Im industriellen Umfeld ist das Potenzial der Augmented Reality zwar schon länger bekannt [1], „aber bisher werden die Systeme nur in Prototypen eingesetzt“, erklärt Wolfgang Broll. Er leitet am Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik (FIT) bei Bonn den Geschäftsbereich „Kollaborative Virtuelle und Augmentierte Umgebungen“. Ihm zufolge arbeiten die bisher in der Industrie entwickelten Prototypen noch nicht robust genug für den praktischen Einsatz.
Eine dankbare Spielwiese für Prototypen ist der Kulturtourismus. „Viele Leute wollen vor Ort keine langen Texte lesen, sondern einfach wissen, was wo war“, stellt Michael Zöllner vom IGD fest. Deshalb haben die Fraunhofer-Forscher an der Grube Messel bei Darmstadt ein AR-Teleskop aufgestellt.
Die Grube ist eine derart bedeutende Lagerstätte für Fossilien, dass die Unesco sie zum Weltnaturerbe ausgerufen hat. Für das bloße Auge sieht der Ort dennoch unspektakulär aus. Zöllner gibt zu: „Es ist schwer zu kommunizieren, dass es sich dabei um eine enorm wichtige Fundstelle handelt.“ Sein AR-Teleskop gleicht rein äußerlich den üblichen Münzfernrohren. Blickt man jedoch hindurch, reichert die Optik die Umgebung um Darstellungen der Funde und Bodenprofile an.
Augmented Reality lässt sich auch für virtuelle Führer durch ein Museum nutzen oder um eine Stadt historisch zu erforschen. So betreibt das IGD derzeit ein Projekt zur AR-Darstellung der Berliner Stadtentwicklung zwischen 1940 und 2008. Das Haupthindernis auch hier: die Datenlage. Nur selten gibt es ausreichend gesicherte Informationen, um Gebäude lückenlos in 3D nachzubilden. „Historiker haben Bedenken, dass die Modelle Fehler enthalten, die sich durch die Darstellung im Bewusstsein der Betrachter verfestigen“, berichtet Michael Zöllner. Als Konsequenz projiziert das IGD beim Blick auf den Reichstag nur Texturen aus historischen Fotos in die AR-Ansicht.