Vor Ort
Den Großen der Branche ist das Reden vom „Fachkräftemangel“ ganz und gar fremd. Ihnen rennen die Uni-Absolventen die Türen ein: AMD hat am Standort Dresden in den letzten drei Jahren für sein neues Halbleiterwerk Fab 36 die Sollstärke von rund 1000 hoch qualifizierten Ingenieuren, Technikern und Spezialisten spielend erreicht. Man habe „aus einem großen Bewerberpool“ auswählen können, „nur bei einigen hoch spezialisierten Positionen mussten wir mitunter länger suchen, um den geeigneten Kandidaten zu finden“, so AMD-Sprecherin Karin Raths.
"Welches Qualifikationsniveau sollten die gesuchten Fachkräfte mindestens haben?", ließ BITKOM anfragen.
Quelle: BITKOM
Bewerberfavorit SAP hat aufgrund seines hervorragenden Image ebenfalls grundsätzlich keine Probleme, qualifizierte Mitarbeiter zu finden. Das äußere sich sowohl in der Qualität als auch in der Quantität der Bewerbungen. Nur in den Ingenieurbereichen stehe man im harten Wettbewerb mit anderen Unternehmen, erklärt SAPs „Communications Manager im Executive Communications Operations Office“ Alla Ruggaber-Mast. Im letzten Jahr konnte SAP rund 40.000 Bewerbungen allein für seinen deutschen Standort zählen. Von der Qualität der Bewerbungen her gesehen erhalte man die gesamte Bandbreite von „sehr gut bis mäßig“. Man freue sich vor allem, dass sich weiterhin sehr gute Kandidaten unvermindert oft bei dem Unternehmen bewerben.
Dabei treibt die Suche nach Fachkräften auch skurile Blüten. Der schwedische ERP-Anbieter IFS will frisch gebackene Universitätsabsolventen mit einer Rallye durch Westeuropa begeistern, die er in Kooperation mit der niederländischen Sportwagenschmiede Burton organisiert. Zehn von 20 Teilnehmern winkt nach Eignungsprüfungen während der Ralley eine Anstellung.
Auf solche „Recrutingmaßnahmen“ und Bewerberströme kann der Mittelstand nur neidvoll blicken. Dessen Praxis zeigt sich am Beispiel der mittelständischen Firma id-netsolutions aus Hamburg. Sie hat derzeit drei Stellen zu besetzen, und ihr Geschäftsführer Adrian Ave nennt viele Gründe, warum die Vakanzen noch bestehen. Teilweise bis hin zur „fassungslosen Ohnmacht“ trieben ihn die „von keinerlei Kompetenz“ getrübten Leistungen mancher Bewerber.
Die gebe es zwar in genügender Zahl, doch wenn Ave sie im Rahmen der Vorstellung nach einem einleitenden Gespräch mit einer kleinen technischen Prüfung auf die Suche nach einfachen Systemfehlern schickt, kapituliert das Gros. Selbst in namhafte Zertifikate oder Umschulungszeugnisse setzt er wenig Vertrauen, sie sagen ihm wenig über die Qualifikation aus.
Wer wirklich etwas könne, so Ave, fordere hingegen gut und gerne ein Jahresgehalt von 60.000 Euro, und die gebe der Markt nicht her. Mittelständische Unternehmen stünden in einem harten Konkurrenz- und Verdrängungswettbewerb, auch angeheizt durch schillernde Quereinsteiger, die sich zu Dumpingpreisen feilbieten.
Da muss den Mitarbeitern der geringe gesetzliche Urlaubsanspruch reichen, und geregelte Arbeitszeiten bleiben ein Fremdwort. Ave: „Der Betriebsrat bin ich, und der möchte auch zukünftig eine Win-Win Situation für Kunden, Arbeitnehmer und Arbeitgeber schaffen können. Wir legen hohen Wert auf ein gutes Betriebsklima und eine angenehme Umgebung - das lässt sich auch ohne überzogene Gehaltszahlungen realisieren und schafft Motivation auf allen Seiten.“