
Alle Dokumente, die im World Wide Web zu sehen sein sollen, müssen in der Hypertext Markup Language (HTML) geschrieben oder in sie konvertiert sein. Hilfe bieten bei der Erstellung solcher Web Pages eine Reihe von Editoren, die mehr oder weniger komfortables Arbeiten möglich machen: es muß ja nicht der vi sein.
Für einen Autor, der mit modernen Textverarbeitungen oder Publishing-Programmen gearbeitet hat, ist die Verwendung von Markup Tags sicher ein Problem. Der Wunsch nach einer Darstellung in der späteren Form schon beim Schreiben des Textes ist verständlich. Als SGML-Dokumenttyp ist auch HTML auf die Spezifikation der Dokumentstruktur beschränkt. Die Festlegung des Layouts ist in SGML nicht möglich [1]. Das Prinzip 'What you see is what you get' (WYSIWYG) im strengen Sinne verbietet sich deshalb genaugenommen für HTML-Editoren. Jeder Web-Browser besitzt gewisse Freiheiten bei der Darstellung eines Textes. Allerdings haben sich im Laufe der Zeit einige Konventionen ergeben, an die sich die meisten WWW-Klienten halten. Etwa hervorgehobener Text (<em> ... </em>) erscheint in der Regel kursiv. Die Überschriften präsentieren sich gemäß ihrer Verschachtelungstiefe in abnehmender Schriftgrö ße.
Der Verwendung solcher - zum Teil sehr intuitiver - Konventionen schon bei der Texterstellung steht nichts im Wege. Der Benutzer muß sich nur bewußt sein, daß das, was er sieht, nur eine mögliche Darstellungsform ist. Ob Versuche sinnvoll sind, diese Tatsache durch geeignete Begriffswahl, wie etwa 'quasi- WYSIWYG', hervorzuheben, sei dahingestellt. Der Einfachheit halber soll im folgenden der nicht ganz adäquate Begriff WYSIWYG weiter benutzt werden.
Neben der Darstellung am Bildschirm ist die Erzeugung von syntaktisch korrektem HTML-Code der zweite wichtige Punkt. Die nachträgliche Überprüfung eines Textes mit einem Parser ist für eine zügige Arbeit nicht ausreichend. Schon bei der Eingabe soll der Editor den Benutzer durch die Struktur führen und eine Regelverletzung gar nicht erst zulassen. Diese Forderung zu gewährleisten ist auf mehrere Arten mö glich.
Entweder hat das Programm die HTML-Regeln fest eingebaut, oder es kann einen beliebigen Regelsatz (Dokumenttyp-Definition DTD) laden. Die zweite Lösung ist flexibler und mit Blick auf die Weiterentwicklung von HTML auch zukunftssicher. Ein Programm, das diese Eigenschaft (weitgehend) besitzt und zudem kostenlos erhältlich ist, ist der Emacs mit der Erweiterung PSGML (siehe [2]). Zwar bietet diese Kombination kein WYSIWYG, definiert aber einen Standard, den andere Programme erst erreichen müssen.
Fest eingebaute Regeln haben einen Vorteil. Textelemente, die eine bestimmte Darstellung implizieren, kann das Programm korrekt anzeigen. Zum Beispiel ist das Aussehen einer Tabelle nicht aus der DTD ersichtlich. 'Weiß' der Editor nicht, daß es sich um eine Tabelle handelt, so ist es für ihn nur irgendein Element unter vielen. Implementiert der Programmierer aber eine bestimmte HTML-Version, so kann er dafür sorgen, daß das Programm jedes Element schon bei der Eingabe geeignet darstellt, also das Tabellenelement als Tabelle, eine geordnete Liste mit fortlaufenden Ziffern und so weiter. Eine DTD enthält diese Layout-Informationen nicht. Ein Editor, der nur die DTD kennt, hat keine Chance, ein Element so zu prä sentieren, wie es ein Benutzer erwartet.
Als dritter und letzter Punkt der 'Vorrede' sei eine Besonderheit von HTML betont. Die Hypertext Markup Language unterscheidet sich von beliebigen SGML-Dokumenttypen durch die Möglichkeit, Dokumente über Hyperlinks zu verknüpfen. Ein Editor sollte dieses Feature anwenderfreundlich unterstützen. Formal handelt es sich dabei um die Eingabe eines Attributes für das Anchor- Element.
Neben den drei genannten zentralen Eigenschaften lassen sich noch beliebig viele weitere finden. Wichtig sind sicher auch die üblichen Funktionen wie Suchen und Ersetzen von Textstellen. Ob ein HTML-Editor die Leistung bringt, die ein Umsteigen von einem vertrauten Programm rechtfertigt, mag der Leser im folgenden selbst entscheiden. Zwei Tabellen am Ende des Artikel fassen die Eigenschaften und die Stellen, an denen Interessierte am leichtesten Informationen beziehen können, zusammen.
Schon ein erster Blick zeigt, daß die Editoren sehr unterschiedliche Fähigkeiten besitzen. Als roter Faden durch diesen Artikel sollen die wichtigen Eigenschaften 'WYSIWYG' und die Erzeugung korrekten HTML-Codes dienen. Am Ende dieses 'Weges' werden die Programme stehen, die beides beherrschen. Um die Lesefreude stetig zu steigern, bilden die einfachen Vertreter ihrer Klasse den Anfang. Die dazwischen liegenden Editoren sollten wenigstens einen Teil der verlangten Funktionen besitzen. Eine aufsteigende Rangfolge zu finden ist aber nicht leicht. Einige der Testkandidaten beherrschen eine Eigenschaft gut, während andere Features fehlen.
Unter den einfachen HTML-Editoren findet sich eine große Auswahl auf allen Architekturen. Ob es sich dabei um 'A Simple HTML Editor' (ASHE) unter Unix, die unzähligen Hypercard- Applikationen auf dem Macintosh oder um den HTMLed oder HTML Assistant unter Windows handelt, ist nicht von Bedeutung. Ihre 'besondere Funktion' besteht darin, dem Benutzer auf Mausklick Start- und End-Tag für das gewünschte Element in das Dokument einzufügen. Daß der Cursor danach zwischen den Tags steht, damit man sofort Text eintippen kann, ist ein Luxus, der über die Vorstellungskraft der meisten Programmierer hinausgeht.
Von WYSIWYG oder der Erzeugung von korrektem HTML-Code kann man da nur träumen. Jon Wiederspan, der Autor des 'Macintosh WWW Guide' [3], hat über den Schöpfer eines solchen Programms gesagt: 'I hope he had fun writing it.' Dem ist nichts hinzuzufü gen. Einen Schock der immensen Leistungssteigerung wegen lösen auch die folgenden Programme nicht aus. Sie sind es aber wenigstens wert, daß man sie erwähnt.
HTML.edit von Murray Altheim läuft auf dem Macintosh. Dieses Programm bietet weder WYSIWYG, noch verhindert es die Erstellung beliebiger HTML-Konstrukte. Jedoch besitzt HTML.edit eine, allerdings rudimentäre, Verwaltung mehrerer Dokumente. Der Benutzer kann eine Menge von Dateien editieren und bequem Links zwischen den Texten setzen. Innerhalb des Programms stehen die einzelnen Dokumente in einer sequentiellen Reihenfolge.
Mit Navigationsbuttons kann man den gewünschten Text erreichen. Eine grafische Darstellung der Hyperstruktur fehlt leider. Auch kann die Editorkomponente nicht recht überzeugen. Die Funktionen beschränken sich auf das Einfügen von Tags, dies aber bequem über Menüs gesteuert und mit einer guten Hilfefunktion versehen. Der Funktionsumfang deckt HTML 2.0 ab, einschließ lich der Formulare. Wenn der Benutzer über HTML-Kenntnisse verfügt und auf WYSIWYG verzichten kann, ist HTML.edit einen zweiten Blick wert.
Auf dem auf Unix-Rechnern beliebten Widgetset Tk basiert der Editor tkHTML von Liem Bahneman. Auch dieses Programm läßt den Benutzer bei der Erstellung seiner Texte weitgehend allein. Lediglich das Eintippen der Tags (einschließlich Netscape-Erweiterungen und Formularen) erfolgt nach Auswahl aus dem Menü automatisch. Der einzige nennenswerte Unterschied zu den vorhergehenden Programmen ist die Preview-Funktion, die auf Knopfdruck eine formatierte Ansicht des Textes liefert.
Unter den Editoren ohne WYSIWYG nimmt 'asWedit' von Andrzej Stochniol eine besondere Position ein. Als erstes Programm hat asWedit HTML in den Versionen 2.0 und 3.0 implementiert. Der Benutzer kann zwischen beiden DTDs umschalten, und der Editor überwacht die Einhaltung der jeweiligen Regeln. Die Eingabe von Elementen erfolgt wie bei anderen Editoren auch. Wichtige Funktionen sind über eine Buttonleiste zu erreichen, für selten verwendete Elemente muß der Benutzer die Pulldown-Menüs verwenden. Im 3.0-Modus findet er darin alle Features des aktuellen DTD-Entwurfs und nicht nur - wie bei anderen Programmen - einen Teil, etwa die Tabellen.
Komplizierte Ausdrücke einzugeben, wie zum Beispiel mathematische Formeln, ist allerdings unpraktikabel. Jedes Element ist in mehrfach verschachtelten Menüs enthalten. Das Zusammensetzen auch kleiner Formeln stellt eine harte Geduldsprobe dar. LaTeX-fähige Anwender werden sich nach direkter Eingabe über die Tastatur sehnen. Dies ist mit asWedit nur durch Ausschalten des HTML-Modus möglich. Der Preis dafür ist der Verlust der automatischen Überprüfung des HTML-Codes. asWedit verwandelt sich dann in einen normalen ASCII-Editor.
Dennoch schneidet asWedit im Vergleich gut ab. Die Kritik an der unhandlichen Eingabe von Formeln sollte nicht als Kritik an diesem Editor an sich verstanden werden. Es handelt sich dabei schließlich um eine Funktion, die andere Programme gar nicht bieten.
Der Grund dafür, daß asWedit an dieser frühen Stelle steht, liegt darin, daß alle folgenden Editoren bei der Bildschirmdarstellung etwas WYSIWYG-Ähnliches bieten.
Den Anfang innerhalb der WYSIWYG-Gruppe macht ein Programm für den Macintosh, der 'HTML Editor' von Rick Giles. Seit Augustz94 ist die Version 1.0 unverändert verfügbar. Aber schon diese erste Release bietet eine angenehme Art der Textdarstellung. Der Inhalt des Dokumentes erscheint entsprechend dem Markup in einer passenden Schriftart, etwa in fetter oder kursiver Schrift.
Umgebende Tags sind dennoch sichtbar, allerdings farblich abgehoben, in leichtem Grau. Damit nutzt der Autor den Aspekt der Farbe, den die (noch) farblosen WWW-Dokumente nicht verwenden. Der Betrachter erhält eine visuelle Unterstützung, um zwischen Inhalt und Markup zu unterscheiden. Auf Wunsch kann man den Text auch ohne HTML-Code betrachten. Änderungen sind in diesem Modus nicht erlaubt. Das Einfügen der Tags erfolgt nach Auswahl aus einem Menü oder mit Hilfe einem der Buttons, die für die wichtigsten Elemente vorhanden sind. Welche Tags an welchen Stellen erlaubt sind, muß der Benutzer selbst überwachen, das Programm hilft dabei nicht. Auch ist die Auswahl der Elemente nicht ganz vollständig. Formulare sucht man im Menü vergebens. Eingegebene Umlaute wandelt HTMLzEditor in die Entity-Notation um. Das Einrichten eines Hyperlinks kann durch Eingabe des URLs oder Zusammensetzen der Komponenten (Protokoll, Rechner, Pfad) geschehen.
Völlig Tag-frei versuchen es Nick Williams und Tim Wilkinson mit dem 'HTMLText'. Dieses X11-Programm basiert auf dem Andrew Toolkit (ATK) und dem Ez-Editor. Neben der WYSIWYG- Ansicht bekommt der Benutzer keine weitere Darstellung geboten, was nicht ganz unproblematisch ist. Es existiert in der Regel keine (in beiden Richtungen) eindeutige Zuordnung zwischen den Elementen und deren Aussehen am Bildschirm. Dem dargestellten Text ist in einigen Fällen nicht anzusehen, mit welchen Tags er markiert ist. Die meisten WWW-Klienten bilden mehrere Elemente auf eine Darstellungsform ab. Ein Beispiel sind 'Emphasize' <em>, 'Italic' <i>, 'Variable' <var> und 'Citation' <cite>. Einige Browser stellen alle diese Elemente kursiv dar.
Diese Konvention übernimmt auch HTMLText. Der Verfasser kann bei der Arbeit nicht feststellen, ob ein kursiver Text besonders wichtig (em) oder ein Zitat (cite) ist oder einfach im Schrägdruck (i) nur besonders nett aussieht. Dies mag von einigen Autoren als Schönheitsfehler angesehen werden, das folgende Problem ist jedoch tatsächlich störend. Durch die fehlenden Tags ist es nicht möglich, die Cursorposition exakt zu bestimmen. Steht der Cursor hinter einer fetten Textstelle, so ist nicht erkennbar, ob es sich um eine Position innerhalb oder außerhalb des Elementes handelt. Was passiert bei der Eingabe weiterer Zeichen: erscheinen sie fett oder in normaler Schrift? Zur Lösung des Problems bietet HTMLText keine weiteren Anzeigen, nur ausprobieren hilft weiter.
Auch der Unix-Editor Phoenix der Universität von Chicago hat die Folgen der Tag-freien Darstellung zu tragen. Was ihn von HTMLText unterscheidet, ist die integrierte Browser- Komponente. Phoenix ist ein Nachfolger von tkWWW, der auch schon als Browser und Editor diente. Eine Schwäche von tkWWW war die fehlende Trennung zwischen Browse- und Edit-Modus. Nachfolger Phoenix bietet dem Benutzer an, zwischen beiden Modi umzuschalten. Beim Editieren von Links kann es deshalb nicht mehr vorkommen, daß man durch einen Mausklick versehentlich einem Link folgt. Das Testen der Verweise ist aber durch Wechsel in den Browse-Modus unmittelbar möglich.
Ein Dokument zu editieren läuft nach dem üblichen Schema ab: Schreiben des Textes, Markieren mit der Maus und Auswä hlen eines HTML-Elementes aus dem Menü. Abschreckend ist die geringe Geschwindigkeit, sowohl im Edit- als auch im Browse-Modus. Des weiteren beglückt Phoenix den Benutzer hin und wieder mit einigen Fehlermeldungen des zugrundeliegenden Tcl-Interpreters. Meist ist ein Weiterarbeiten möglich, doch zeigt sich hier, warum Phoenix erst die Versionsnummer 0.1.7 vorweisen kann. Für den praktischen Einsatz darf der Editor gern noch ein paar Nummern zulegen.
Schon der genannte tkHTML hatte eine Preview-Funktion. Der Benutzer mußte aber eine Aktualisierung der formatierten Ansicht manuell aktivieren. Anders beim Macintosh-Editor 'HTML Pro' von Niklas Frykholm. Dieses Programm arbeitet mit zwei Fenstern, eines stellt den Source dar, das andere bietet WYSIWYG.
Tags lassen sich über sehr übersichtliche Menüs oder, wie üblich, über Shortcuts eingeben. Umlaute, die auf der Tastatur zu finden sind, kann der Verfasser direkt eingeben. Interaktive Seiten mit dem FORM-Tag (im folgenden 'Formulare' genannt) kennt das Programm noch nicht. HTML Pro bietet damit ein Minumum der Editorfunktionen, weniger sollte kein HTML-Editor liefern. Den Wunsch nach WYSIWYG befriedigt das Programm auf eine leicht durchschaubare Weise mit einer unkomplizierten Benutzerschnittstelle.
Auf den ersten Blick nicht ganz so leicht zu durchschauen sind die Anzeigen des 'Webtor'. Das Programm, das in der Version '0.91 prealpha 2' für den Macintosh vorliegt, wurde von Jochen Schales geschrieben. Neben dem Hauptfenster, das eine WYSIWYG-Ansicht liefert, zeigen zwei weitere die Struktur des Dokumentes und den Kontext, in dem sich der Cursor gerade befindet. Die Umsetzung dieser an sich guten Idee kann aber nicht ganz überzeugen. Vielleicht ist dies eine Folge der nicht sichtbaren Tags.
Bei der Eingabe achtet Webtor auf die korrekte Verwendung des Markup. Allerdings kann es, wie etwa bei 'HTMLText', schwierig sein, die Cursorposition exakt zu erkennen. Die Folge ist ein HTML-Code, der zwar formal der DTD entspricht, aber unter Umständen auch überflüssige Tags enthält oder nicht die Intention des Verfassers widerspiegelt. Bei den Tests sind zum Teil leere Elemente, etwa <em></em>, oder unbeabsichtigte Verschachtelungen entstanden.
Ein Beispiel für letzteres ist folgende Situation. Gewünscht war Fettdruck gefolgt von kursiver Schrift. Die HTML-Ausgabe zeigte dann eine Verschachtelung der Form ... Die WYSIWYG-Darstellung zeigte den Text, wie er gewü nscht war. Ein differenzierteres Rendering könnte den in . eingeschlossenen Teil kursiv und fett darstellen, im Gegensatz zur Absicht des Benutzers. Wenn man diese Kinderkrankheiten dem Status (Prerelease) zuschreibt, bleibt ein Programm, das auf die Vollversion neugierig macht.
Unter NextStep hatte die mittlerweile nicht mehr existente Firma Pages aus ihrer Highend-Textverarbeitung gleichen Namens einen WWW-Editor entstehen lassen: WebPages. Mittlerweile im Besitz von IT Solutions (Chicago, IL), bietet das Produkt vollständiges WYSIWYG, allerdings ohne die Möglichkeit, sich den Quellcode anzeigen zu lassen.
Wer normale HTML-Editoren kennt, muß sich erst umgewöhnen. WebPages arbeitet mit sogenannten Design Models, die bestimmte Voreinstellungen bewirken beziehungsweise ein Design bestimmen. Die Arbeit ist ähnlich der mit einer komplexen Textverarbeitung, nur eben auf WWW-Seiten bezogen: schreiben, markieren, formatieren. Bildmaterial kommt per Dragz&zDrop und Dateiauswahl ins Dokument. Inline (in Strukturen wie Definition Lists) lä ßt sich allerdings derzeit nichts einfügen.
Einen integrierten Browser hat WebPages nicht, da müssen HTML-Seitenschreiber etwa zu OmniWeb greifen. Der wiederum kann auch den Source im Systemeditor anzeigen, was nicht heißt, daß die eigentliche HTML-Datei (index.html) jederzeit nacheditierbar ist. Vielmehr wird jede Änderung bei der nächsten Sicherung der WebPages-Datei überschrieben. Gut, daß die (bei Next eigenwilligen) Umlaute gleich nach HTML gewandelt werden: so kann jeder Viewer sie darstellen. Nur wer die HTML-Umlaute eingibt, läuft ins Leere: das Ergebnis ist eine direkte Kodierung des '&' als & - plus des buchstäblichen Restes.
Per Einstellung in den Next-spezifischen Preferences kann WebPages sowohl mit absoluten als auch mit relativen Hypertext- Links umgehen. Tabellen, wie sie das Werkzeug im Menü suggeriert, sind keine Vorwegnahme von HTMLz3.0, sondern 'enden' in HTML als mit <pre>...</pre> formatierter Text. Interaktive Seiten mit dem
<FORM>-Tag beherrscht WebPages nicht. Dafü r beinhaltet das Tool Möglichkeiten von Sonderzeichen, die über besondere Schriftarten (Typefaces) wählbar sind - leider zeigt kein Viewer sie an.
WebPages verfügt über gute Ansätze, aber ITS wird erst noch einen reinen HTML-Editor daraus machen müssen - der HTMLz 2.0 oder spätere Versionen unterstützt.
Mit großem Werbeaufwand versucht SiliconGraphics, sein ' WebFORCE'-Paket an den vernetzten Mann und die verkabelte Frau zu bringen. Neben dem Netsite HTTP-Server und dem Netscape- Browser enthält das Bündel auch noch den Editor 'WebMagic'.
Nach dem Starten kommt das Programm - im Vergleich zur Werbung - eher unscheinbar daher. Die intuitive, leicht bedienbare WYSIWYG-Oberfläche macht die Online-Dokumentation für den inzwischen HTML-Editor-geprüften Tester unnötig. Zwei Auswahlfelder geben dem Benutzer Zugriff auf die Strukturelemente (Überschriften, Listen et cetera) und die Umschaltungen im Fließtext (hervorgehoben, fett .). Weitere Funktionen, etwa Hyperlinks und Verschachteln von Listen, sind über Buttons zu erreichen. Ein Goodie: Grafikeinbindung mittels 'Reinziehen und Fallenlassen' ( Dragz&zDrop) ersetzt das Auswählen aus einer Dateiauswahl.
Nach wenigen Minuten hat man mit diesen einfachen Funktionen problemlos seinen ersten Text erstellt. Auf der Suche nach den anspruchsvollen Dingen, wie Formularen oder den neuerdings beliebten Tabellen, stellt der Benutzer fest, daß er WebMagic bereits ausgereizt hat. Wer von dem 'Authoring System' der Grafikexperten verschiedene Ansichten (Source, Struktur und so weiter) auf seine Texte oder gar eine ansprechende Darstellung der Vernetzung mehrerer Dokumente erhofft hat, sieht sich enttäuscht.
Was bleibt, ist ein bedienerfreundliches Programm mit Leistungen eines Public-Domain-Editors. Der Eindruck, daß WebMagic von Marketingstrategen statt Programmierern aus der Taufe gehoben wurde, drängt sich auf. Leider hatte Netscape Communications keinen Editor, den man in Lizenz hätte übernehmen können.
Mit einer Benutzerschnittstelle, die eher an ein Publishing- Programm als an einen HTML-Editor erinnert, beeindruckt 'Arachnid' auf dem Macintosh. Der Editor von Robert Burney behandelt die Strukturelemente einer HTML-Seite als einzelne Objekte. Die Reihenfolge und Position der Objekte läßt sich mit der Maus frei bestimmen. Der Leser wird sich nun vielleicht verblüfft die Augen reiben, denn diese Art der Layout-Bestimmung geht über die Möglichkeiten von HTML weit hinaus. Und tatsä chlich ist diese positive Aussage oben zu relativieren. Zwar kann der Benutzer die Elemente frei positionieren, aber die endgültige Stelle bestimmt Arachnid so, wie ein Web-Browser dies auch macht.
Um das WYSIWYG-Prinzip so weit wie möglich auszunutzen, hat der Programmautor auch die Netscape-Tags eingebaut. Die Verwendung dieser nicht-allgemeingültigen Elemente hat zu kontroversen Diskussionen geführt. Robert Burney geht noch einen Schritt weiter, indem er die Markierungen für die 'logical styles' einfach wegläßt. Emphasize, Strong oder Citation sucht der Benutzer vergebens, lediglich Bold, Italic und Underline sind im Menü zu finden. Die Definition von Formularen (s.zo.) und das Einfügen von Hyperlinks ü berzeugen - wie der gesamte Editor - durch bequeme Bedienung. Die Verwaltung von Dokumentteilen entspricht der von HTML. edit. Unter allen getesteten Programmen ist das Verlinken einzelner Teile mit Arachnid am einfachsten. Selbst die Referenzierung auf Textausschnitte ist mit der Maus möglich. Von der Syntax der Form ./datei#position merkt der Benutzer nichts.
Im Speicherbedarf ist das Programm recht anspruchsvoll. Mindestens 4zMByte freien Speicher sollte der Rechner schon haben. Auf einem Mac II mit 5zMByte RAM war nichts zu machen. Ein Power Mac mit 16 MByte sorgte für die richtige Umgebung, um bequem zu arbeiten.
Der erzeugte HTML-Code trübt den positiven Gesamteindruck. Die Ausgabe ist nicht konform zu einer der aktuellen DTDs. Dies ist etwas überraschend, da Arachnid bei der Dokumenterstellung durchaus darauf achtet, daß die Benutzeraktionen den durch HTML gesteckten Rahmen nicht verlassen. Da sich der Editor noch in der Weiterentwicklung befindet, bleibt zu hoffen, daß das Programm in Zukunft eine saubere HTML-Ausgabe liefert. Vielleicht denkt der Autor auch noch mal über die fehlenden Tags nach.
Eine interessante Strukturdarstellung bietet ein WYSIWYG- Editor für Windows, der Editor 'Live Markup' von MediaTech. Am linken Rand des Fensters symbolisieren vertikale Balken die HTML-Elemente, die das Dokument strukturieren, wie etwa Überschriften, Absätze und Listen. Der laufende Text erscheint in WYSIWYG-Darstellung ohne Tags, mit der schon genannten Mehrdeutigkeit der Schriftarten.
Die Bedienung ist nach einer kurzen Eingewöhnungszeit leicht und flüssig. Eine Buttonleiste macht die Strukturelemente schnell zugänglich. Elemente für den Fließtext präsentiert ein Popup-Menü auf Mausklick. Benutzer müssen also die Maus nicht von der markierten Textstelle wegbewegen, um einen Punkt aus einem Pulldown-Menü auswählen. Diese Art der Bedienung macht den Unterschied zwischen Strukturelementen (Button) und Textelementen (Popup) erfahrbar. Nebenbei verhindert die Benutzerschnittstelle auch noch fehlerhaften HTML-Code.
Formulare lassen sich mit Live Markup leider nicht erzeugen. Dies ist erst mit der (nicht getesteten) Pro-Version möglich, die auch Unterstützung für Tabellen (HTML 3.0) bietet. Ob der Support der Netscape-Tags, die durch keine DTD der WWW- Organization (W3O) abgedeckt sind, ein Kriterium für ein 'Pro'gramm sind, mag der Leser selbst entscheiden.
Als einer der ersten Web-Editoren (für Unix und Windows), der eine SGML-konforme Ausgabe erzeugt, erschien Mittez 94 das Programm HoTMetaL. Die Firma SoftQuad ist bereits seit einigen Jahren im Bereich SGML tätig und war deshalb früh in der Lage, dieses Feature zu implementieren. HoTMetaL basiert auf dem Author/Editor, einem SGML-Programm. Auf Grund seines fortgeschrittenen Alters unterstützt der SoftQuad-Editor nur einen minimalen HTML-Umfang, Formulare fehlen. Erst die kommerzielle 'Pro'-Version behebt diesen Mangel und bietet auch einen Tabelleneditor. Zwar gibt es auch eine neuere PD-Version, die HTML-2 unterstützt, aber auf den von SoftQuad genannten FTP-Servern war nur das Windows- Programm zu finden.
Bei der Arbeit führt das Programm den Benutzer sicher und verhindert falsche Eingaben. Zu jedem Zeitpunkt lassen sich nur die erlaubten Elemente eingeben, die HoTMetaL dem Autor in einem eigenen Fenster anbietet. Die gleiche Behandlung erfahren die Attribute, wie href für das Anchor-Element oder src für eine Grafik. Fürs Editieren öffnet sich ein neues Fenster, das alle möglichen Attribute des aktuellen Elementes zeigt. Für Attribute, die einen festen Wertebereich besitzen, ist eine Auswahlliste vorhanden. Eine Eingabe über die Tastatur ist nur bei einem frei-belegbaren Attribut nötig, wenn es zum Beispiel um die Eingabe eines URLs geht.
HoTMetaL verzichtet nicht auf die Darstellung der Tags, verwendet aber spezielle Symbole, wodurch der Dokumentinhalt leicht vom HTML-Code zu unterscheiden ist. Der Text selbst erscheint in einer WYSIWYG-ähnlichen Form. Für jedes Element ist eine bestimmte Schriftart festgelegt, die der Benutzer beliebig ändern kann. Neben der Änderung des Zeichensatzes gibt es noch die Möglichkeit der Einrückung. Markierungen von Listenpunkten sind nicht vorhanden. Sie fehlen auch im Preview-Modus, der auf Mausklick die HTML-Symbole entfernt.
Den Überblick über seinen Text zu verlieren ist mit HoTMetaL nicht leicht. Die SGML-Abstammung sieht man dem Programm bei den verschiedenen Ansichten auf das Dokument an. Das Kontextfenster zeigt die Verschachtelung der Elemente, die bei der aktuellen Cursorposition endet. Eine zweite Darstellung, genannt 'Outline', stellt die Struktur des Dokumentes insgesamt dar. Der Benutzer kann hier Elemente durch einen Mausklick 'zusammenfalten', so daß nur noch ein Tag sichtbar ist, während der gesamte Inhalt verschwindet. Es ist dadurch sehr leicht, den Aufbau eines Textes in seiner Gesamtheit zu erfassen. Auch wenn diese Eigenschaft bei komplexen SGML- Dokumenttypen sicher wichtiger ist, möchte man sie auch bei HTML-Texten nach kurzer Zeit nicht mehr missen.
Aber auch an anderen Stellen überzeugt der Editor durch Leistungen, die bei SGML-Programmen zum Standard gehören. Kopieren und Einfügen auf Elementbasis, mit Einhaltung der HTML-Regeln, ist ebenso selbstverständlich wie das Suchen und Ersetzen von regulären Ausdrücken innerhalb von gewü nschten Elementen. Nach diesen für HTML-Editoren ungewohnten Funktionen ist die Eingabe sämtlicher im SGML-Standard definierten Sonderzeichen (Entities) obligatorisch.
Wer sich mit dem Gedanken trägt, einen kommerziellen Editor anzuschaffen oder später auf SGML umsteigen möchte, sollte sich die kostenlose HoTMetaL-Version ansehen. Den heutigen Ansprüchen genügt dieses Programm aufgrund der fehlenden HTML-2.0-Untersützung leider nicht mehr (gilt nur für die Sun-Version, nicht für Windows). Dies ist wegen der ansonsten hervorragenden Leistungen bedauerlich. Die erweiterten Funktionen der Pro-Version, zu denen auch Grafikdarstellung, Rechtschreibprü fung und Thesaurus zählen, machen HoTMetaL Pro zu einem der besten HTML-Editoren.
Mit der französischen GRIF entwickelt eine weitere Firma mit SGML-Erfahrung zur Zeit ebenfalls einen HTML-Editor. GRIF ist ein Spin-Off des Forschungsinstituts INRIA, das wesentlich an der W3O beteiligt ist. Das Ergebnis dieser Zusammenarbeit ist das Programm 'Symposia', das zur Zeit in der Testversion 0.8 für Beta-Tester verfügbar ist. Eine weitere Release soll Anfang August erscheinen. Auch wenn Symposia momentan noch unter einigen Bugs zu leiden hat, ist die Leistungsfähigkeit abzusehen.
Neben der Editorkomponente kann das Programm auch mit einem integrierten Browser aufwarten. Ein bislang einzigartiges Feature ist die Fähigkeit, Dokumente zu editieren, die nicht lokal vorhanden sind, sondern auf einem WWW-Server liegen. Dies ist natürlich nur nach entsprechender Modifikation des Servers möglich. GRIF hat dazu die PUT-Methode für die CERN-Software implementiert. Der Benutzer muß sich über den bekannten Autorisierungsmechanismus mit User-ID und Paßwort ausweisen, bevor er ein Dokument ändern darf. Genaueres ist dem GRIF-WWW-Server zu entnehmen (siehe 'Bezugsquellen').
Fürs Editieren erhält der Benutzer eine ansprechende WYSIWYG- Darstellung. Wer den Blick auf den HTML-Code nicht entbehren möchte, wird den Source-View begrüßen, der in einem zweiten Fenster die HTML-Elemente entsprechend ihrer Verschachtelungstiefe eingerückt zeigt. Eingeben von Text ist wahlfrei in einem der beiden Fenster möglich. Der etwas verzögerte Abgleich beider Darstellungen kann noch dem Teststatus des Programms zugeschrieben werden.
In den Funktionen ist Symposia mit HoTMetaL vergleichbar. Der Editor gibt dem Benutzer eine kontextsensitive Auswahl der erlaubten Tags, fehlerhafte Eingabe ist dadurch gar nicht möglich. Ebenso komfortabel lassen sich die Attribute bestimmen.
Tabellen und Inline-Grafiken bietet schon der 'kleine' Symposia- Editor, während das SoftQuad-Produkt dieses Features erst in der Pro-Version kennt. Eine kommerzielle Variante von Symposia mit weiteren Funktionen ist von GRIF angekündigt.
Stefan Mintert
beschäftigt sich am Fachbereich Informatik der Universitä t Dortmund mit TeX, World Wide Web und SGML.
Literatur
[1] Stefan Mintert; SGML-Grundlagen; Leise Revolution; Die Standard Generalized Markup Language; iX 7/95, S. 126
[2] Stefan Mintert; Frei verfügbare SGML-Tools; iX Sommer/ Herbst 1995
[3] Jon Wiederspan; Macintosh WWW Development Guide
[4] Daniel Connolly; HyperText Markup Language (HTML): Working and Background Materials
Für freundliche Unterstützung sei Ewald Ceranski von der Informatikrechner Betriebsgruppe sowie Ingmar Peter und Sven Schröter vom Lehrstuhl für Graphische Systeme gedankt.
Dieser Text ist der Zeitschriften-Ausgabe 08/1995 von iX entnommen.
Parallelprogrammierung - die Kunst der Multi-Core-Nutzung
Agile ALM - agile Praktiken im Application Lifecycle Management
Webentwicklung - Applikationen für mobile Clients
HTML5, CSS3, WebGL: Das iX-Sonderheft zum Thema Webdesign fasst die wichtigsten Neuerungen der aktuellen und kommenden Webstandards zusammen.