
Unix-Nutzer schrieben schon zu Zeiten EMail, als in Redmont noch niemand wußte, was das ist. Traditionell kamen dabei (und kommen auch heute noch) kommandozeilenorientierte Mail User Agents (MUAs) zum Einsatz: reichlich unkomfortabel, dafür aber gut in Skripten zu verwenden wie mail oder mit spartanischer, aber - nach gewisser Eingewöhnungszeit - ungemein praktischer zeilenorientierten Benutzeroberfläche wie elm. Allen gemeinsam ist, daß sie genau das tun, was sie versprechen (mehr braucht man in der Regel auch nicht) und garantiert keine Ressourcen verschwenden.
Doch die Zeiten ändern sich. Mittlerweile findet auch das Unix-Lager Gefallen an GUIs, und mit dem Linux-Hype steht die mailwütige Benutzerin vor der Qual der Wahl: Soll sie es vielleicht doch bei Bedarf blitzen, blinken und glitzern lassen, auf daß selbst Windows-User, in deren Köpfen oft die Formel nicht bunt == benutzerunfreundlich herumspukt, neidisch werden können? Hätte sie lieber was praktisches Kleines für die Kommandozeile? Oder gibt sie sich mit einem ganz und gar nicht mehr Unix-typischen, zu einer Programmsuite gehörenden, integrierten Mailer zufrieden?
Um auf Linux neugierigen Windows-Nutzern den Vergleich zu erleichtern, haben wir zwei der dort gebräuchlichsten Mailprogramme in den Vergleich miteinbezogen. Die Wahl fiel dabei auf Eudora als eines der verbreitetsten kommerziellen EMail-Programme und Pegasus Mail, den wohl leistungsfähigsten Freeware-Vertreter. Microsofts Outlook fiel wegen seiner Unausgereiftheit (siehe [1]) aus dem Raster.
Grundsätzlich gilt es jedoch, bei Vergleichen zwischen den Unix- und Windows-EMail-Programmen Vorsicht walten zu lassen. Während Windows-Anwendungen alle Features integriert haben müssen, greift bei Linux das Prinzip des Werkzeugkastens. Externe Programme beziehungsweise Systemdienste realisieren fehlende Funktionen. Bietet ein Linux-MUA beispielsweise keine Möglichkeit, Abwesenheitsnotizen zu verschicken oder eingehende Nachrichten nach bestimmten Kriterien zu filtern, kommen für diese Zwecke externe Utilities wie vacation oder procmail zum Einsatz. Genausowenig tragisch ist es, wenn ein Linux-MUA POP und/oder IMAP nicht beherrscht - fetchmail als Spezialist dafür wird den entsprechenden Server wegen eingehender Post kontaktieren (siehe Quellen).
Daß ein Windows-Benutzer, der bisher nur Programme kannte, die alles auf einmal erschlagen, dieses Prinzip zunächst gewöhnungsbedürftig finden mag, ist einleuchtend - genauso wie die Unix-Handwerkerin so ihre anfänglichen Probleme hat, mit eierlegenden Wollmilchsäuen klar zu kommen. Der Test zeigt jedoch, daß niemand mehr wegen eines fehlenden All-in-one-Mailprogramms seine Unix-Ambitionen vertagen muß.
Nicht in den Test einbezogen haben wir Klassiker wie mail, elm oder mush: Sie haben (zu Recht) ihre Fan-Gemeinde, lassen mit ihrem etwas spartanischen Funktionsumfang und/oder Benutzer-Frontend heutzutage jedoch eine gewisse Erotik vermissen. Die Tabelle listet die jeweils getesteten Versionen - bei der rasanten Update-Geschwindigkeit, die Open-Source-Software oftmals eigen ist, ist es wahrscheinlich, daß schon mit Erscheinen dieser iX das eine oder andere Programm in einer erweiterten beziehungsweise verbesserten Version vorliegt. Bei Software, von der sowohl stabile Anwender- als auch Entwicklerversionen existieren, haben wir in der Regel nur die User-Version betrachtet, es sei denn, eine stabil laufende Entwicklerversion mit signifikanten Änderungen zum letzten Stable-Release hat - wie bei XFMail - eine derart lange Lebensdauer, daß sie definitiv zum Einsatz kommen sollte.
Den kompletten Artikel finden Sie in iX 3/99 ab Seite 70.
PATRICIA JUNG
ist als Lektorin für die Linux/Unix-Produktschiene beim Pearson-Education-Imprint Markt&Technik verantwortlich.
STEFANIE TEUFEL
schreibt Linuxbücher und ist Pressereferentin bei einem der größten deutschen Handelsunternehmen.
Literatur
[1] Woody Leonard, Lee Hudspeth & T. J. Lee; Outlook Annoyances; OReilly, Sebastopol; 1998
[2] Ralf U. Holighaus; Electronic Mail; Virtuelle Briefumschläge; Intranet-Messaging mit IMAP4; iX 7/97, S. 142 ff.
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Dieser Text ist der Zeitschriften-Ausgabe 02/1999 von iX entnommen.
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