Auch Arbeitnehmer müssen wettbewerbsfähig bleiben

Porträt Scheer
Professor August-Wilhelm Scheer steht seit Juni 2007 an der Spitze des Branchenverbandes BITKOM

Über Auswirkungen und Ursachen des so vehement beklagten „Fachkräftemangels“ sprachen wir mit Professor August-Wilhelm Scheer. Der Gründer und Vorsitzende des Aufsichtsrates der IDS Scheer AG ist seit dem 22. Juni 2007 Präsident des Bundesverbands Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien, BITKOM, und war davor Direktor des Instituts für Wirtschaftsinformatik im deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz.

c't: Herr Professor Scheer, der BITKOM beklagt, vor allem die mittelständische Industrie suche händeringend IT-Fachleute. Der Bedarf wird auf etwa 20.000 geschätzt. Verschmäht sie die rund 30.000 Informatiker, die bei der Bundesagentur für Arbeit als arbeitsuchend gemeldet sind?

Professor August-Wilhelm Scheer: Keineswegs. Die Zahl der arbeitslosen IT-Fachleute hat sich in den vergangenen zwei Jahren halbiert! Bei etwa einer Million Beschäftigten in der IT kann man von Vollbeschäftigung sprechen. Arbeitslosigkeit entsteht vor allem durch individuelle Gegebenheiten: Wissen veraltet sehr schnell, oft fehlt die notwendige Kompetenz. Auch Immobilität ist ein großes Hindernis.

c't: Wer nicht passgenau qualifiziert ist, den kann man doch schulen oder ausbilden?

Scheer: Wir appellieren an unsere Mitgliedsfirmen, ihre Mitarbeiter intensiv zu qualifizieren und unterstützen das mit der BITKOM-Akademie. Ich appelliere aber auch an die Arbeitnehmer, ihre Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten. Das erfordert die Bereitschaft jedes Einzelnen, lebenslang zu lernen.

c't: Können Sie jungen Menschen guten Gewissens zu einem Informatikstudium raten?

Scheer: Ohne Einschränkung: ja. IT bleibt eine Wachstumsindustrie. Denken Sie daran, wie oft neue Produktversionen erscheinen. In der IT ist immer mehr Beratungs- und Management-Know-how gefragt. Daher ist es sinnvoll, Informatik mit einem Anwendungsfach zu kombinieren, zum Beispiel Wirtschaftsinformatik oder Bioinformatik. Zudem sollten die Studierenden frühzeitig persönliche Fertigkeiten trainieren, insbesondere Fremdsprachen.

c't: Konjunkturen verlaufen zyklisch. In ein paar Jahren, wenn die Studenten ihr Studium abgeschlossen haben, wird der gegenwärtig zu beobachtende Aufschwung Geschichte sein - dann stehen die Absolventen auf der Straße.

Scheer: Da schüren Sie zu viel Angst. Die gegenwärtige Situation ist ja das Ergebnis eines - darauf wollen Sie wohl hinaus - „Schweinezyklus“. Diejenigen, die seinerzeit durch das Platzen der New-Economy-Blase vor einem Informatikstudium zurückgeschreckt sind, fehlen uns jetzt. Die Branche wächst stetig und die Jobaussichten von Informatikern sind deutlich besser als in vielen anderen Berufen.

c't: Den Großen der Branche laufen die Uni-Absolventen die Türen ein, bei SAP zum Beispiel bewerben sich Jahr für Jahr 40000 ITler. Was können kleine oder mittelständische Firmen tun, um ihren Betrieb für IT-Fachkräfte attraktiv zu machen?

Scheer: Die großen Konzerne sind in der Tat attraktive Arbeitgeber, aber der Mittelstand kann ebenfalls punkten. Überschaubare Strukturen und mehr Verantwortung für den Einzelnen sind wichtige Faktoren für die Berufswahl. Mittelständische IT-Firmen müssen die Personalentwicklung als strategische Aufgabe verstehen. Dazu gehört der Aufbau eines regionalen Netzwerks, das unter anderem Kooperationen mit Hochschulen und Kontakte zu lokalen Medien umfasst.

c't: Viele IT-Fachleute klagen, dass kleinere Betriebe oft nur den gesetzlichen Mindesturlaub gewähren, sich nicht an Arbeitszeitvorschriften halten und dennoch von ihren Mitarbeitern erhöhte Leistungsbereitschaft und Mobilität fordern. Auf der anderen Seite stöhnt ein Drittel der vom BITKOM befragten Firmen, Einstellungen scheiterten an „unrealistischen Gehaltsforderungen“ der Bewerber. Wie passt das zusammen? Wer Leistung fordert, muss doch die Leistungen auch angemessen honorieren?

Scheer: Die IT-Firmen zahlen gut und die Zahl der Arbeitsstunden ist nicht unbedingt ein Maßstab für Wohlfühlen oder Nichtwohlfühlen. Wer an einer interessanten Sache arbeitet, wird auch mit Engagement dabei sein. Es stimmt aber auch: Die Kleinen müssen sehen, dass sie sich attraktiv machen. Eine anspruchsvolle Aufgabe und ein gutes Image können da viel bewirken. Denken Sie einmal daran, wie viele sich bei den Fraunhofer-Instituten bewerben. Dies geschieht nicht wegen hoher Bezahlung, sondern weil sie als Forschungseinrichtungen ein hervorragendes Image haben.

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