28.04.2006
Zu diesem Zeitpunkt existierte die Handheld-Entwicklerfirma Palm Computing schon knapp vier Jahre, hatte sich aber vor dem "Project Touchdown" wie der Codename des Pilot hieß, vornehmlich für andere Firmen verdingt. So arbeitete das Team um die Gründer Jeff Hawkins, Donna Dubinsky und Ed Colligan auch an dem PDA Zoomer für Casio und Tandy, der die Antwort auf Apples nur mäßig erfolgreichen Newton sein sollte. Doch der Zoomer scheiterte an den gleichen Schwierigkeiten wie schon Apples Kleincomputer: Er war zu groß, zu schwer, zu teuer, zu lahm und die Handschrifterkennung erwies sich eher als Hindernis denn als Hilfe.
Also erarbeitete Jeff Hawkins ein neues Konzept, dem auch heute noch die meisten Palm-PDAs folgen. Der Rechner, den er entwickeln wollte, sollte weniger als 300 US-Dollar kosten, so einfach zu benutzen sein wie ein papierner Planer, seine Daten mit einem PC abgleichen und – das Allerwichtigste – in jede Hemdtasche passen. Was heute selbstverständlich klingt, schien damals unmöglich. Vor allem, weil dem Unternehmen nur 27 Mitarbeiter und drei Millionen Dollar zur Verfügung standen, um diese Vision zu verwirklichen. Für den Misserfolg des Newton hatte Apple immerhin über 200 Millionen Dollar investiert und hunderte von Ingenieuren beschäftigt.
Ed Colligan (links), Donna Dubinsky (Mitte) und Jeff Hawkins brachten den ersten Palm-PDA auf die Welt.
Um die Herstellungskosten zu drücken, musste sowohl die Hard- als auch die Software des kommenden Gerätes genügsam sein. Das Betriebssystem Palm OS sollte mit der Leistung eines günstigen Motorola Dragonball (8 MHz) auskommen, dem 512 KByte Speicher zur Seite standen. Alles, was das System möglicherweise ausbremste, fiel dem Rotstift zum Opfer. Ein Wartesymbol, wie zum Beispiel die von Windows bekannte Sanduhr war nicht vorgesehen – zu langsame Anwendungen musste der Programmierer halt beschleunigen.
Der Anwender sollte mit möglichst wenig Aktionen zum Ziel zu kommen. Deshalb befanden sich alle wichtigen Funktionen bereits auf dem Hauptbildschirm der jeweiligen Programme. Diese kamen mit einem Monochrom-Display aus, das 160 x 160 Punkte anzeigte, ohne unübersichtlich zu wirken. Für die Zeicheneingabe entwarf man einen Algorithmus zur Erkennung einzelner, auf einen kleinen Digitizer unterhalb des Displays geschriebener Buchstaben. Dafür reichte die Rechenleistung des Dragonball-Prozessors gerade noch – und Graffiti war geboren.
Weil sich allein die Produktionskosten der ersten Pilots nach Vorausberechnungen auf fünf Millionen Dollar beliefen, musste sich das junge Unternehmen einen starken Partner suchen, sollte nicht vorzeitig das Geld ausgehen. Nach langer Kungelei mit verschiedenen Firmen – unter anderem auch Compaq und Ericsson – kaufte schließlich der Modem-Hersteller U.S. Robotics Anfang 1996 Palm Computing für 44 Millionen US-Dollar und leistete Schützenhilfe bei der Entwicklung des ersten Handflächen-Computers.
Des Business-Mans liebstes Kind: Der flache Palm Vx ersetzte in vielen Hemdtaschen das Filofax.
Der sollte eigentlich schon im Februar desselben Jahres in den Läden stehen, aber verschiedene Bugs in Soft- und Hardware verzögerten den Marktstart. Probleme bereitete beispielsweise ein Easter-Egg, das einer der Chef-Programmierer, Ron Marianetti, in Palm OS implementiert hatte. Dabei fuhr ein Taxi leider allzu oft auf dem Bildschirm von rechts nach links. Marianetti erstellte das Easter Egg in Erinnerung daran, dass der Pilot ursprünglich Taxi heißen sollte, der Name aber schon markenrechtlich geschützt war. Jetzt musste Marianetti diesen selbst produzierten Bug entschärfen.
Wegen solcher Verzögerungen trudelten die ersten versandfertigen Pakete erst am achten April bei Palm ein. Zu diesem Zeitpunkt dachte eigentlich niemand mehr an einen Erfolg der Taschencomputer, hatten sich doch alle anderen Versuche durchweg als Misserfolge entpuppt. Aber die Rechnung ging auf: Obwohl die Firma schon mit 30 000 verkauften Geräten zufrieden gewesen wäre, riss die Nachfrage nicht ab. Zum Ende des Jahres 1996 beherrschte Palm bereits den Handheld-Markt mit 70 Prozent nach verkauften Stückzahlen. Nach 18 Monaten – pünktlich zur ersten Entwicklerkonferenz – hatte die Firma über eine Million Palm Pilots an den Mann gebracht. Weil das Software Development Kit für den Palm Pilot kostenfrei erhältlich war, gab es schnell eine riesige Gemeinde von Hobby-Programmierern, die tausende Applikationen für fast jeden Zweck erstellten.