Der unerwartete Ausfall kommerzieller Handynetze kann zum echten Sicherheitsproblem werden – vor allem, wenn selbst der Notruf stundenlang blockiert ist: Jüngst benötigte der französische GSM-Netzbetreiber Bouygues Telecom geschlagene 20 Stunden, bis seine rund 6,9 Millionen Kunden wieder mobil telefonieren konnten. Wahrscheinliche Ursache für den Blackout war ein Absturz der Kundendatenbank Home Location Registry (HLR). Dieser hatte zur Folge, dass das HLR die Handys der eigenen Kunden nicht mehr identifizierte. Dadurch konnten sich Bouygues-Nutzer nicht mehr in ihr "eigenes" Netz einbuchen.
Nach der Bombenexplosion in einem finnischen Einkaufszentrum am 11. Oktober 2002 kam es zur Blockade der Organisationskanäle der GSM-Funkzellen, die das Areal versorgen. Diese Organisationskanäle verwalten die Anrufsignalisierung in GSM-Netzen. Zum Zeitpunkt der Explosion, einem Freitagabend, befanden sich mehr als 2000 Menschen im Einkaufszentrum. Natürlich versuchten die Menschen permanent, Gespräche aufzubauen – zugleich kam es zu einem Stau eingehender Anrufversuche besorgter Angehöriger, die von der Explosion gehört hatten. Dabei wurde das Netz blockiert. Diese Gefahr steigt ausgerechnet mit der Anzahl der erfolglosen Versuche. GSM gilt als "blockierendes" System: Sind die Sprachkanäle belegt, werden weitere Anrufversuche abgewiesen. Eine "Warteschleife" existiert in den kommerziellen Netzen nicht.
Den zahlreichen Verletzten im Einkaufszentrum kam jedoch zugute, dass die Rettungskräfte am Unglücksort im Großraum Helsinki bereits 2002 ein eigenes Digitalfunknetz besaßen, das inzwischen landesweit unter dem Namen VIRVE den Blaulichtorganisationen landesweit zur Verfügung steht. Dabei können die Kommunikationsstrukturen der VIRVE-Teilnehmer als vorbildlich gelten. Dank "integrierter" Leitstellen sitzen Polizei, Rettung und Feuerwehr in einem gemeinsamen Lagezentrum und können ihr Vorgehen koordinieren. Davon profitierten vor allem die rund 80 Verletzten. Personen etwa mit Splitterwunden benötigen eine andere Behandlung als Verbrennungsopfer. Dank der Kommunikationskette zwischen Ersthelfer am Ort über die Leitstelle bis hin zu den am nächsten liegenden Spezialkliniken, konnte wertvolle Zeit gewonnen werden.
Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS) nutzen Gelegenheiten wie den jährlichen Tetra World Congress, die Leistungsfähigkeit von Digitalfunknetzen anhand realer "Großlagen" zu analysieren. Bei Tetra handelt es sich um einen herstellerübergreifenden Standard, der neben den BOS – etwa in Finnland oder Großbritannien – inzwischen auch von der Industrie oder Verkehrsbetrieben in rund 65 Ländern eingesetzt wird. So verwenden mehrere BOS in Europa den – nicht kompatiblen Standard – Tetrapol, der von EADS angeboten wird. Hinzu kommt mit GSM-ASCI, einer als GSM-R bekannte GSM-Variante für die Eisenbahnen mit Advanced Speech Call Items, die ebenfalls Gruppenrufe und Rufpriorisierungen erlauben.
Zu den herausragenden Belastungsproben für BOS-Netze der letzten Monate zählen im voraus planbare Großereignisse wie die Olympischen Spiele und die Paralympics von Athen im August beziehungsweise September.