Fans der ‘Akte X’, denen die Fernsehausstrahlung nicht mehr genügt, finden spätestens seit dem Anschlag auf das World Trade Center adäquaten Ersatz im Internet. Unzählige Websites beschäftigen sich mit Mutmaßungen über geheimnisumwitterte Hintergründe.
In the City of God there will be a great thunder. Two Brothers torn apart by Chaos, while the fortress endures, the great leader will succumb. The third big war will begin when the big city is burning.’ Die angebliche Vorhersage von Nostradamus erregte in den Tagen nach dem Anschlag auf das WTC großes Aufsehen im Internet, Bücher über den mittelalterlichen Propheten rückten schlagartig auf die Top-Plätze der Bestsellerliste des Versenders ‘Amazon’. Dass der zitierte Satz, wie sich bald herausstellte, nicht von Nostradamus stammt, sondern aus einem jüngst erschienen Roman über ihn, tat der angstvollen Suche nach Erklärungen für das Unerklärliche keinen Abbruch. Die Satansfratze im Rauch der WTC-Türme machte ebenso die Runde wie der Flugnummern-Fake mit dem Windings-Totenkopfsymbol - in der Gerüchteküche gärte es.
Verschwörungstheorien reduzieren Komplexität und vereinfachen die Weltsicht - vielschichtige, schwer nachvollziehbare Ereignisse werden auf einen Verursacher, einen Sündenbock zurückgeführt. So ist es kein Wunder, dass nach einer Katastrophe, die wie die vom 11. September die Weltöffentlichkeit verängstigt und verwirrt, solche Theorien blühen. Die allererste tauchte schon auf, als der zweite Turm noch nicht zusammengestürzt war und sie wird bis heute unter der Chiffre ‘Bin Laden’ allgemein akzeptiert. Da keine gerichtstauglichen Beweise für eine konkrete Beteiligung, Planung und Mitwisserschaft des saudischen Millionärs-Terroristen vorlagen und bisher auch nicht auftauchten, wurde der Kreis der Verschwörer um ein ‘geheimes Terrornetzwerk’ namens Al Kaida erweitert, das freilich noch schwerer greifbar zu sein scheint als sein vermeintlicher Kopf. In 60 Ländern vermutet man Ableger dieses Netzwerks - eine wahrhaftige Weltverschwörung.
Wo aber permanente Wiederholungen eine Verschwörungstheorie auf allen Medienkanälen in den Rang einer bewiesenen Wahrheit erheben - und der Fall Bin Laden ist dafür ein Paradebeispiel - da scheint das Internet, sonst als Biotop wildwuchernder Verschwörungstheorien eher verrufen, plötzlich auf der Suche nach der Wahrheit unverzichtbar. Ein Freund, der seit einiger Zeit in den USA lebt und die ersten Tage nach dem Anschlag vor dem TV verbrachte, brachte es auf den Punkt: ‘Jetzt kann ich zum ersten Mal verstehen, wie es gewesen sein muss, als nach dem Reichtagsbrand Hitlers Propagandamaschine anlief. Du kannst hier alle Programme rauf- und runterzappen, überall dieselbe Botschaft, ohne das Web als alternative Informationsquelle hätte ich mich nach drei Tagen komplett gehirngewaschen gefühlt.’
In der Tat wurde weder im Fernsehen noch im Mainstream der Presse den vielen Merkwürdigkeiten und offenen Fragen zu diesem Anschlag nachgegangen: Warum lassen hochprofessionelle Terroristen im Mietwagen arabische Unterlagen und einen Koran liegen? Warum reisen Selbstmordtäter mit Gepäck, das aufgegeben wird, hängenbleibt und zufällig ein Testament und ein ominöses Anweisungsschreiben enthält? Wer sollte das lesen, wenn die Tasche mit an Bord gekommen wäre? Wenn es gefunden und gelesen werden sollte, warum wurde die Tasche dann aufgegeben und nicht einfach am Flughafen stehen gelassen? Wenn das gefundene Schreiben Anweisungen für die letzten Minuten enthielt, warum war es nicht im Handgepäck? Warum enthält es einerseits merkwürdig un-islamische Ausdrücke wie ‘optimistisch’ oder ‘100 %’ - und zitiert andererseits die kompletten Zeilen des Morgengebets, das jedes Muslimkind auswendig kann? Wie konnte zuerst den Geheimdiensten und dann der Flugsicherung diese Aktion völlig verborgen bleiben? Wie kommt es, dass von den acht Flugschreibern der verunglückten Maschinen sieben verschwunden beziehungsweise unauswertbar sind?
Wer als Sherlock Holmes auf diese kriminalistisch selbstverständlichen Fragen anhand von CNN und Tagespresse Antworten suchte, kam nicht weit - nicht einmal die Fragen wurden gestellt, geschweige denn man sucht nach Lösungen. Anders im Internet, wo sich verschiedene Websites schon kurz nach den Anschlägen nichts anderem mehr widmeten, als die Hintergründe dieser Merkwürdigkeiten aufzuhellen, zum Beispiel ‘Exposing the 9-11 Lies’ und ‘PsyopNews’.
Auch die englischsprachigen Online-Ausgaben arabischer, indischer und anderer internationaler Zeitungen - die dank des Internet frühstücksaktuell zur Verfügung stehen - bieten Informationen über das Geschehen, die im medialen Einheitsbrei des Westens fehlten. Dass beispielsweise die Absetzung des pakistanischen Geheimdienstchefs Anfang Oktober deshalb erfolgte, weil in seinem Auftrag 100 000 $ an den ‘Terrorpiloten’ Atta überwiesen worden sein sollen, war nur in der ‘Times of India’ zu finden und ging dann als undementierte Kurzmeldung im ‘Wall Street Journal’ unter. Dass einer der Hauptverbündeten als Finanzier der Terroristen verdächtig ist, passte offensichtlich nicht recht ins Bild der Bin-Laden-Verschwörungstheorie. So wenig wie der Beitrag von Professor Michel Chossudovsky, der im Centre for Research on Globalisation am 12. September über die ‘Kreation’ von Osama Bin Laden durch westliche Geheimdienste berichtete - und über die geschäftlichen Hintergründe, sowohl was Verbindungen seines Clans mit der Familie des amtierenden Präsidenten Bush, als auch was die Drogengeschäfte in der Region betrifft.
Die Bürgerrechtler von ‘public-i-org’ werfen kritische Blicke auf das hintergründige Ölgeschäft (http://www.public-i.org/story_01_080200.htm) und die Tatsache, dass Vize-Präsident Cheney bis Dezember 2000 Chef des Halliburton-Konzerns war, der eine Pipeline durch Afghanistan bauen will. Beim Stichwort Cheney/Halliburton hakt auch der ehemalige Drogenfahnder Michael C. Ruppert ein, der Ende der 70er-Jahre zufällig eine verdeckte CIA-Operation - den Schmuggel von Drogen und Waffen - observierte. Als er auf einer polizeilichen Untersuchung des Falls bestand, verlor er seinen Job - und ist seitdem als unbestechlicher, patriotischer Sheriff den Drogengeschäften und verdeckten illegalen Operationen der CIA auf der Spur. Für ihn ist ausgemachte Sache, dass ein solcher Terroranschlag ohne Wissen der Geheimdienste nicht organisiert werden kann - und die Belege die er dafür anführt, sind, verglichen mit der spekulativen Beweislage in Sachen Bin Laden, durchaus plausibel.
‘All Conspiracy. No Theorie.’ lautet das Motto der Verschwörungsexperten von Steamshovelpress, wobei die Dampfbagger bisweilen aber schon mal übers Ziel hinausschaufeln - die ‘Secrets of the Bush-Family’ und ihre Geschäftsverbindungen mit einigen Top-Nazis in den 30er-Jahren haben es dennoch in sich.
Vollends bunt - von Kennedy bis Aliens - wird es unter www.conspire.com, wo man durch die 60 größten Verschwörungstheorien aller Zeiten browsen kann. Hier nähert sich das Thema der konspirativen Infotainment-Beliebigkeit von ‘Akte X’ und jenen paranoiden Traumtänzern, die dem Internet den schlechten Ruf als ins Kraut schießender Gerüchteküche eingebracht haben. Im Nebel des Krieges aber, in Zeiten der Nachrichtensperre, Propaganda und der psychologischen Kriegsführung stellt es auch eine unverzichtbare Informationsquelle für alle dar, die sich ein unabhängiges Bild machen wollen. Sicher scheint: In diesen Zeiten Verschwörungen nicht in das kritische Nachdenken einzubeziehen wäre genauso naiv, wie alles einer großen Verschwörung zuzuschreiben.
Dieser Text ist der Zeitschriften-Ausgabe 12/2001 von iX entnommen.
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