mehr erinnern. Aber immerhin - ganz unbekannt scheint er nicht gewesen zu sein, denn schließlich hat sich jemand die Mühe gemacht, einen Emulator dafür zu entwickeln.
Interessantes hat die Welt der Emulatoren auch für PDAs zu bieten. Gerade Microsofts Pocketpc-Plattform stellt einige Möglichkeiten bereit. Beginnen kann man mit Castce, einem Emulator des Atari ST für Pocketpc bis einschließlich Version 2002. Mit vielen weiteren, zum Teil speziell für einige Pocketpc-Modelle optimiert, wartet Retrogames in seinem (Pocketpc-Bereich auf.
Die Eingangsseite steckt ebenfalls voller hilfreicher Infos und Downloads. Sie legt zwar einen leichten Schwerpunkt auf Spielekonsolen (von den ersten Ataris bis hin zur Playstation), bietet aber auch unzählige Emulatoren für die alten Heimcomputer. Spannend ist ein Projekt, das sich mit der Portierung vieler Emulatoren für Microsofts Xbox beschäftigt (News vom 29. 12. 2003 unter „Xbox Emulator Updates“). Es hat schon etwas, eine virtuelle Playstation in einer Xbox zu betreiben.
Zurück zu den Computern. Am Apple II eines Nachbarn durfte ich in den frühen 80ern erste Computererfahrungen sammeln. Diese beschränkten sich zwar im Wesentlichen auf das Ausschalten der Bösewichte im Spiel Loderunner, waren aber prägend für alle weiteren Entwicklungen (Zerlegen von Taschenrechnern, C64 und danach diversen PC-Systemen). Selbstverständlich schafft die Emulatorszene auch hier Abhilfe vor Entzugserscheinungen. Dmoz.org liefert in der entsprechenden Kategorie 34 Einträge, darunter sogar in Java geschriebene Apple-II-Emulatoren.
Zum Abschluss der Plattformvielfalt: Spielhallen-Daddel-Automaten, die ich mangels Alter und Verfügbarkeit in meinem damaligen Wohnort nur aus den alljährlichen Italien-Strandurlauben kannte. Klar - auch für die gibt es Emulatoren. Der bekannteste wird im MAME-Projekt entwickelt und gepflegt und hat sowohl software- als auch hardwareseitig eine große Community. MAME ist dementsprechend für eine Vielzahl von Plattformen verfügbar.
Apropos Hardware: Man kann noch einen Schritt weiter gehen und direkt die leicht angestaubte Hardware an den neuen, schmucken PC bringen. Irgendwie müssen ja die alten Originalprogramme von den leicht schabenden 5,25-Zoll-Disketten in das Emulatorformat überführt werden. Im Rahmen des CCS64-Projektes ist das Programm Star Commander entstanden, mit dem man Disketteninhalte zwischen C64 und PCs transferieren kann. Klar, dass da auch Kabelsätze zum Anschließen der guten 1541-Serie an den seriellen oder den PS/2-Port des PCs nicht fehlen dürfen - Bastler können schon mal den Lötkolben anwerfen. Bei der Gelegenheit soll nicht versäumt werden, ein Lob auf die Commodore-Hardware der damaligen Zeit auszusprechen. Meine eben erwähnte 1541 tut ihren Dienst nach nun 18 Jahren immer noch anstandslos. Wenn ich da an die 3,5-Zoll-Diskettenlaufwerke meiner letzten drei PCs denke, die jeweils nach sechs bis zwölf Monaten leichter Benutzung das Zeitliche segneten, stellt sich schon wieder die Frage: „Wer bitteschön braucht denn so was?“
Dieser Text ist der Zeitschriften-Ausgabe 02/2004 von iX entnommen.
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