Strandgut
Die ersten Tage und Wochen in der neuen Heimat auf Zeit sind die aufregendsten, aber auch die anstrengendsten. Viele Universitäten bieten spezielle Einführungswochen für Austauschstudenten an. Sehr häufig wird auch ein zusätzlicher Sprachkurs vor dem eigentlichen Vorlesungsbeginn abgehalten. Der Auslandsbeauftragte der RWTH Aachen, Tim Seipold, kann jedem nur empfehlen, diese Angebote wahrzunehmen. In den ersten Wochen knüpfen die Austauschstudenten ihre ersten Kontakte und tauschen Tipps über Einkaufsgelegenheiten und den Staffellauf durch die Behörden und Uniabteilungen aus. Alle sind in der gleichen Lage, und für jeden ist die Situation völlig neu und ungewohnt. Schnell lernt man sich kennen und schließt Freundschaften, die auch häufig über die gemeinsame Zeit in dem fremden Land hinausgehen.
Neben den jeweiligen Auslandsämtern haben sich auch häufig Studenten zusammengefunden und betreuen die Tauschies. Diese auch fachbereichsspezifischen Gruppen organisieren Feiern, Ausflüge und helfen den Neuen, sich schnell heimisch zu fühlen. Oft nehmen sich auch studentische Initiativen wie AEGEE (Association des Etats Généraux des Etudiants de l'Europe) oder ESN (Erasmus Student Network) der Neuankömmlinge an. Dabei konzentriert sich ESN vornehmlich auf den Erasmusaustausch. AEGEE will das gelebte Europa in allen Facetten praktizieren. Neben Aktivitäten für Austauschstudenten werden jährlich mehrwöchige Sommerprogramme in über 90 europäischen Städten organisiert. Wer sich nicht gleich für längere Zeit ins Ausland wagt, kann bei diesen Summeruniversities erst einmal erkunden, ob ein längerer Auslandsaufenthalt das Richtige ist.
Gleichgewichtsbeschwerden
Vielleicht fällt so doch die Entscheidung für ein Land, das auf den ersten Blick nicht so begehrenswert erscheint. Letztendlich beruhen die Austauschprogramme auf Gegenseitigkeit. Nur wenn beide Partner von der Vereinbarung profitieren, werden sie ihre Zusammenarbeit fortsetzen. Doch diese Voraussetzung ist sowohl europäisch wie außereuropäisch oft nicht erfüllt. Osteuropäische Studierende nehmen gerne das Angebot an, für ein oder zwei Semester nach Deutschland zu kommen. Umgekehrt drängt es nur wenige deutsche Studenten nach Polen, Ungarn oder Rumänien. Die wollen dafür vielleicht lieber nach Großbritannien.
Doch im Vereinigten Königreich lassen sich nur schwer Studenten finden, die es nach Deutschland zieht. In Deutschland und anderen Ländern ohne generelle Studiengebühren werden diese Asymmetrien meist in Kauf genommen. In Großbritannien mit seinem gebührenfinanziertem Studiensystem ist die Situation anders. Für jeden Studenten, der innerhalb der Erasmusprogramme kommt und daher keine Gebühren entrichtet, zahlt die Uni drauf. Würde der freie Platz an einen regulären Studenten vergeben, füllte er im Gegensatz dazu die Hochschulkasse. Wenn dann noch nicht einmal eigene Studenten an die Partneruni nach Deutschland wollen, stellt sich schnell die Sinnfrage für das Austauschabkommen.
Die Sprache ist häufig ein weiteres Hindernis, da Fremdsprachenkenntnisse beispielsweise in den Vereinigten Staaten nur eine untergeordnete Rolle spielen. Daher bietet unter anderen die TU München englischsprachige Summeruniversities an. Austauschstudenten können auch statt Vorlesungen zu besuchen in Forschungsgruppen arbeiten, die dann die neuen Mitarbeiter in ihrer Sprache ansprechen. Es bleibt dem Geschick der Auslandsämter überlassen, Austauschabkommen zu halten und Studierende auch für die weniger populären Austauschplätze zu gewinnen.
Wenn der Schritt über die Grenze erst einmal getan ist, gefällt es manch einem im Ausland sogar so gut, dass das Gastland zur neuen Wahlheimat wird. Jutta Mülle, die einen Teil der Informatikabkommen der Uni Karlsruhe betreut, berichtet von einer Studentin, die zunächst nur ihre Studienarbeit in Manchester schreiben wollte. Begeistert von dem Thema und der Arbeitsgruppe hängte sie gleich noch ihre Diplomarbeit dran. Im Oktober beginnt sie jetzt mit ihrer Promotion - natürlich in Manchester. (anm)
Der Autor Volker Hollich hat zwei Semester seines Informatikstudiums an einer schwedischen Hochschule verbracht.