Das Sparbuch ist tot, es lebe das Aktiendepot - nach diesem Motto suchen Anleger nach Alternativen für die Aufbewahrung und Mehrung überschüssigen Geldes. Im Internet finden Privatleute beinahe professionelles Handelswerkzeug - Verletzungsgefahr inbegriffen.
Wohin mit dem vielen Geld, das ich eigentlich gar nicht benötige? Diese Frage scheint immer mehr Zeitgenossen umzutreiben. Dow und Dax schrauben sich seit unseren Internet-Infos zum Thema Börse im vergangen Jahr nahezu unaufhaltsam in immer neue, schwindelerregende Höhen; das langfristige Wachstum der börsennotierten Unternehmen kommt da schon lange nicht mehr mit. Zum Teil ist der Boom Privatanlegern zu verdanken, die in Zeiten sinkender Guthabenzinsen nach mehr Rendite suchen - und dafür gerne den Nervenkitzel an der Börse in Kauf nehmen.
Einen schnell wachsenden Teil des Order- und Provisionskuchens schneiden sich die im Internet aktiven Direktbanken ab; besonders die Preisvorteile der automatische Abwicklung von Online-Orders werden zu einem guten Teil an die Kunden weitergereicht. Während man bei der Sparkasse noch darauf wartet, daß die Provision vom Kursanstieg kompensiert wird, kann man online bereits Gewinne mitnehmen: Bei Consors, Comdirect und Co. kosten Orders deutlich weniger als die Hälfte derjenigen bei einem herkömmlichen Filialinstitut. Dabei handelt man "wie die Profis", betreibt "Intraday-Trading" und ist gar "in Sekunden im Börsensaal" - wenn denn die Leitung mitmacht.
Die fehlende Beratung kompensieren Kunden von Discount-Brokern - per Netz. Mit kostenlosen Wirtschaftsnachrichten und Kursinformationen, Diskussionsforen und Portfolio-Überwachung steht man mindestens genauso gut da wie beim Berater der Hausbank; als Wegweiser empfiehlt sich Rainer Deckers' Buch "Geld anlegen per Internet" vom dpunkt-Verlag.
Allgemeine Kurznachrichten vom Marktgeschehen, vor allem auf dem deutschen Parkett, aber auch international, stellt beispielsweise der Bayerische Rundfunk mehrmals täglich ins Netz. Das Wirtschaftsmagazin DM hat den Wall-Street-Korrespondenten Markus Koch unter Vertrag. Wer einmal die "Telebörse" des deutschen Fernsehsenders n-tv versäumt, kann hier die ausführlichen Berichte aus New York (www.dm-online.de/boerse/wallst/nyse.html) nachlesen.
Neben Stimmungen und Gerüchten, Angst und Gier spielen auch konkrete Unternehmensmeldungen eine gewisse Rolle für den Kursverlauf der betroffenen Wertpapiere. Genauer über den Werdegang deutscher Unternehmen informiert beispielsweise die Yahoo-Seite finanzen.yahoo.de. Hier finden sich neben Kursinformationen aktuelle Unternehmensmitteilungen sowie Berichte von Hauptversammlungen und Bilanzpressekonferenzen vornehmlich deutscher AGs. Wer es etwas internationaler bevorzugt, kommt beim Mutter-Server quote.yahoo.com auf seine Kosten - mit seinen zahlreichen Links und weiteren Services überhaupt ein idealer Startpunkt für die weltweite Suche nach Finanzinformationen.
Neben den Unternehmensmeldungen sind die Kursinformationen der Stoff, aus dem die Anlageentscheidungen entstehen - besonders für den kurzfristig orientierten "Trader", der seinen Job darin sieht, aus täglichen oder gar minütlichen Schwankungen Geld herauszupumpen. Auch hier haben die mit Brokerage befaßten Direktbanken ein naturgegebenes Interesse an der umfassenden Versorgung Ihrer Kunden.
In Deutschland steht das Intraday-Trading noch am Anfang der Entwicklung und vor allem auf rechtlich unsicheren Beinen - eigentlich kann man Wertpapiere erst dann wieder verkaufen, wenn sie ordentlich ins Depot eingebucht sind, und das dauert nun einmal eine Weile. Erst eine Bank in Deutschland, Consors, wagt sich vor und genehmigt ihren Kunden dennoch den sofortigen Wiederverkauf, sobald die Ankauf-Bestätigung von der Börse vorliegt - der Orderzähler wird's danken.
Ein schönes Beipiel für einen umfassenden Kursdienst liefert die Commerzbank-Tochter Comdirect: Dort gelangt man nicht nur zu Informationen über Hunderttausende von Effekten, sondern auch zu einem Portfolio-Service mitsamt EMail-Alarmen bei Limit-Über- oder Unterschreitungen. Ein Newsticker fehlt ebensowenig wie ein aufwendiges Java-Applet für Anhänger der Chart-Analyse, die sogenannten "Techniker". Das alles steht auch (Noch-)Nicht-Kunden zur Verfügung.
Freie Kursinformationen sind in Deutschland grundsätzlich nur mit einer Verzögerung von mindestens einer Viertelstunde zu haben; für die meisten Anleger sicherlich mehr als ausreichend und ein Zeichen dafür, daß sich die echten Profis nur noch mit solch künstlichen Maßnahmen vor der Konkurrenz durch Kleinanleger zu schützen wissen.
Einen Schritt weiter sind hier einmal mehr die Amerikaner: Gegen die Versicherung, daß die Informationen nur privaten Zwecken zukommen, kann man sich etwa bei Quote Central oder free realtime.com mit Echtzeit-Kursen der Nasdaq und NYSE versorgen. Beide Dienste sind werbefinanziert, ersterer sieht eine Beschränkung auf 100 Echtzeit-Abfragen täglich vor.
Während die beiden letztgenannten Dienste für jeden einzelnen Kurs neu zu laden sind, gibt es für Windows- und Java-Benutzer diverse Tickerzeilen, die den Anleger kontinuierlich mit zuvor ausgewählten und in der Regel verzögerten Kursen versorgen, zum Beispiel bei Yahoo. Besonders hübsch und vor allem wesentlich reaktionsschneller ist das Applet Live! Chart von Quote.com, eines auch sonst gut sortierten Kursinformationsdienstes. Live! Chart zeigt jede einzelne Transaktion der ausgewählten Notierung an - in der freien Version um 15 bis 20 Minuten verzögert - ergänzt um grafisch aufbereitete historische Kursdaten vom Minuten- bis zum Quartalsmaßstab.
Wer nach Feierabend dem Trading direkt in den USA nachgehen möchte, findet zum Beispiel auch beim Discount-Broker Datek einen kostenlosen Realtime-Quote-Dienst vor. Überhaupt lohnt sich ein Blick über den großen Teich. Die dort börsennotierten Unternehmen müssen eine ungleich offenere Informationspolitik betreiben als es Aktionäre von hiesigen AGs gewohnt sind. Um ein Stückchen von US-Unternehmen zu erwerben, ist natürlich kein Depot vor Ort erforderlich; die meisten in Frage kommenden Notierungen werden auch in Deutschland gehandelt.
Keine Medaille ohne Kehrseite: Die Kursausschläge - insbesondere an der rein computergesteuerten Börse Nasdaq, die auch einen besuchenswerten Server betreibt - können recht schweißtreibend sein. Dafür sind die Provisionen beim Internet-Broking extrem niedrig: Viele Billiganbieter in den USA rechnen pauschal weniger als 10 Dollar pro Order ab - nur bei Ausführung, versteht sich.
Wer Frust über ein fehlgeschlagenes Geschäft loswerden oder nur einmal weitere Meinungen zu einer ins Auge gefaßten Aktie einholen möchte, kann an einem der zahlreichen Diskussionsforen teilnehmen. Die kostenlosen "Brokerboards" allerdings sind leider kaum zu gebrauchen; hier überwiegen wilde Phantastereien und Schimpftiraden der Beteiligten. Wer es seriöser bevorzugt, muß einen gewissen Beitrag zahlen, zum Beispiel beim Silicon Investor. Während einer zweiwöchigen Probezeit läßt sich herausfinden, ob man die Meinungen und Erkenntnisse der Mitinvestoren in klingende Münze umzusetzen vermag.
Dieser Text ist der Zeitschriften-Ausgabe 08/1998 von iX entnommen.
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