Zurzeit scheint die Entwicklung der Mobiltelefone in zwei Richtungen zu verlaufen: mehr Multimedia einerseits und mehr Unternehmenstauglichkeit andererseits. Nokias E61 legt den Schwerpunkt eindeutig auf den zweiten Aspekt, lässt jedoch auch MP3-Fans nicht im Regen stehen.
Zielgruppe des Geräts dürfte die vielreisende Geschäftsfrau sein, die überall und jederzeit telefonieren, mailen und browsen möchte. Dank eingebautem WLAN-Modul, UMTS, GSM/GPRS-Quadband, Bluetooth- sowie Infrarot-Schnittstelle sind zumindest die technischen Voraussetzungen dafür gegeben. Als Browser liefert Nokia einen Safari-Abkömmling mit, der im Test nicht aus der Ruhe zu bringen war.: Sogar unsere heftig mit Javascript, CSS und Ajax-Funktionen gespickten internen Webseiten ließen sich damit ohne Schwierigkeiten benutzen.
Zunächst muss man sich jedoch in Geduld üben: Vom Einschalten bis zur PIN-Abfrage vergehen 35 Sekunden, anschließend dauert es nochmal zehn, bis das Handy betriebsbereit ist. Auch das Starten einzelner Anwendungen, etwa der Kontaktverwaltung, kostet merklich Zeit, allerdings weniger als bei älteren Symbian-Geräten. An der Reaktionsfreudigkeit laufender Applikationen gibt es jedoch nichts auszusetzen, so erfolgen beispielsweise das Suchen in Kontaktdaten und das Umsortieren von Mail-Headern praktisch sofort.
Das Einstellen von WLAN-Accesspoints und die Konfiguration des Mail-Zugangs sind etwas zeitaufwendig, aber mit hinreichend Erfahrung leicht zu bewältigen. Firmen dürften diese Daten ohnehin zentral bereitstellen und mit einer Verteilsoftware auf den Geräten installieren – schon aus Sicherheitsgründen. Anschließend läuft der Zugriff auf die eigene Mail via POP oder IMAP wie bei größeren Geräten. Da sich diese Verbindungen auch SSL-verschlüsselt einrichten lassen, brauchen die Passwörter nicht im Klartext durchs Netz zu reisen.
Optionen erlauben die Festlegung, ob der Mail-Client Nachrichten komplett herunterlädt oder nur den Header. Allerdings ist Disziplin gefragt, denn bei einer Mailbox mit knapp 2000 Nachrichten dauert schon per WLAN das Herunterladen der Header ein paar Minuten. In dieser Zeit gibt es als einzige Rückmeldung die Anzeige "Verbindung zur Mailbox wird hergestellt" – misstrauische Naturen könnten glauben, der Client habe den Betrieb eingestellt. Größere Mailboxen per GPRS zu bedienen, dürfte sich aus Zeitgründen verbieten.
Ein Argument für die Anschaffung des E61 oder eines anderen E-Modells könnte deren SIP-Stack (Session Initiation Protocol) sein. Erstmals solle damit, so die Andeutungen in der Werbung, ein Mobiltelefon die deutlich günstigere VoIP-Technik nutzen können. Schon vor Erscheinen des Geräts kam von Nokia auf die Frage, ob denn ein SIP-Client installiert sei, jedoch viel "sollte", "könnte" und Drucksen. Kein Wunder.
Tatsächlich ist so etwas wie ein SIP-Client auf dem E61 vorhanden, und auch die Gebrauchsanweisung spricht von "Internettelefonie", ebenso die europäische Nokia-Website. Man kann den SIP-Registrar einstellen und einen SIP-Proxy sowie die eigenen Kundendaten. Nur eine Verbindung baut das Gerät nicht auf. Laut Nokia sei SIP eben nicht SIP und man müsse einen Client für jeden Anbieter "zertifizieren". Die Vielzahl funktionierender Programme dieser Art in Telefonen oder auf Rechnern entlarven diese Behauptung als flagranten Unsinn. Technischer Grund für das Scheitern dürfte die fehlende STUN-Implementierung (Simple Traversal of UDP through NATs) sein: Dadurch ist SIP in einer NAT-Umgebung (Network Address Translation) nicht benutzbar.
Vermutlich hat Nokia Angst vor der eigenen Courage bekommen und deshalb einen SIP-Kastraten installiert – welcher Mobilfunk-Provider nähme das Telefon wohl ins Programm, wenn seine Kunden damit billig an seinem GSM-Netz vorbeitelefonieren könnten? Offiziell heißt es nun, man habe eine andere Zielgruppe im Auge, nämlich Unternehmen mit einer SIP-fähigen Telefonanlage, etwa von Avaya oder Cisco. Mit ihnen ließe sich das Telefon nutzen, und dafür sei die Software zertifiziert. Der Carrier dus.net stellte nach Redaktionsschluss jedoch einen SIP-Client vor, der mit dem E61 funktionieren soll.
Die VPN-Implementierung ist ähnlich halbfertig: Sie funktioniert nur mit einem speziellen Server von Nokia. Wer Glück hat, bekommt vielleicht vom Hersteller seines VPN-Servers einen passenden Client für das E61. Sinnvoller wäre aber sicherlich die Bereitstellung eines generischen IPSec-Programms auf dem Gerät.
Im Allgemeinen ist die Benutzerführung über Menüs und Icons hinreichend klar. Nur gelegentlich verwirren merkwürdige Fragen wie "WLAN-Verbindung im Offline-Modus erstellen?" Gemeint ist damit: "Sie haben keine GSM-Verbindung, möchten Sie WLAN aktivieren?", was man spätestens nach dem zweiten Klicken auf "Abbrechen" verstanden hat. Die Dokumentation zeichnet sich durch schonenden Umgang mit Ressourcen aus – Überschriften wie "Tät. ein. Anrufs m. Sprachbefehl" und "Synchron. v. Daten m. ein. and. Gerät" sparen Papier und Druckerschwärze. Apropos Daten: Inzwischen lassen sich mit Nokias PC-Suite immerhin die Kontakte von einem aktuellen 6021 auf ein E61 übertragen. Auch von einem Mac gelingt dies via iSync mit etwas Hilfe in Form einer passenden, selbst erstellten Konfigurationsdatei. Die Synchronisierung mit Outlook erfolgt über die PC-Suite. Der direkte Transfer mehrerer Adressen etwa per Bluetooth zu oder von einem E61 ist jedoch nicht möglich.
Von den Abmessungen ähnelt das Handy einem Palm-PDA, ist jedoch etwas dicker. Die Tasten liegen relativ dicht beieinander, sodass man häufiger zwei gleichzeitig oder die falsche erwischt. Zum Kopieren und Einfügen dienen die bekannten Tastenkombinationen Ctrl-C und Ctrl-V, was bei so einem kleinen Gerät unnötig umständlich ist. Das 320 × 240 Pixel große Display spiegelt zwar, ist jedoch wegen der hohen Kontraste der GUI-Objekte gut ablesbar. Auf der Rückseite des Geräts lässt sich eine Mini-SD-Karte einsetzen, der Akku darf dabei an Ort und Stelle bleiben.
Insgesamt ist das E61 ein Schritt in Richtung unternehmensfähiges Handy. Zumindest bei den VPN- und VoIP-Funktionen muss Nokia jedoch noch nachbessern, damit es wirklich flexibel einsetzbar ist. (ck)
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