Die Software läuft nur teilweise, die Hardware hat Prototypenstatus und auch das Sicherheitskonzept fehlt im XO. Angesichts dessen scheint der Zeitplan, der für Juli 2007 die Serienreife vorsieht, sehr ambitioniert. Immerhin geht es um den größten IT-Launch der Geschichte und dass der reibungslos vonstatten geht, erwarten wohl nicht einmal die OLPC-Mitarbeiter. Doch selbst eine Verspätung des Projekts von Monaten oder sogar Jahren wäre keine Katastrophe, wenn es OLPC dann wirklich schafft, Millionen von Schulkindern Bildungschancen zu bieten, die sie vorher nicht hatten.
Seit ihrer Gründung vor nicht einmal zwei Jahren hat OLPC ein weiteres Stück Weg zurückgelegt, als viele für möglich hielten. Jetzt hat das Projekt eine kritische Phase erreicht, denn die nächste Zeit entscheidet über Top oder Flop: Nach Abschluss der XO-Entwicklung müssen die interessierten Länder Farbe bekennen und handfeste Kaufverträge über Millionen von XO-Laptops eingehen. Bislang gegebene Versprechungen auf Minister-Ebene sind dann nichts mehr wert.
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Ein Machtwechsel könnte die OLPC-Pläne bereits durchkreuzen: Ob Thailand nach der Wahl 2006 die Bereitschaft zum Kauf behält, ist immer noch unklar. Ursprünglich hatte auch Indien großes Interesse am XO gezeigt, verabschiedete sich aber letztes Jahr mit dem Argument, dass es effizientere Möglichkeiten gäbe, als Schüler mit OLPC-Laptops auszustatten. Das war eine ebenso herbe Niederlage für das Projekt wie das Nein von China. Der Erfolg des Negropontschen Politikerklinkenputzens ist aber entscheidend für den Start des Projekts, sprich für die erste Auslieferung der Laptops.
Der mittelfristige Erfolg von OLPC muss sich daran messen, ob das Pilotprojekt zum Engagement weiterer Nationen führt. Dafür muss OLPC zeigen, dass XO für jede Nation bezahlbar ist. Wie üblich, wenn es um die Kosten geht, klaffen die Meinungen weit auseinander. OLPC rechnet vor, dass der Betrieb des Laptops für ein Jahr etwa 30 US-Dollar kosten wird. Das sei genauso finanzierbar wie der Kauf der Laptops durch die Regierungen. Für Libyen mag das stimmen, aber in Ruanda würden die 150 Millionen US-Dollar für eine Million Laptops ein größeres Loch im Haushalt hinterlassen.
Was in Afrika, Asien und Südamerika mit defekten XO-Laptops passiert, also wer Service und Support leistet und welche Zusatzkosten auf die Länder zukommen, darüber hat OLPC offiziell noch nichts verlauten lassen. Das internationale Finanzdienstleistungsunternehmen Merrill Lynch & Co sieht darin aber eine der größten Schwachstellen für eine Ausweitung des Projekts. OLPC geht von einer Nutzungsdauer von fünf Jahren aus, aber wenn wegen fehlender Service-Struktur nach einem Jahr ein Großteil der Notebooks kaputt in der Ecke liegt, werden sich wohl kaum weitere Länder finden, mit deren Hilfe man die angestrebte Zahl von 100 Millionen XOs erreicht. An dieser Zahl orientiert sich aber Quantas Business-Plan. Merrill Lynch blickt skeptischer in die Zukunft und prognostiziert bis 2010 nur 40 Millionen Laptops.
Langfristig muss OLPC beweisen, dass die selbst gesteckten Bildungsziele erreicht werden. Wie schnell man ein gut gemeintes Projekt in den Wüstensand setzten kann, zeigt das Beispiel Ägypten. Das ägyptische Bildungsministerium hat 1994 das Technology Development Center (TDC) ins Leben gerufen, um Schulen mit Computern, Satellitenfernsehen und Internet auszustatten. Das Projekt funktionierte deshalb nicht, weil Technik auf ein bestehendes Bildungssystem aufgesetzt wurde: Der Zugang war für Schüler reglementiert, die Lehrer waren trotz oder wegen eines Videokonferenzsystems für die Ausbildung überfordert. Viel Geld wurde in ein IT-Projekt ohne großen Nutzen gesteckt.
OLPC steht gut da, weil die Kinder im Mittelpunkt stehen, nicht die Technik. Jedes Kind kann mit vorhandener Software und der offenen Struktur des Systems spielen und sich so Kenntnisse selbst aneignen – dynamisches Lernen statt Frontalunterricht. Lehrer haben im OLPC-Projekt von vornherein nicht die Schlüsselrolle wie in Ägypten. Zwar muss der OLPC-Schul-Server laufen, sonst gibts keinen Internet-Zugang und keine neuen E-Books, sprich Lehrbücher, aber die Vernetzung untereinander läuft auch ohne ihn. Da erfahrungsgemäß Erwachsene schwerer lernen als Kinder, scheint das der bessere Ansatz – Lehrern Computer-Know-how nahezubringen, bleibt auch hierzulande eine anspruchsvolle Aufgabe.
Die Kritiker des Projekts haben mit dem Argument, dass Entwicklungsländer dringend andere Hilfe brauchen als ausgerechnet einen Laptop, sicher recht für Länder, in denen Hunger, Krieg und instabile politische Verhältnisse herrschen. Ein Mindestmaß an Infrastruktur, Lebensstandard und Kampf gegen Korruption muss vorhanden sein, damit der XO-Laptop Sinn ergibt. Das sieht auch OLPC so – nicht zufällig kommen die Hauptinteressenten aus dem Kreis der G20-Schwellenländer. Zudem sieht sich OLPC selbst nicht als Allheilmittel für die Lösung aller Ungerechtigkeiten auf dieser Welt, sondern als einer von vielen NGOs, also nichtstaatlichen Organisationen.