04.05.2008 13:55

Frank Möcke

Gefühlter Mangel

Wie viele Informatiker braucht die Wirtschaft?

c't 16/2007, S. 78: Arbeitsmarkt

Aufmacherbild Mit großer Regelmäßigkeit beklagt vor allem der Branchenverband BITKOM den Fachkräftemangel im IT-Bereich. Junge Leute sollen zu einem entsprechenden Studium bewegt und ausländische Kräfte angeworben werden.

Händeringend suchten die Firmen IT-Fachkräfte und Ingenieure, stöhnen Industrieverbände und Politiker. Darum sollen mehr Schulabsolventen zum Studium bewegt werden als bisher, junge Frauen durch Schnupperkurse und Computersommercamps an den Rechner gebracht werden. Die Unis offerieren ihre Studienplätze wie warme Semmeln: „Wir bieten kreativen Köpfen hervorragende Perspektiven für Studium und Karriere“, das „Hochschulkarrierezentrum für Frauen Berlin“ lässt „junge Frauen die Technik erobern“, „glänzende Karrierechancen“ böten sich den Studienwilligen, wenn sie nur in die Informationstechnik einstiegen.

Die Verbände werfen alarmierend klingende Zahlen in die Medienschlacht. Im letzten Jahr habe man rund 50.000 Ingenieurstellen nicht besetzen können, so eine VDI-Studie. Allein von Januar bis Juni haben Deutschlands Ingenieur-Arbeitgeber 31.146 Vakanzen in den bedeutenden Printmedien ausgeschrieben. Das entspricht einer Steigerung von 42 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Vor zwei Jahren zählte man nur 17.366 Stellenanzeigen. Eine Offensive in der Ingenieurausbildung und eine bessere Integration von Frauen und älteren Ingenieuren in den Arbeitsmarkt sei geboten: „Nur wenn wir die Zuwanderung von Fachkräften erleichtern und gleichzeitig die Potenziale von jungen Menschen, Frauen und den 30.000 älteren arbeitslosen Ingenieuren nutzen, kann Deutschland weiterhin technologisch einen Spitzenplatz einnehmen“, mahnt VDI-Präsident Willi Fuchs.

Ist die Rede vom Fachkräftemangel in der Informationstechnik, zitieren Medien und Politiker immer wieder eine Studie des Branchenverbandes BITKOM, die dieser im Dezember 2006 vom Marktforschungsinstitut TechConsult durchführen ließ (c't 6/07, S. 69). Sie gelangte bis in den „Bericht zur technologischen Leistungsfähigkeit“, den das Bundesbildungsministerium jüngst vorgelegt hat. Danach könnten 20.000 Stellen im Kernbereich der IT-Branche nicht besetzt werden, insbesondere der Mittelstand sei betroffen. Rechne man IT-Fachleute in Bereichen wie Maschinenbau, Fahrzeug- und Elektroindustrie hinzu, komme man vorsichtig geschätzt auf 30.000 unbesetzte Stellen.

Zu dieser Hochrechnung gelangte TechConsult, nachdem es 279 Geschäftsführer und Personalleiter von Software-Häusern, IT-Dienstleistern, Hardware-Herstellern und Anbietern von Telekommunikationsdiensten telefonisch ausgeforscht hatte.

Es mag problematisch gewesen sein, aus 279 Befragungsergebnissen eine qualifizierte Analyse aufzustellen, denn die IT-Branche zeigt sich außerordentlich vielschichtig. Der BITKOM schätzt die Gesamtzahl bundesdeutscher IT-Firmen anhand der Umsatzstatistik. Im Kernbereich (Umsatz über 500.000 Euro) hat er so grob 10.000 Firmen gezählt, nimmt man kleinere Firmen (Umsatz bis 100.000 Euro) hinzu, lassen sich weitere 33.000 Unternehmen ausmachen. Dazu kommen noch etwa 60.000 Kleinstunternehmen und Einzelkämpfer. Im BITKOM sind lediglich 850 Firmen organisiert, die aber, so der Verband, etwa 80 Prozent des Umsatzes abdecken.

Im Ergebnis hat sich gezeigt: Je größer die Firma, desto weniger Schwierigkeiten hat sie, Vakanzen zu schließen. In Betrieben ab 250 Mitarbeitern sahen 58 Prozent der Verantwortlichen in der Personalanwerbung ein eher kleines oder gar kein Problem.

Grafik Meinungen
Je nach Betriebsgröße und Branche unterscheiden sich die Meinungen der Personalchefs zum Angebot an IT-Fachkräften. Vergrößern
Bild: BITKOM

Zwei Drittel der Firmen wünschen sich Akademiker - aber die sind einem Teil von ihnen anscheinend auch zu teuer: Jedes dritte Unternehmen hat gerügt, dass die Bewerber „unrealistische Gehaltsforderungen“ äußerten.

Ende Juni legte der BITKOM noch einmal nach: Der Fachkräftemangel in der IT-Branche in Deutschland habe sich dramatisch verschärft. Bei der quartalsweise durchgeführten Branchenbefragung gaben 59 Prozent der IT-Unternehmen an, dass der Fachkräftemangel ihre Geschäftstätigkeit behindere. Das sei der höchste Wert seit dem Start der Befragung im Jahr 2001. Damit entwickle sich der Fachkräftemangel zu einer Wachstumsbremse für die Hightech-Industrie in Deutschland.

Um das Problem kurzfristig zu lindern, sei aus Sicht des BITKOM eine Reform des Zuwanderungsgesetzes notwendig. Deutschland müsse für ausländische Spitzenkräfte attraktiver werden und ihnen eine langfristige Perspektive bieten. Die Erfahrungen mit der Green Card hätten gezeigt, dass ein Gastarbeiterstatus für viele Hochqualifizierte nicht interessant sei. Bei der Green Card für ausländische IT-Spezialisten war die Aufenthaltsdauer auf fünf Jahre beschränkt worden.

Eine Reform des Zuwanderungsgesetzes müsse die Halbierung der Einkommensgrenzen von derzeit 85.500 Euro für die Erteilung einer dauerhaften Niederlassungserlaubnis von ausländischen Hochqualifizierten vorsehen. Daneben müsse ein Punktesystem eingeführt werden, bei dem die Auswahl von Zuwanderern über Kriterien wie Qualifikation, Sprachkenntnisse und Alter erfolgte.

Parallel zur Bekämpfung des Fachkräftemangels müsse die Reform des Bildungssystems vorangetrieben werden. Die Zahl der Studienanfänger im Fach Informatik sei seit dem Jahr 2000 - in dem der Boom sie auf einen Höchststand getrieben hatte - um ein Viertel eingebrochen. Zur Bekämpfung dieses Effekts müsse auch die Wirtschaft selbst beitragen und ihre Anstrengungen insbesondere in der Weiterbildung verstärken.

Dass Softwareunternehmen und IT-Dienstleister mit deutlich steigenden Umsätzen und wachsendem Mitarbeiterbedarf rechnen, kann auch der Personaldienstleister Adecco bestätigen, der regelmäßig die IT-Stellenangebote in Printmedien auswertet. Danach haben Privatwirtschaft und öffentlicher Dienst innerhalb einer Jahresfrist bis März 2007 bundesweit 30 Prozent mehr Angebote für Computerfachleute als im davor liegenden Vergleichszeitraum veröffentlicht. Mit Beginn dieses Jahres stieg die Zahl der Offerten sogar um mehr als ein Drittel. Adecco konstatiert aber auch, dass der anhaltende Verdrängungswettbewerb unter Telekommunikationsunternehmen, Netzbetreibern und im Hardwaresektor den Preiskampf verschärft und die Unternehmen dieser Sparten zum Personalabbau veranlasst.

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