Karten im Handy
Onboard-Navigation mit Smartphones
Peter Röbke-Doerr - 15.09.2005
Mit der GPS-Maus in der Hosentasche und dem Handy in der Hand findet man auch in fremden Städten Navi-gestützt von A nach B. Was noch vor kurzer Zeit als Navigationssoftware den Speicher- und Megahertz-mächtigen PDAs vorbehalten war, wagt nun den Sprung in die Handy-Welt. Unser Prüfstand für Navigationssoftware auf den handlichen Minigeräten förderte Erstaunliches zu Tage.
Der Gedanke ist verlockend: Zum Telefonieren und Navigieren im Auto, auf dem Fahrrad oder sogar zu Fuß genügt ein einziges Gerät. Vorbei sind die Zeiten, in denen man neben dem sowieso unverzichtbaren Handy noch einen PDA plus GPS-Bluetooth-Maus brauchte – nebst zusätzlicher Stromversorgungsstrippe und zweiter Halterung auf dem Armaturenbrett. Technisch ist die Zeit reif, das Navigationsprogramm aufs Handy zu portieren: Gute Displays gehören zum Standard ebenso wie Slots für Speicherkarten. Wenig überraschend gelingt aber der Sprung der Navigationssoftware aufs Handy – wie ehedem vom Notebook auf die ersten PDAs – nicht ohne Probleme, wie die relativ großen Unterschiede der getesteten Programme zeigen.
Natürlich kann man nicht jedes Handy zur Navigation benutzen. Man braucht ein ausreichend hochauflösendes Farbdisplay, Speicher für das Programm und die Kartendatenbank sowie überhaupt die Möglichkeit, eine Anwendung in das Handy hineinzubekommen. Damit fallen ältere Java-Handys durchs Raster, da sie nur mit erheblichem Programmieraufwand (sprich SDK) überredet werden können, eine Anwendung von außen ins "Betriebssystem" zu übernehmen. Für die modernen Modelle wie Siemens M65 oder S65 gibt es immerhin Programme zur Offboard-Navigation – mehr dazu in einem folgenden Artikel. Für die Mehrzahl der Fälle ist als Hardware-Basis für Navi-Anwendungen ein Symbian-60-Gerät gefordert. Dies sind quasi offene Systeme mit Slot für Speicherkarten und einfachem Zugang für Programme von außen. Grundsätzlich vereinfacht es das Leben, wenn man vor dem Kauf einer Software die Kompatibilität mit dem vorhandenen oder geplanten Handy überprüft.
Für unseren Test fanden wir zwei Programme für Windows Mobile (Copilot und Destinator) und vier für Symbian 60. An Hardware benutzten wir Nokias 6600 und 6670 als Symbian-Modelle, und die Windows-Mobile-Programme ließen wir auf einem Motorola MPx220 sowie einem MDA und einem SDA von T-Mobile laufen. Da Onboard-Software per Definition die Straßendatenbank onboard haben, müssen die verwendeten Geräte zwangsläufig über einen Slot für eine Speicherkarte verfügen. Als GPS-Maus verwendeten wir die jeweils im Bundle enthaltenen Modelle, machten aber immer noch den Gegencheck, ob auch Fremdmodelle funktionieren. Dafür benutzten wird von Navilock das neue BT-338 mit unerwartet guten Ergebnissen: Alle Test-Kandidaten akzeptierten auch die "fremden" Satelliten-Daten.
Alle Programme mussten ihre Leistungsfähigkeit auf einer Strecke quer durch Hannover und auf einer 100 km langen Autobahn/Schnellstraßen-Route unter Beweis stellen. Ferner musste das Handy während der Zielführung ein ankommendes und ein abgehendes Gespräch bewältigen. Auch dieser Test gelang allen Probanden.
Dies amüsante Beispiel mit Schneewarnung im Sommer fällt sicherlich aus dem Rahmen,
Besonders wichtig fanden wir eine einfache und fehlertolerante Bedienung sowie eine ebensolche Installation des Programms und die akkurate Zusammenarbeit mit dem GPS-Empfänger – haben doch alle Anbieter immer auch den Endanwender im Visier, der beispielsweise nicht die Bitfolge einer Bluetooth-Verbindung im Kopf hat. In die Bewertung mit eingeflossen ist zwar auch das Straßen-Routing, das heißt, wie der Benutzer geführt wird, aber da gibt es keine großen Unterschiede: Wenden auf der Autobahn schlug jedenfalls keins der Programme mehr vor.
Und so praktisch Handys als Navigatoren auch sind: Alle Eingaben, ob für Konfiguration, zur Freischaltung oder zur Zieleingabe erfolgen in bester SMS-Tipp-Manier. Beim Handy-Navi ist folglich ein gut durchdachtes Bedienkonzept extrem wichtig. Bei allen Programmen kann man im Display etwa zwischen Kartendarstellung in verschiedenen Maßstäben oder Piktogramm-Darstellung wählen.
Handy-Lautstärke
Ein grundsätzliches Problem bei der Navigation per Handy und Smartphone ist die beschränkte Lautstärke der Sprachansagen. Die Geräte sind ja eigentlich für den Betrieb direkt am Ohr ausgelegt. Mit dem Wunsch, auch im Auto bei 130 km/h noch genügend Schalldruck zu entwickeln, sind sie deutlich überfordert. Auch die eingebaute Freisprecheinrichtung ist für Sprachführung im Auto nur im flüsterleisen Rolls-Royce wirklich tauglich. Allerdings vermeiden alle Navi-Anbieter einen Hinweis auf diese Problematik und lassen den Anwender nach dem Kauf der Produkte im Regen stehen.
|
Schon in den Prospekten oder auf den Webseiten müsste eigentlich ein deutlicher Hinweis darauf zu finden sein, dass eine ausreichende Lautstärke nur mit zusätzlichen Maßnahmen erreichbar ist: Im einfachsten Fall über Ohrhörer oder komfortabler mit einer richtigen Freisprecheinrichtung mit Verstärker und Lautsprecher. Leider funktionieren aber nicht alle Navigationsprogramme mit allen Handys und allen Freisprecheinrichtungen zusammen. Das muss von Fall zu Fall ausprobiert werden. Sehr hilfreich wäre es, wenn beispielsweise die Softwareentwickler eine Liste der kompatiblen Hardware veröffentlichen würden.
Eine herstellerunabhängige Freisprecheinrichtung wie die Cullmann-Lösung VC4 navi hat den Nachteil, nur für wenige Handy-Modelle erhältlich zu sein. Die Cullmann-Hardware funktioniert im vollen Funktionsumfang zudem lediglich mit einem einzigen Navigationsprogramm: der Offboard-Navigationslösung von 3Soft. Die ebenfalls herstellerunabhängigen THB-Bury-Geräte unterliegen den gleichen Beschränkungen wie die von Cullmann.
Ein Bluetooth-Universal-Freisprechgerät löst das Problem nur selten, denn nur wenige Handys können gleichzeitig mehr als eine Bluetooth-Verbindung aufbauen (Punkt-zu-Multipunkt) – und ein Bluetooth-Port im Handy ist mit der GPS-Maus belegt. So bleibt im Moment eigentlich nur der Griff zum drahtgebundenen Headset als grundsätzlich immer funktionierende Lösung. Drahtgebundene GPS-Mäuse als Alternative sind kaum noch erhältlich und erfordern immer einen sehr speziellen Verbindungsstecker, wenn ein Handy dafür überhaupt gerüstet ist.
