Zaghafte Renaissance
E-Books: Mit neuem Mut aus der Krise heraus
Jürgen Rink - 27.06.2005
E-Books drohte im Spannungsfeld aus Kopierschutz, Formatfrage und Gerätevielfalt fast der Untergang. Mittlerweile haben die Beteiligten dazugelernt und verkaufen ein buntes Angebot für die wichtigen Plattformen - der überwiegende Teil an digitaler Literatur ist zudem nach wie vor kostenlos.
Nach dem E-Book-Boom vor fünf Jahren kehrte schnell Ernüchterung ein. Die Gründe für den zusammenbrechenden Markt waren hausgemacht: Print-Verlage weigerten sich, digitale Ausgaben ihrer Kassenschlager bereitzustellen, und die wenigen publikumsträchtigen E-Books waren an ein einziges Lesegerät gebunden. Es folgte das Großreinemachen: Bertelsmann und Gemstar zogen sich aus dem Markt der digitalen Literatur zurück, das Angebot vieler Webshops dümpelte vor sich hin. Lesestoff bestand wieder aus Papier.
Das ändert sich nun zaghaft, seit sich in den letzten Monaten das Angebot an deutschsprachigen E-Books merklich vergrößert hat. Eine kleine Schar von Unentwegten konnte einige Verlage davon überzeugen, dass E-Books kein Teufelswerk sind, sondern den Unternehmen zusätzliche Einnahmen bescheren können.
Lesegeräte für E-Books gibt es millionenfach. Entscheidend ist die Ablesbarkeit des Displays bei verschiedenen Umgebungshelligkeiten.
In Deutschland hat sich dabei das Mobipocket-Format durchgesetzt. Der Reader kostet in der Grundversion nichts und läuft auf PCs, allen PDAs und den verbreitetsten Symbian-Smartphones. Damit besitzen fast alle Computer-Nutzer ein potenzielles Lesegerät. Andere Formate wie die für Adobe Reader, eReader (vormals PalmReader) und Microsoft Reader spielen in unserem Sprachraum nur eine Nebenrolle.
Angebot und Nachfrage
Doch selbst die größten Webshops bieten jeweils nur mehrere hundert E-Books auf Deutsch an (siehe Tabelle), meist ein bunter Reigen von Literatur aus vielen Kategorien. Jede kleine Buchhandlung an der Ecke hat mehr Schmöker in den Regalen stehen, doch immerhin ist das E-Book-Angebot breit gefächert, und auch Aktuelles ist dabei: Den Fischer-Weltalmanach, Bücher von Wladimir Kaminer, den Varta-Hotelführer und auch einen Bestseller von Elizabeth George kann man auf Displays lesen.
Auf welch niedrigem Niveau die E-Book-Branche immer noch vor sich hindümpelt, sieht man daran, dass ein einziges Buch aus der Spiegel-Bestsellerliste digital vertrieben wird: "Simplify your life" von Küstenmacher und Seiwert auf Platz 14 (Stand Spiegelliste 16/05). Aktuelle Belletristik-Bestseller sind digital gar nicht zu haben - kein Wunder, dass sich digitale Sachbücher in Deutschland am besten verkaufen.
Libri.de müht sich zurzeit nach Kräften, auf sein E-Book-Angebot aufmerksam zu machen. Der Großversender will die engen Kontakte zu Buchhändlern nutzen, um scheckkartengroße Faltheftchen an die Kassen zu stellen. Sie enthalten einen Nummern-Code, mit dem man sich aus den im Heftchen vorgestellten E-Books eines kostenlos auswählen darf. Geschenkgutscheine sollen ebenfalls bald zu haben sein.
Natürlich will Libri.de damit potenzielle Kunden zum zukünftigen Bestellen ermuntern, denn das kostenlose E-Book erhält nur, wer den gesamten Kaufvorgang abwickelt. Dabei merkt man dann schnell, dass von den scheinbaren Zahlungsoptionen nur die Kreditkarte übrig bleibt. Nach Angaben von Libri.de sollen 20 000 E-Books inklusive 1000 deutscher Bestseller verfügbar sein. Wir haben am 18. April aber nur 267 deutschsprachige Exemplare und 4085 digitale Bücher in anderen Sprachen gezählt. Libri erklärt die Diskrepanz damit, dass erst über die Suchoption im Webshop der Zugriff auf das gesamte Angebot gelinge.
Vom unseriösen Trommeln abgesehen, können Werbeaktionen wie die in Buchhandlungen potenzielle Leser veranlassen, sich ihr erstes E-Book anzuschauen. Berührungsängste und Scheuklappen sind allemal vorhanden. Der haptische Eindruck von Papier wird als Argument ebenso bemüht wie die Abneigung gegen das zu kleine Display des Lesegeräts. Wie so oft gilt auch hier: erst ausprobieren, dann entscheiden. Unterm Sternenhimmel auf der Terasse mit Kerze und Rotwein auf dem Tisch ein Buch zu lesen gelingt nur mit der digitalen Ausgabe. Der Besitzer des Papierexemplars braucht künstliches Licht, was den Mücken gefällt und der romantischen Kerzenlichtstimmung mit Nachthimmel abträglich ist.
